Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 5)

Renitente

sind ein fast untrennbarer Bestandteil einer Veranstaltung über Themen, die mit Juden im Zusammenhang sind. Warum auch nicht? Sie bringen ein wenig frischen Wind in eine trockene Veranstaltung und äußern Meinungen, über die andere nachdenken können. In unserer Runde kristallisierten sich zwei Renitente heraus, wenn auch von gegensätzlichen Standpunkten aus.

Nach den Vorträgen war es üblich, dass der Referent auf Fragen antwortete. So wurde u.a. gefragt, wie es mit dem Antisemitismus in der DDR gewesen sei oder wie man vermeiden kann, dass europäische Juden mit dem Nahostkonflikt identifiziert werden. Ein Seminarteilnehmer, der sich als pensionierter Verfassungsrichter vorgestellt hatte, legte am meisten Emotionen in seine Fragen und ließ keine Ruhe. Seine Fragen zeigten kein Interesse am Antisemitismus, sondern er sah seine Berufung darin, über den israelisch-palästinensischen Konflikt aufzuklären. Da der Referent des ersten Abends diese Verwicklung auch für einen bedenkenswerten Fakt hielt, fragte ich, welchen Grund denn Iran und arabische Länder hätten, nachweislich und immer wieder die Vernichtung Israels zu propagieren. Weiter fragte ich, welchen Konflikt und welches „Körnchen Wahrheit“ es in der Nazizeit gegeben hätte, worauf man sich berufen hat um Juden „fälschlicherweise“ zu verdächtigten und umzubringen. Darauf erhielt ich keine Antwort.

Am nächsten Tag wurde die Erbitterung des Verfassungsrichters noch konkreter. Seine Einstellung erklärte er folgendermaßen: Nichts hätte ihn sei Leben lang so umgetrieben wie der Holocaust, und nach langem Nachdenken wäre er zu dem Schluss gekommen, dass man niemanden unterdrücken, erniedrigen, umbringen darf. Auch die Juden dürfen das nicht, und darum kann er sich mit dem Unrecht, das in Israel geschieht, nicht abfinden. Dafür erhielt er Applaus. Er setzte zu einem Vortrag über das Unrecht der Entstehung des jüdischen Staates an, was unterbunden wurde, weil es nicht Thema der Veranstaltung war. Eine Teilnehmerin mischte sich ein und erzählte, dass sie sowohl in Israel als auch in Gaza gewesen sei und dass die tatsächlichen Zustände dort nicht das Geringste mit den Schilderungen des Richters zu tun haben. Ich fragte ihn, ob er je dort gewesen sei, was er verneinte. Er hätte sich aber genau informiert und weiß wie die Straßenverläufe, Mauerverläufe, Wasser in der Westbank …. seien. Als er wieder einmal sagte: „Israel ist ein Unrechtsstaat!“, herrschte ich ihn an: „Israel ist ein Rechtsstaat!“. „Ja, aber im palästinensischen Staat…!“ Ich sagte: „Den Staat Palästina gibt es nicht, der hat sich nie gegründet und im Übrigen, herrscht dort fast überall die Autonomiebehörde“.

Der Richter hatte aber noch ein größeres Problem als den Staat Israel, nämlich, dass er wegen seiner Ansichten für einen Antisemiten gehalten werde. „Bitte erzählen sie uns eine drastische Begebenheit, wo ihnen das je geschehen ist“, bat ich ihn. Da antwortete er: „Ich weiß, dass die Leute so denken!“. Da ich Antworten von dieser Qualität schon öfter irgendwo gehört habe, setzte mich seine Erklärung nicht in Erstaunen, sie ließ aber Zweifel an der Verfasstheit unseres Rechtswesens aufkommen. Interessanterweise wurde ich vom Richter nie direkt wegen meiner renitenten Ansichten angesprochen. Auch sonst nahm mich in den Pausen niemand zur Seite, weder anerkennend noch belehrend. Resolute Pfarrfrauen aus den 90-ger Jahren, wie sie mir auf einer Israelreise begegneten und die mir nach einem ähnlichen Auftritt den Rat gaben: „Ja, gerade wir als Deutsche dürfen uns bei diesem Konflikt auf keine Seite stellen. WIR haben gleich gemerkt, dass SIE auf der anderen Seite stehen!“, scheinen inzwischen ausgestorben zu sein. Auf der Tagung gab es aber doch einige Teilnehmer, die Aussagen tätigten, die denen des Verfassungsrichters sehr entgegenstanden.

Beim Abschlussgespräch äußerte der Richter seine große Enttäuschung über die Tagung, er wäre überfallen und beleidigt worden. Das schien er nicht mir persönlich anzulasten, sondern den Tagungsteilnehmern insgesamt, die ihm nicht in gebührender Weise zur Seite gestanden haben.
(Fortsetzung folgt)

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