Donnerstag, 5. August 2021

Im Zahnarztraum

Einige Verwicklungen des Lebens haben es mit sich gebracht, dass sich mein jetziger Zahnarzt in genau demselben Haus befindet, in das ich schon in der Kindheit und Jugend zum Zahnarzt ging. Die Aufteilung des Hauses, von der Patientenaufnahme über die Türen, Fenster, Treppe im Warteraum u.a. hat sich nicht geändert, so dass ich mich um einige Jahrzehnte zurück versetzt fühle, wenn ich dort warte.

Raum

Die wartenden Patienten sind von ähnlichem Typ, wie ich es gewohnt war. Als ich vor Kurzem zum Zahnarzt kam, bot sich mir an der Rezeption ein Bild, wie ich es bis dahin dort noch nie gesehen hatte: muslimische Frauen, wahrscheinlich Großmutter, Mutter und deren halbwüchsige Töchter verhandelten längere Zeit mit der geduldigen Rezeptionsschwester. Das Problem war eine Chipkarte, die nicht „durchgezogen“ werden konnte, also genau das, worauf es der Zahnarztschwester ankam. Alles spielte sich fast lautlos ab, das größere Kind fungierte als Dolmetscher. Das Problem wurde schließlich gelöst, beide erwachsene Muslima bekamen später eine Behandlung.

Der Anblick der Gruppe wirkte exotisch: Die Frauen waren in lange schöne Gewänder gehüllt, bei den Mädchen war allerhand Glitzer zu sehen. Die Frauen ersetzten die fehlende „Maske“ durch Auf- oder Abziehen ihrer Kopfverhüllung. (Malerischer als die „Ureinwohner“ sahen sie allemal aus).

Ich stellte mir vor, wie es gewesen wäre, wenn sich ca. 50 Jahre zuvor diese Gruppe im Warteraum aufgehalten hätte. Die meisten Menschen hätten vermutet, dass die DEFA hier einen Märchenfilm dreht, manche wären vielleicht in Ohnmacht gefallen. Stadtgespräch für mehrere Wochen wäre es auf jeden Fall gewesen.

So kam mir in den Sinn, dass es ebenso gut möglich wäre, dass in 50 Jahren in immer noch demselben Zahnarzthaus mit der gleichen Raumaufteilung sich wieder ganz andere Arten von Menschen bewegen können. Verschiedene Varianten malte ich mir aus: vielleicht, dass Muslima die Rolle des Zahnarztes einnehmen, oder dass verschiedene Menschen verschiedener Hautfarben als Patienten bunt durcheinander gemischt wären, oder dass man nach Geschlecht getrennt sitzen würde. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Einen Zahnarzt wird man wohl in 50 Jahren auch noch benötigen, und so lange die zahnärztliche Behandlung gewährleistet ist, müssen wir uns – jedenfalls in dieser Hinsicht – keine Sorgen machen.

Mittwoch, 28. Juli 2021

Geschichte – anhand von vier Generationen von Pfarrern

In der früheren Zeit war es oft üblich, dass sich Berufe durch mehrere Generationen ziehen. (Von Ärzten und Pfarrern habe ich es gehört). So denke ich anhand der Verwandtschaft an vier Pfarrergenerationen. Alle habe ich persönlich gekannt oder wenigstens gesehen.

Den Ältesten hat die ganze Wucht von Geschichte getroffen (im Habsburger + Wolhynischen + Tschechischen Bereich) Erster Weltkrieg, Gründung der Tschechoslowakei, Leben in Wolhynien, Kommunismus. Aussiedlung des gesamten wolhynisch-tschechischen Dorfes (Es gab nicht nur Aussiedlungen von Deutschen nach dem zweiten WK, die gab es damals überall). Jahrzehntelang war er derjenige, der die inzwischen Ausgesiedelten in der kommunistischen Tschechoslowakei zusammen hielt, denn sie mussten aus ideologischen Gründen in der neuen Heimat zerstreut leben, damit sie keine Gruppen bilden.

Ich sehe noch seine Beerdigung an einem heißen Julitag 1983: Sein Sarg wurde von mit ihm verwandten Trägern, die sich abwechselten, die ca. 800 m von der Kirche den hohen Hügel zum Friedhof hinaufgetragen. 14 Pastoren im Talar begleiteten den Sarg, und darauf folgte der Trauerzug von mehr als 1000 Personen. (Versammlungen konnten die Kommunisten verbieten, Beerdigungen nicht.)

Sein Schwiegersohn war Dorfpfarrer, die gesamte kommunistische Zeit über. Dessen Frau, Tochter des „Patriarchen“, hatten die Kommunisten wie allen Kindern übel mitgespielt. Sie arbeiteten als: Heizerin, der am meisten Drangsalierte als Kanalreiniger (nach der Wende war er Professor an der Karlsuniversität), einer schaffte es unter unglaublichen Umständen Arzt zu werden, und eben letztgenannte Tochter war Pfarrfrau und arbeitete zuletzt als Schwester in einem Sanatorium.

Mittags kam also unsere Tante von ihrem Dienst im Sanatorium nach Hause. Dann versammelten sich die Frauen in der Küche. Es wurde geschält, gebacken, gekocht unter ununterbrochenem Schwatzen. Verwandte waren da oder einfache Frauen aus dem Dorf, auf jeden Fall war immer jemand da. Die Unterhaltungen drehten sich ums Kochen und Backen, um die Schicksale der Menschen im Dorf oder z.B. um die Erlebnisse, wenn Kommunismus und Kirche aufeinander geprallt waren. Die Machtausübung der Kommunisten auf die Kirche war immens, denn anders als in der DDR, gab es keine selbständige Kirche, sondern die Pfarrer waren Staatsangestellte und direkt vom Staat abhängig.

Auch diese Zeit ging vorbei. Ein Sohn wurde dann wieder Pfarrer. Seine junge Pfarrertätigkeit fiel direkt in die „Wende“. Er hat dann auch schon im Ausland (wohl noch in der DDR?) studiert, hat später sehr aktive und verantwortungsvolle Aufbauarbeit geleistet und war in seinem Sprengel Superintendent. Einer seiner Söhne wurde auch wieder Pfarrer. Den kenne ich nur als kleines Kind und weiß nicht viel von ihm. Wo er überall studiert hat, weiß ich nicht, aber die Welt steht ihm offen. Neulich besuchten wir seinen Vater, und der erzählte uns freudig, dass der Sohn mit seiner jungen Frau und dem Kind gerade Urlaub auf einer griechischen Insel macht und dass er ihm ein Foto davon auf´s Handy geschickt hat. Ein Handyfoto, wie sie täglich millionenfach verschickt werden: ein junges Paar mit kleinem Kind vor Meereskulisse. Aber warum soll eine junge Pfarrersfamilie nicht so leben, wie Millionen andere auch?

Meine Phantasie reichte nicht aus, um mir vorstellen zu können, dass Großeltern oder Urgroßeltern des jungen Pfarrers je auf diese Weise Urlaub gemacht hätten, selbst wenn die Möglichkeit dazu vorhanden gewesen wäre. Damals reisten sie auch: zu ihren Verwandten, mit denen sie eine Zeit lang zusammen lebten, sich gegenseitig halfen oder etwas zusammen unternahmen. Die Kinder wurden in den Ferien gegenseitig ausgetauscht, so dass Cousins und Cousinen wie Geschwister aufwuchsen.

Ich dachte aber auch: `ob einst dem Sarg des jüngsten Pfarrers dieser vier Generationen mehr als tausend Menschen folgen werden?` Doch die Geschichte mag noch allerhand Überraschungen bereit halten, und manchmal wird jemand allein durch die Lebensumstände gezwungen sein, eine Rolle einzunehmen, die ihm die Umstände der heutigen Zeit verwehren.

Freitag, 23. Juli 2021

Flüchtlinge und Einheimische

In der nächsten Kleinstadt, in der wie in vielen ähnlichen Städten, eine Reihe von Flüchtlingen untergebracht sind (ich benutze dieses unkorrekte Wort), kann man beobachten: Die Spaltung zwischen Einheimischen und Flüchtlingen ist ungleich kleiner als die zwischen Arm und Reich. Die Stadt, an einem schönen Gewässer gelegen, hat sich in den ca. 30 Jahren nach der „Wende“ so entwickelt, dass es einen krassen Unterschied gibt zwischen den Stadtgebieten, die am Wasser gelegen sind und den „hinteren Teilen“ der Stadt. Ich bezeichne sie als „Teil Arm“ und „Teil Reich“.

Das gesamte Gebiet am Wasser ist voll von Glanz und Reichtum: Hotels, Ressorts (was immer das sein mag), Eigentumswohnungen für Menschen aus Nah und Fern, Flaniermeile, Kunstwerke; Yachten im Wasser. Dazu das entsprechende Publikum: kulturbeflissene Touristen, Yachtbesitzer usw. Von diesem touristischen Highlith gelangt man durch eine schon etwas verrumpelte Hauptstraße, in der es wechselnde Geschäfte, Dönerläden, vietnamesische Billigkaufhäuser usw. gibt, in den „Teil Arm“. Da sieht es entsprechend aus. Etwas verbessert gegenüber dem desolaten Zustand in der Vorwendezeit, aber nicht viel. Das DDR-Plattenbaugebiet, in dem allerhand Flüchtlinge untergebracht sind, gehört auch dazu.

Gestern erlebte ich in „Teil Arm“ eine anrührende Episode. Ich wartete eine Weile am Bahnhof, weil ich Verwandte vom Zug abholen wollte. In einem sich vor dem Bahnhof befindenden Bushäus´chen „hängten“ drei Kinder „ab“, wie das in Bushäus´chen üblich ist. Sie hatten irgendwelche Elektroroller bei sich und ein Gerät, aus dem laute Musik tönte. Sie waren noch recht jung, etwa 8 bis 10 Jahre, einer davon offensichtlich ein „Flüchtlingsjunge“, dazu zwei Einheimische.

Da ich Zeit hatte, wollte ich erkunden, wie diese Jungs miteinander umgehen und setzte mich mit möglichst unbeteiligtem Blick zu ihnen ins Häu´schen. Nach einer Weile stellte sich der ca. 8-jährige deutsche Junge vor mich und sagte: „Wie geht es dir?“ Ich war verblüfft (und hatte die Erkenntnis, dass Kinder in diesem Alter durchaus daran interessiert sind, dass sie von Erwachsenen wahrgenommen werden, und dass man sich mit ihnen beschäftig). Sofort ergriff ich die Gelegenheit zu einem Gespräch und antwortete: „Gut. Aber geht ihr in eine Klasse oder seid Freunde?“ Bevor eine Antwort kommen konnte, wies ihn der Flüchtlingsjunge zurecht“: „Das heißt: ´wie geht es I h n e n!´, hast du denn keinen Respekt?“ Der kleinere Junge war sehr verlegen und sagte: „Ich verwechsele das immer“. Darauf antwortete ich: „Weißt Du, früher war es so, dass Kinder zu Erwachsenen Sie sagen, aber heute kann man das anders sagen, du hast das ganz richtig gefragt“.

Leider kam dann der Zug. Die Jungs zogen auch ab. Meine Gedanken gingen etwa in folgende Richtung: Wie empfänglich sind doch Kinder (vor der Pubertät), egal ob Flüchtlinge oder Einheimische für das Zusammensein mit Erwachsenen, und wie sehr man kann man sowohl positiv als auch negativ auf sie einwirken. Ob es in der Stadt soziale oder kirchliche Einrichtungen gibt, die sich mit diesen Kindern befassen? Ob die entsprechende Kirchengemeinde, die Millionen für Restaurierung, neue Orgeln usw. ausgibt, auch Personal hat, das sich mit den Flüchtlingskindern und den Kindern von „Teil Arm“ beschäftigt? Damals, als die Flüchtlinge kamen, hatten sich ja in der Stadt verschiedene Flüchtlingsinitiativen gegründet (hauptsächlich aus rüstigen unterbeschäftigen Rentnerinnen). Hoffentlich haben diese den langen Atem und die gesundheitlichen Voraussetzungen, sich weiter mit ihren Neubürgern beschäftigen zu können.

Für mich war es jedenfalls ein sehr schönes Erlebnis an einem langen intensiven Sommertag.

Dienstag, 20. Juli 2021

Zwei mal ein Abschied

Wenn ich zurück denke: Die viel interessantere Zeit in der „Wende“, die im gesellschaftlichen Bewusstsein vom Glanz der „friedlichen Revolution“ überschattet wird, waren die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung, bzw. Währungsunion. Es wäre Wert, sich ausgiebig damit zu beschäftigen, von den Brüchen, den Umwälzungen, den Schicksalen. Diese sollte man sich im einzelnen betrachten.

So sage ich manchmal: `Die Zahnärzte sind in eine Goldgrube gefallen, die Tierärzte in eine Jauchegrube`. Im gesellschaftlichen Status etwa gleichwertig, konnte die Zahnärzte in Windeseile -die Krankenkassen bezahlten es -, das aufholen, was sie in Jahren zuvor an Geldverdienen hatten versäumen müssen. Tierärzte dagegen gab es mehrfach so viele, wie in der adäquaten westdeutschen Gesellschaft. Die landwirtschaftlichen Groß-Tieranlagen hatten zu viele Tierärzte angestellt, die inzwischen florierende Haustierhaltung war noch nicht in Gang gekommen, und man wollte seine neu erworbene D-Mark auch nicht unbedingt gleich für Hund und Katze ausgeben. So habe ich in mehreren Dörfern den Verdrängungswettbewerb der zu vielen Tierärzte mit verfolgen können. Manche versuchten den Weg in die Selbständigkeit, manche gaben auf, manche schulten um, manche hielten sich mit interessanten ABM-Aufgaben bis zur Rente über Wasser.

Meine Tierärztin-Freundin Gisela hat es nicht geschafft. In einer sehr strukturschwachen Region lebte sie auf einem Bauernhof von dem aus man sich, um überhaupt zu einer Straße zu kommen, gut 500 m über einen äußerst rumpligen Feldweg quälen musste. Neben ihrem sehr netten aber nicht geld-wirtschaftstüchtigen Ehemann hatte sie vier heran wachsende Kinder zu ernähren. So nahm sie bald einen Job als Betreuerin in einem nahe gelegenen „Alkoholikerdorf“ an. Das war eine soziale Einrichtung der Diakonie, die fast alle Häuser des winzigen Dorfes belegte, und in der alkoholabhängige Menschen, die in Pommern ständig nachwachsen, „für´s Leben fit“ gemacht werden sollten, d.h. in der Regel aufbewahrt wurden. Gut 20 Jahre lang arbeitete sie dort sehr engagiert als Betreuerin. Kurz bevor die Rente nahte, hat sie sich leider durch einen unverzeihlichen Fehler ihren Weggang verdorben.

Die Sache war so: Einmal in der Woche packte Gisela den Kleintransporter voll mit Klienten, fuhr mit ihnen in die nächste Stadt (20 km), damit die Leute im aldi billig für sich einkaufen konnten. Dabei beging Gisela eine unverzeihliche Untat: Anstatt draußen auf ihre Klienten zu warten, schnappte sie sich – pragmatisch - einen Einkaufwagen und kaufte für ihre Familie ein. Schon damit sie sich abends das zweimalige Rumpeln auf dem Feldweg ersparen konnte. Jemand wollte ihr Böses und zeigte an, dass sie in der Arbeitszeit private Einkäufe tätigt. In der Leitung der Diakonie war man außer sich über dieses Arbeitsrechtvergehen. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung gegen die unbotmäßige Mitarbeiterin. Das Ergebnis war ein in die Akten eingetragener Verweis und 30 Strafstunden. Und natürlich viel Bitterkeit dem ehemaligen Arbeitgeber gegenüber. Die Strafstunden waren kein Problem, denn Gisela hatte im weiten Umkreis in vielen sozialen Einrichtungen Freunde und Bekannte, bei denen sie diese 30 Stunden gern verbrachte und ableistete. Den Verweis, der sie in den Ruhestand begleitete, empfand sie als Erniedrigung, aber die Zeit setzt sich über alles hinweg. Ihren Aktivitäten und ihren Freundschaften als Rentnerin tat dieser Verweis keinen Abbruch, später lachten wir darüber.

Leider konnte meine Freundin ihren erfüllten Ruhestand nur 7 Jahren erleben, mit 72 Jahren starb sie an Krebs. Auf ihrer Beerdigung konnte man sehen, was für eine Frau es war, die die Diakonie mit einem arbeitsrechtlichen Verweis verabschiedet hat. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle Menschen des Dorfes waren gekommen, dazu Freunde und Verwandte aus der Ferne und aus der Nähe. Der Kondolenzzug am Ehemann und an den inzwischen erwachsenen (und sehr tüchtigen) Kindern war endlos. Ich empfand es so, dass die Diakonie sich mit ihrem Verweis selbst erniedrigt hat.

Dienstag, 13. Juli 2021

Er hat „Negermusik“ gesagt!“

Oft frage ich mich, warum alles Mögliche angeblich „immer schlimmer“ wird: die Spaltung in der Gesellschaft, die Gleichgültigkeit im persönlichen Umgang oder „Hass-und Hetze“ oder sonst etwas. Schon seit Jahrzehnten bekommt man Bekundungen etwa jener Art zu hören: `Brutalität und Gewalt gab es schon immer, aber die Intensität ist jetzt eine ganz andere`. (Dann denke ich: `Von der Brutalität und Gewalt in den 40-ger Jahren hast du wohl noch nie etwas gehört?`) In meinem persönlichen Leben kann ich Feststellungen jener Art nicht treffen, aber es interessiert mich, ob das wirklich mit dem „immer schlimmer“ so ist, und wie das funktioniert.

So kam mir in diesen Überlegungen ein Gespräch mit einer Journalistin sehr entgegen. Wir sind weitläufig miteinander bekannt, es ist eine sehr angenehme und gebildete Frau. Als „Freischaffende“ hat sie es nicht leicht, und so ist sie immer auf der Suche nach Themen. Sie schreibt für seriöse Zeitungen, z.B. für Kirchen- Lokal- und jüdische Zeitungen. In meinen Überlegungen, warum heutzutage vieles „immer schlimmer“ wird (wozu ich nicht Brutalität, sondern das Niveau der allgemeinen Medien zähle), stellte ich ihr keine direkten Fragen, sondern ich hörte mir an, was sie zu erzählen hat.

Ein wenig misstrauisch war ich geworden, weil sie auf der Suche nach Themen immer nach „Positivem“ spähte. Sie fragte mich z.B., ob ich Menschen kenne, die ihr Leben radikal geändert haben, um etwas Positives für die Gesellschaft bewirken zu können. Ich selbst würde, zumindest als Journalist, an die Sachen so heran gehen, dass ich mir anschaue, was um mich herum ist und das irgendwie beschreiben und deuten.

Im Grunde machte es die Frau auch so. Weniger, wenn sie schrieb, sondern wenn wir miteinander plauderten. Sie überlegte, ob sie aus der sozialen Ferienreinrichtung, in der sie sich aufhielt, einen Artikel über eine Gruppe von Flüchtlingen schreiben solle. „Die haben mir unheimlich gut gefallen, die hatten einen tollen Pädagogen als Gruppenleiter“. Bei unserer Unterhaltung tätigte sie, so für sich selbst, mehrmals die Aussage: „Ach, „Flüchtlinge“ soll man ja nicht sagen!“ (Sie hatte also eine Schere im Kopf. Im persönlichen Gespräch nannte sie die Leute doch immer wieder Flüchtlinge, und gar nicht benutzte die sie so genannte Gendersprache, weil die in flüssiger Unterhaltung einfach zu umständlich ist). Es wäre wirklich sehr nett mit den Flüchtlingen gewesen. Obwohl: da gab es auch einen unschönen Vorfall. Über den wollte sie nicht schreiben, aber mir erzählte sie ihn sehr munter. Außer den „Flüchtlingen“ hielten sich noch sozial schwache und kinderreiche Familien in der Sozialeinrichtung auf. Da hatte es Ärger gegeben. Abends war es zu lange laut gewesen, und schließlich hatte einer der sozial schwachen Väter die Flüchtlingsgruppe zurecht gewiesen mit den Worten: „Hört auf mit eurer Negermusik!“.

Das ist eine Begebenheit wie sie in einem völlig überlaufenen Tourismusgebiet Gang und Gäbe ist, und normalerweise wäre die Situation leicht gelöst, vor allem da ein „toller Pädagoge“ vorhanden war. Anstatt die Situation aber zu beschwichtigen – denn es gibt eben nun mal Menschen, die aufbrausend sind, die in ihrer Wortwahl nicht politisch korrekt sind, und die um den Nachtschlaf ihrer Kinder besorgt sind -, wurde ein großes Theater um das politisch nicht korrekte Wort inszeniert.

Der tolle Pädagoge hätte sagen können, dass er die Bezeichnung Negermusik für nicht angemessen hält, aber dass ihnen als Gruppe nicht bewusst gewesen war, dass hier Kinder schlafen. Dann hätte es kein Problem mehr gegeben. Es entbrannte aber eine ungeheure Empörung über das Wort Negermusik. Auch meine Bekannte stand in diesem Fall voll hinter dem Leiter der sozialen Einrichtung, den sie mir ansonsten als recht empathielos beschrieben hatte. Dieser drohte dem angeprangerten Vater an, dass er ihn anzeigen werde, wenn er sich nicht sofort für das böse Wort entschuldigt. (Ich dachte: `Oh, kann man für so ein böses Wort schon angezeigt und verurteilt werden?´) Meine Bekannte, die Journalistin, sagte mir: „Ich bin ja neugierig, ich konnte das Gespräch am offenen Fenster mitanhören!“. Also, eine richtige Journalistin war sie schon, aber ihr war nicht bewusst, dass sie schon von Ideologie geprägt war. Der böse Vater hat sich dann für das Wort entschuldigt. Die Sache war bereinigt. Was aber „in" dem Vater hängen geblieben ist, nachdem er als Bösartiger an den Pranger gestellt worden war, sein berechtigter Wunsch nach Nachtruhe für seine Kinder aber nicht thematisiert worden war, das kann man zumindest ahnen.

Man sollte sich nicht über die „Spaltung der Gesellschaft“ wundern, sondern sich eher überlegen, nach welchen Mechanismen diese zustande kommt.

Montag, 5. Juli 2021

Die alten PDS-ler (Teil 2, Ende)

Dann erfolgte die zweite Beschwerde, diesmal nicht von mir. Einige verängstigte Parteigenossen („Genossen“ bedeutete immer SED, denn in den anderen Parteien nannte man sich, glaube ich, Parteifreunde) verstanden die Welt nicht mehr, sie waren völlig konfus (einschließlich des Genossen Wahlleiters), sie wussten aber, dass man sich beschweren darf. Und so brachte jemand empört die Beschwerde vor, dass draußen jemand gesagt hätte: „jetzt kommen die Schweine von der PDS“. Das kann durchaus möglich gewesen sein, denn in den Zeiten war man nicht zimperlich, und so mancher sagte das, was ihm gerade in den Sinn kam. Ich meldete mich also noch einmal zu Wort und sagte, dass ich solche Bezeichnungen unmöglich und einer Wahl nicht angemessen finde.

Das war alles, wir gingen nun ohne weitere Vorkommnisse zur Wahlschulung über. Ich aber hatte mir mit meinem Eintreten für die PDS-ler einen Freundeskreis geschaffen. Sie müssen wohl so verunsichert gewesen sein, dass meine Worte doppelt wogen, ich wurde jedenfalls für alle Zeit sehr, sehr freundlich von ihnen gegrüßt. Zu Hause erzählte ich immer schmunzelnd davon. Jetzt ist, wie erwähnt, nur noch einer da von der Riege derjenigen, die erst nach „vollendeter Wende“ erfuhren, was der neue Staat für Wohltaten auch für sie bereithielt. (In der PDS bzw. „die linke“ blieben sie natürlich und jammerten über ihren verloren gegangenen Status).

Doch nicht nur mein Eintreten für sie bei der letzten Volkskammerwahl mag ein Grund für dieses freundliche Grüßen gewesen sein. Menschen, die eine Zeitepoche miteinander durchlebt haben, mögen sie auch Kontrahenten gewesen sein, fühlen sich viel stärker miteinander verbunden, als ganz Unbeteiligte aus anderen Umfeldern. Das habe ich aus dem Buch „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz erfahren, wo ich mich beim ersten Lesen wunderte, dass der damalige Sozialdemokrat Conny, der beim Plakate Kleben von den Nazis zusammengeschlagen wurde, später, als sie alle in Schleswig Holstein gelandet waren, dann gut Freund mit demjenigen Schläger war. Natürlich: der Verlust der gemeinsamen Heimat Ostpreußen hielt sie viel fester zusammen, als ihre damalige Feindschaft sie trennte.

Ähnlich ergeht es mir mit „alten Genossen“. Mit manchen plaudere ich ein wenig, mit manchen ehemalig feindseligen Lehrerinnen grüße ich mich freundlich. Eine gemeinsam durchlebte Zeit ist ein starkes Bindemittel.

Freitag, 2. Juli 2021

Die alten PDS-ler (Teil 1)

Bei einem Ausflug kam mir ein älterer Herr in einem elektrischen Seniorenwägelchen entgegen und grüßte mich freundlich schon von Weitem. Das ist der letzte aus der Riege, die wir die „alten PDS-ler“ nennen. In Wirklichkeit waren das SED-Parteifunktionäre aus dem Ort. Jeder größere Betrieb hatte einen hauptamtlichen Parteisekretär, der auch in betrieblichen Dingen das letzte Wort zu sagen hatte. (Bekanntermaßen nannte sich die SED in PDS um, später in „die linke“, aber wir sind bei der Bezeichnung PDS-ler stehen geblieben). Die Parteifunktionäre waren in unserem Ort natürlich gut bekannt, und in der „Wende“ spielten sie eine besondere Rolle, es waren diejenigen, gegen die sich der Zorn der Bevölkerung richtete. In gewisser Hinsicht war ich eine Gegenspielerin der Funktionäre, denn ich gehörte zu den sehr wenigen Einwohnern, die nicht zur Wahl gingen. Wenn ich nach dem Grund dafür gefragt wurde, antwortete ich, dass es nur eine Wahl ist, wenn man verschiedene Wahlmöglichkeiten hat, insofern wäre das für mich keine Wahl. (Es gab zwar verschiedene Parteien ((CDU, LDPD, NDPD, Bauernpartei)), aber diese hatten sich mit der SED zur „Nationalen Front unter Führung der SED zusammen geschlossen).

Nach den Stürmen der Wende fand im März 1990 die erste frei Volkskammerwahl der DDR statt. Hierzu hatte ich mich als Wahlhelferin angemeldet. Dabei provozierte ich die kuriose Episode, dass ich den angesetzten Wahlleiter anzweifelte, der auch schon bei der letzten Wahl Wahlleiter gewesen war. Fast ein Jahr zuvor, im Mai 1989, hatte eine Kommunalwahl, noch im alten Stil, stattgefunden. In Verzweiflung über die schon damals angefangenen Demonstrationen, Proteste und vor allem Fluchten in den Westen, hatte man beschlossen, dass der Zusammenhalt der DDR-Bevölkerung besonders demonstriert werden müsse. Also wurde in dieser Wahl noch mehr gefälscht als sonst.

Einen höheren Status als das Wahlergebnis hatte in der DDR die Wahlbeteiligung, die musste an die 100 % sein. Die Wahlergebnisse, samt Wahlbeteiligung hingen nach einer Wahl in öffentlichen Schaukästen aus. Mein damaliger Wahlbezirk hatte ein Ergebnis von 100 % Wahlbeteiligung angegeben. Ich erklärte also dem jetzigen und gleichzeitigen vorherigen Wahlleiter, dass er bei der Kommunalwahl 1989 bei den 100 % Wahlbeteiligung gefälscht haben muss, denn ich war damals nicht zur Wahl gegangen. Zum Beweis konnte ich mein unbenutztes rosa Wahlkärtchen vorweisen. Das war ihm etwas peinlich, er entschuldigte sich verlegen, blieb aber Wahlleiter, weil es ja auch kein anderer machen wollte.
(Fortsetzung folgt)

Freitag, 18. Juni 2021

Von meinen ersten Westreisen nach dem Bau der Mauer brachte ich zwei Überlegungen mit: (Teil 3)

Nun komme ich noch einmal darauf zurück, dass mir bei den damaligen Westbesuchen viele Menschen wie Figuren aus dem Werbefernsehen vorgekommen waren. Die Leute verhielten sich so, als hätten sie nicht einmal eine Ahnung davon, dass es Zeiten und Gesellschaften gegeben hatte, in denen man vollkommen anders lebte und handelte, als es jetzt der Fall war. Morgens blätterte die Tante die Werbeprospekte aus der Tageszeitung durch und studierte die „Angebote“ und überlegte, was sie eventuell davon kaufen würde (das war die Tante, die nach jener Familiendiskussion weinend zu mir sagte: „Aber s i e haben doch unseren Heiland gekreuzigt!“ )

Es schien, als lebten die Menschen ohne Vergangenheit. Sie strahlten die Botschaft aus: wenn alle so leben würden wie wir, dann wäre die Welt in Ordnung. Es musste aber doch anderes gegeben haben, als die augenblickliche heile Welt. Warum standen beim Onkel, der 6 Jahre im Krieg gewesen war, einige Bücherregale voller Schlachtenberichte? Warum sagte mir jemand, dass der wichtigste Tag des Jahres für den Vater das jährliche Kameradschaftstreffen sei? Es gab auch damals schon (außer Schlachtenberichten) Literatur über den Krieg, über Judenvernichtung, über Massaker in fremden Ländern, über die Blockade von Leningrad usw. Das hatte alles zu den Lebzeiten der Älteren stattgefunden, und sie waren mehr oder weniger involviert gewesen.

Aber es kam, wenn die Gesellschaft die Kontrolle über ihr steriles Verhalten verlor, Leidenschaft und Verbitterung hervor, so dass ich bei jener erbitterten Diskussion (ausgelöst durch eine Anekdote über einen jüdischen Hausierer in den 20-ger Jahren) selbst von meinem Onkel, einem hohen Beamten und sehr ausgefeilten Redner, den Satz vernahm: „Immer wird nur darüber geredet, was wir gemacht haben, aber niemand redet darüber, was u n s angetan wurde!“, zwei Ausschließlichkeiten, die ich in vielen Variationen schon gehört hatte. („Na und? Wir haben auch genug gelitten!“ war auch in der DDR ein Standardsatz).

Kurz gesagt: mir kam die westdeutsche Gesellschaft wie ein künstliches Werbegebilde vor, werbend für das „ideale Deutschland, das Beste, was es je gegeben hat“, unter dem gar nicht so versteckt ein hässlicher "Pferdefuß" hervorschaute.

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