Freitag, 11. September 2026

Nichts ist so überzeugend wie das eigene Erleben,

und deshalb wiederhole ich heute einen Beitrag, der von der Beschäftigung mit dem "11. September" handelt. Die Behauptung, die Juden hätten diesen Terror organisiert, kommt auch darin vor. Man liest so etwas und denkt: ´Das kann doch nicht wahr sein`, aber wenn man es dann mit eigenen Ohren hört, hat man wieder einen Puzzlestein zum Thema: Wie funktioniert Antisemitismus?


Verschwörungstheoretiker: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“

In einem Kurort in unserer Gegend wurde eine Buchmesse veranstaltet, bei der regionale Verlage ihre Neuerscheinungen und in der Region ansässige Schriftsteller ihre Werke vorstellten. Ich sah mir das Programm an. Ein junger Schriftsteller, Sohn eines in der DDR populären Verfassers von Politthrillern, hatte die Ereignisse rund um den 11.9.2001 recherchiert und gab sie der Öffentlichkeit bekannt. Ein junger Mann von hier, Sohn unserer Landschaft, in diesem Metier! Die Lesung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich fuhr früh los, damit ich rechtzeitig einen Sitzplatz bei der Lesung bekomme. Ich hatte dann aber Schwierigkeiten mit dem Parkplatz und traf erst minutengenau in der Messehalle ein. Es war das verlängerte erste Oktoberwochenende. Im Ort wimmelte es von Menschen. Ein Künstlerort. Dementsprechend wirkte das Publikum. Künstler, Kunstinteressierte oder Menschen, die sich gern im künstlerischen Flair bewegen.

Die Messehalle hatte einen kleinen abgetrennten Raum für Lesungen. Ich fragte am Einlass, ob die Veranstaltung hier stattfindet und ob man Eintritt zahlen müsste. Die Dame dort sagte etwas verlegen: „Eigentlich ja….., aber setzen sie sich doch einfach da hin“. In einer Stuhlreihe saßen drei Personen, unschwer als Angehörige des jungen Schriftstellers zu identifizieren. Und nun noch ich. Der Schriftsteller Paul S. kam. Er überlegte, ob er überhaupt anfangen solle. Dann trafen aber noch zwei Ehepaare ein, und so fand die Lesung statt.

Paul S. betonte, dass er keinesfalls eine Verschwörungstheorie zum 11.9. hätte. Er hätte nur Fakten zusammengetragen, und die Schlüsse daraus solle jeder für sich selbst ziehen. Man muss es Paul S. zugestehen, dass er recht gute rhetorische Fähigkeiten hatte. Die Lesung, die hauptsächlich die Lebensläufe von Donald Rumsfeld und Dick Cheney umfasste und ihr Zusammenwachsen zu einer Art Connection in engster Verbindung mit der amerikanischen Öl- und Rüstungsindustrie war außerordentlich langweilig, und trotzdem las er so gut, dass man nicht einschlief und sogar ein wenig mitdenken konnte. Es gab deutliche Hinweise, dass seit Jahren darauf hingearbeitet wurde, in den USA eine Situation zu schaffen, die es ermöglichte, die Verfassung außer Kraft zu setzen. Ebenso war eine deutliche Linie zu erkennen, Vorwand für einen Krieg zu schaffen, damit die entsprechenden Industrien zum Zuge kommen können. Dass in solch einer Situation billigend der Tod vieler eigener Leute in Kauf genommen würde, hätte Tradition, denn so wäre es damals 1941 in Pearl Harbour auch gewesen, als der amerikanische Präsident schon im Vorherein vom Angriff der Japaner gewusst hätte, aber den Überfall als guten Anlass ansah, seinem „kriegsmüden“ Volk ein wenig auf die Sprünge zu helfen, was wiederum der Rüstungsindustrie auf die Sprünge half. Ob sowohl Pearl Harbour als auch 9/11 von den Amerikanern selbst erdacht und ausgeführt worden war, blieb unklar, denn das Motto der Schriftstellerlesung war: „Man kann es so sehen, man kann es aber auch so sehen, und seine Meinung muss sich jeder selbst bilden.“

Diese zweideutige Aufforderung wurde in der anschließenden Diskussion gern aufgenommen. Diskussion ist übertrieben, denn lediglich ein Mann aus der kleinen Besucherschar stellte sich als redseliger Experte heraus. Es war ein älterer korpulenter Herr, der sich schwer auf seinen Stock stützte, gekleidet in eine Art Rangeruniform mit einem Käppi auf dem Kopf, das unerklärlicherweise einen Anstecker mit einer britischen Flagge hatte. Es war ein Fachgespräch unter Gleichrangigen. Die Fakten flogen einem nur so um die Ohren: Flughöhen, Flugwinkel, Uhrzeiten……. Ein Stichwort gab das andere: „Kennen sie auch Andreas von Bülow?“ „Selbstverständlich. Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Unter Helmut Schmidt“. Das Gespräch war fast emotionslos, dafür aber sehr intensiv. Der korpulente Herr äußerte lediglich Bekümmerung über sich selbst. Denn er hätte so viel überlegt um seine eigenen Vermutungen zu entkräften, aber es wäre einfach nicht anders möglich. „Niemals hätte ein Fluganfänger diesen Winkel fliegen können…..“ und: „ 9.24 Uhr!! Das wäre doch absurd, dass Al-Quaida Interesse am Tod der vielen kleinen Leute gehabt hätte. Die hätten doch das Finanzkapital treffen wollen, und die ganzen Juden kamen doch erst nach 12 Uhr in ihre Büros!“ Paul S. hielt sich bedeckt, und wiederholte seinen Spruch: „Man kann es so sehen, …..“

Wohl wissend, dass es nach einer solchen Veranstaltung – egal wie sie verlaufen würde – nichts Schöneres geben kann als ein entspanntes, und nur privates Gespräch unter angenehmen Menschen, hatte ich mich anschließend bei Freunden zum Kaffeetrinken eingeladen. Der Kaffeetisch war schon gedeckt. Die einzigen Sätze, die dabei über die nachmittägliche Veranstaltung fielen waren so: Ich hatte meine Verwunderung darüber geäußert, dass keine Einwohner des Ortes gekommen waren. Ich erhielt die Antwort: „Ach, die S., die sind hier im Ort sehr unbeliebt. Zu denen geht von uns keiner“.

Freitag, 4. September 2026

Aachener Friedenspreis

„Aachener Friedenspreis“e.V. 15.7.2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

Aus dem Internet erfuhr ich, dass der diesjährige Aachener Friedenspreis an Reuven Moskovitz verliehen werden soll. Ich weiß nicht viel über den Aachener Friedenspreis, dafür aber Einiges über Herrn Moskovitz. Allen Angaben in den Medien zu dieser Preisverleihung kann man Ähnliches entnehmen - Holocaustüberlebender, Friedensaktivist usw. - was darauf hindeutet, dass die Journalisten in Ermangelung näherer Kenntnisse wohl voneinander abgeschrieben, sich aber kaum mit Reuven Moskovitz direkt befasst haben. Aufschlussreicheres könnten sie aber über die Internet-Seite des Schillergymnasiums Münster erfahren, auf der ein Schüler über einen Vortrag von R. Moskovitz in dieser Schule berichtet, und aus der hervorgeht, dass zum Befremden der Schüler Herr Moskovitz "die Vertreibung der Palästinenser mit dem Holocaust vergleicht". Da ich einen Vortrag dieser Art mit genau den gleichen Intentionen auch erlebt habe, und zwar in Aachen, kann ich das, was Reuven Moskovitz in Deutschland umtreibt, nicht als "Schritt zur Versöhnung", sondern, so hart es auch klingen mag, als "Hetze gegen Israel" bezeichnen - wobei man bei Vorträgen dieser Art in Deutschland leider oft mit offenen Armen empfangen wird.

Sollte das Friedenspreiskomitee je das schwer lesbare Buch "Der lange Weg zum Frieden" von R. Moskovitz durchgelesen haben, so würde es feststellen, dass auch dort erklärt wird, Israel hätte die alleinige Schuld an allen Kriegen, die es mit seinen arabischen Nachbarn führte. Es stellt sich die Frage, warum, wenn ein israelischer Jude seine "Schritte zur Versöhnung" geht, es ausgerechnet in "schonungsloser Kritik an der israelischen Regierung" getan werden muss, wobei gleichzeitig so gut wie nie von der palästinensische Seite Kritik an eigenen kritikwürdigen Punkten, beispielsweise an Selbstmordattentaten oder an Korruption und Judenhass in Palästinensergebieten geübt wird? Es stellt sich die Frage, ob man in Deutschland auf jeden Fall preiswürdig ist, wenn man öffentlich "schonungslose Kritik" an Israel übt, die übrigens, wenn man sie in voller Konsequenz zu Ende denkt, zur Vernichtung des Staates Israel führen würde?

Wenn Sie sich wirklich als ein Friedenskomitee verstehen, wäre da vielleicht nicht etwas mehr Nachdenklichkeit darüber angebracht, ob wir als Deutsche tatsächlich auserkoren sind, fragwürdige Gestalten zu dekorieren, nur weil sie das in unserem Land weit verbreitete latente Unbehagen an den Juden bedienen? Wenn Sie mir die Beweggründe für Ihre Preisvergabe nennen könnten, wäre ich Ihnen dankbar.
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Es ist ja auch schon einige Jahre her, aber das Thema ist zeitlos und wiederholt sich in Variationen.
Eine Antwort auf mein Schreiben habe ich nie bekommen.

Samstag, 29. August 2026

Schreiben an den Deutschlandfunk

Ihr Kommentar in der Mittagsberichterstattung am 10.3. „Empörungsrituale“

Mit dem Ausdruck „Empörungsrituale“, soll wohl gemeint sein, dass Juden oder Israeli sich immer unverschämt verhalten, wenn Deutsche ihnen vorhalten, dass Israeli ähnlich handeln, wie die Deutschen zur Zeit des Holocausts. Ich kann mir vorstellen, wie stolz derjenige war, der sich die Metapher „Empörungsritual“ erdacht hat, er war allerdings zu dumm, um sich bewusst zu sein, dass seine Empörung über die Empörung der Israeli genau jenem Ritual entspricht. Vielleicht war er nicht dumm, sondern einfach antisemitisch, aber beides geht ja Hand in Hand.

Denn die antisemitische Grundhaltung trat deutlich zutage, z.B. auch in der Relativierung, dass an den Bemerkungen der deutschen Bischöfe allerhand dran wäre. Da frage ich mich, ob konsequenterweise die Tatsache, dass ein anderer Bischof bereit war, die Bemerkungen seiner Amtskollegen ein wenig zurechtzurücken, dafür sprechen müsste, dass die Juden es mal wieder geschafft haben, einen deutschen Bischof „zu Kreuze kriechen zu lassen“. Das wäre die Schlussfolgerung, die durch die Meinung des Kommentators hindurchschimmert.

Wenn ich einen Kommentator des DLF des Antisemitismus bezichtige, dann ist das aus folgender Bewandtnis: Er legt verschiedene Maßstäbe an menschliches Verhalten an und stellt Juden auf eine tief unter ihm stehende Ebene: Israeli haben sich nicht zu beschweren, wenn sie sich über in der Tat empörende Bemerkungen der Nachkommen jener, die ihre Vorfahren vor Jahren umbrachten, erregen. Man versucht sie lächerlich zu machen, in den man ihr Verhalten zum „Empörungsritual“ herabstuft. Wenn sich ein deutscher Journalist aber über die Empörung der Empörten empört, dann nennt man das „Kommentar im Deutschlandfunk“.

Montag, 24. August 2026

Leser/Hörer/Zuschauerbriefe

Haben sie einen Sinn? Auf den ersten Blick nicht, es scheint immer, sie laufen ins Leere. Auf die meisten meiner Schreiben habe ich keine Antwort bekommen. Es ist auch anstrengend, so einen Brief zu schreiben, man investiert Zeit, Gedanken, muss sich längere Zeit mit dem Thema befassen. Ich verfasste so ein Antwortschreiben immer erst, wenn ich zu dem Schluss gekommen war: es geht nicht anders! Die Redakteure müssen wissen, dass nicht alles hingenommen wird. Sie müssen wissen, dass es Hörer/Zuschauer gibt, die ihre Absichten durchschauen. Wenn es sich um Berichterstattung über Israel handelte, legte ich immer die bekannten“3 D“ (Delegitimierung, Doppelter Standard, Dämonisierung) als Maßstab, und diese drei Faktoren waren in den Sendungen offensichtlich.

So veröffentliche ich in Folgen einige meiner Zuschauer/Hörerbriefe, die z.T. schon viele Jahre alt sind. Die „vielen Jahre“ besagen aber: die Tendenz, Israel und Juden zu dämonisieren, war schon immer verbreitet, nicht erst seit dem Gaza-Krieg ab 2023.


(An Klaus Uwe Benneter, Bundestagsabgeordneter, Verwaltungsrat des DLF, Mitglied der DIG)

Bereits zwei mal hatte ich mit Ihnen einen E-Mail Wechsel . Mein Anliegen war die immer wieder vorkommende tendenzielle, man kann sagen bösartige Berichterstattung des Deutschlandfunks zum Thema Israel, in dessen Verwaltungsrat Sie laut SPD-Internet-Information sind. Da Sie ebenfalls Mitglied der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft (aus gleicher Quelle) sind, denke ich, dass Sie die Kompetenz haben, meinen E-Mail-Wechsel mit dem DLF zu beurteilen. Obwohl Sie mir schon einmal schrieben, dass Sie so eine Tendenz nicht erkennen können, frage ich Sie doch: Wenn die Reaktion des DLF in den Mittagsinformationen am Holocaustgedenktag und anlässlich des Besuches von Schimon Perez in Deutschland für ein Interview einen bekannten "Israelkritiker" einlädt, und das Interview dann besagt, dass man nicht nur des "Holocaust" gedenken solle, sondern auch anderer Völkermorde und Menschenrechtsverbrechen und als einziges Beispiel hierfür der Krieg in Gaza angeführt wird - wie können Sie erklären, dass das keine (in oben genannten Sinne) tendenzielle und bösartige Berichterstattung ist?

Aus meiner beigefügten Korrespondenz geht hervor, dass ich beim DLF zwei mal gegen dieses Interview Protest eingelegt habe. Ich bitte Sie sehr, dass Sie für mich auch in diesem Sinne tätig werden und im Verwaltungsrat diese Sache zum Thema machen. Sie sind ein Politiker und Ihre wesentliche Aufgabe ist es also zu handeln (die nicht handelnden Politiker begründen die Politikverdrossenheit, denke ich), und sei es, wenn Sie unter Protest den Verwaltungsrat verlassen, sollten Sie, wie Sie mir schon einmal andeuteten, keine aktive Möglichkeit der Einflussnahme sehen sollten. Mir scheint es auch kaum möglich zu sein, zugleich Mitgliede des Verwaltungsrates eines solchen Senders einerseits und der DIG andererseits zu sein. Ich bitte Sie meine Anmerkungen zu bedenken und vielleicht doch eine Konsequenz aus den kaum haltbaren Zuständen in Sachen Israel/DLF zu ziehen. Es ist schade, wenn ein ansonsten guter Radiosender bei diesem Thema in eine so peinliche Schieflage gerät.
MfG

Montag, 17. August 2026

Was ist „ein Körnchen Wahrheit“?

Vor einiger Zeit nahm ich an einer Tagung mit dem Thema „Antisemitismus in den Medien“ teil. Sie war mit einigen hoch karätigen „Antisemitismusforschern“ besetzt. Eine Aussage von einem der Referenten, er ist am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin tätig, kommt mir immer wieder einmal in den Sinn. Und zwar sagte er wörtlich: „Manchmal gibt es in antisemitischen Aussagen auch ein Körnchen Wahrheit“. Darauf stellte ich die Frage, auf welches „Körnchen Wahrheit“ man sich denn in der Nazizeit berufen hat, um die Juden umzubringen. Die Frage ging im Verlauf der Diskussion unter, vielleicht wurde sie als unpassend empfunden.

Aber ich fragte mich doch, was man in einem „Zentrum für Antisemitismusforschung“ so den ganzen Tag treibt, und ob man die „Körnchen Wahrheit“, die in antisemitischen Aussagen vorhanden sein sollen, analysiert. Eigentlich hatte ich angenommen, dass ein Antisemitismusforscher im Wesentlichen nach den Ursachen sucht, warum Menschen Antisemiten sind, was Antisemiten bewegt und wozu sie fähig sind. Antisemitismus ist doch kein Ding an sich, zu ihm gehört ein Mensch oder Menschen, die eine bestimmte Einstellung zu Juden haben. Juden selbst müssen nicht unbedingt zum Antisemitismus gehören, denn es gibt Antisemiten, die keinen einzigen Juden kennen. Vielleicht hat der Referent den Zuhörern einreden wollen, dass Juden manchmal zum Antisemitismus Veranlassung geben, hat sich dann aber nicht getraut, es direkt auszusprechen. Denn schon in der Fragestellung, ob Juden zum Antisemitismus Veranlassung geben, ist Antisemitismus vorhanden, da der Fragesteller ja nicht auf die Idee kommt, bei Vertretern anderer Völker nach dem „Körnchen Wahrheit“ zu suchen, auf Grund dessen man sich gegen sie stellen könnte.

Dienstag, 11. August 2026

2026 Wahlen in Berlin zum Abgeordnetenhaus

BSW

Das ist das Thema des BSW, wenn in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt wird: Die Situation in Gaza. Aber nicht nur diese: auf seinen Wahlplakaten kämpft das BSW gegen Antisemitismus. Der könnte etwa zum Vorschein kommen, wenn jemand auf die „berechtigte“ Idee käme, Israel zu kritisieren. Das BSW macht den potentiellen Wählern klar, dass man Israel durchaus kritisieren kann, ohne dass man gleich Antisemit wäre. Also nur zu, mit der Kritik! Sie ist wichtiger als Infrastruktur, Verkehrssituation und Wohnverhältnisse in Berlin und wird vielleicht viele Berliner dazu ermuntern, bei der Wahl ihr Kreuzchen für das BSW zu machen.

Dienstag, 4. August 2026

Wieso wurde das terroristische Attentat au den CSD mehr beachtet als andere?

Die Nachrichten über Attentate und Morden Deutschland häuften sich in der letzten Zeit. Das letzte, bedeutungsvollste, liegt nun gut 10 Tage zurück, die Autoattacke auf die feiernde Menge der CSD-Parade in Berlin. Dieses Attentat scheint sich irgendwie von anderen Attentaten zu unterscheiden. Denn, was auch an Morden an unschuldigen Opfern in der letzten Zeit geschah – ich denke an die 6 erschossenen Mitarbeiter in einer Jugendeinrichtung in Stade, an den jungen Studenten Marius Dick, der aus dem „Nichts heraus“ erstochen wurde und an viele andere. Eins war all den Terrorattentaten gleich: sie wurden medial und politisch so schnell wie möglich „unter den Teppich gekehrt“. Der „CSD-Mord“ schien eine andere Dimension zu haben. Noch heute gibt es Talk-Sendungen dazu. Ausführlich wird das „Vorleben“ des Attentäters diskutiert, seine Verbindungen zum IS, seine Vorstrafen.

Warum? Ich kann es mir nur so vorstellen: Hier stießen zwei Gegebenheiten aufeinander, die beide von der sogenannt woken Gesellschaft gleichermaßen geliebt und gefördert werden. Der CSD nimmt in der Berichterstattung schon einen dermaßen hohen und beliebten Platz ein., fast wie ein Staatsereignis. Diskussionen, wo die Regenbogenfahnen hängen, Diskriminierungen von Institutionen, die sich weigern, bei sich die Fahnen anzubringen. An Kirchen sieht man die Fahnen und Bekenntnisse zum „Queeren“, ja auf einem Kirchentag wurde Gott als „queer“ bezeichnet.
Das Gegenspiel dazu sind „Islamisten“, die ebenfalls in der (woken) Gesellschaft sakrosankt sind. In den Talk-Sendungen wird zwar über das Thema gesprochen, aber mehr in dem Sinne, dass ja nicht „alle Muslime“ radikal sind und dass sie sich nun unter Generalverdacht sehen, und dass man gegen den Generalverdacht etwas unternehmen muss. Auch über den angeblich so weit verbreiteten Rassismus, von dem man zumindest in der Öffentlichkeit nichts wahrnimmt, wird viel gesprochen, anstatt dass man darüber nachdenkt, zu welchen Verwerfungen islamische Einstellungen führen.

Es war ein Zusammentreffen, das viele Leute in Verlegenheit brachte: „Unsere“ queere Parade und „unser“ von rassistischen Bedrohungen traumatisierter Täter sind aneinandergeraten. Mit tödlichen Konsequenzen. Ich hatte den Eindruck, als brächte das diesen und jenen in Verwirrung, so dass man Aussprüche hören konnte, wie: „ich hoffe, dass es eine weiße christliche Person war!“ Also, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Konfusion, die durch den Anschlag entstanden war, führte dazu, dass er mehr beachtet wurde, als andere Anschläge und man darüber nachdachte, wie dieser Täter „radikalisiert“ worden ist. Auch wurde über Strafverschärfungen gesprochen. Aber warum solches Nachdenken nicht schon seit Jahren stattfindet – Anschläge jener Art hat es schon lange gegeben -, ist nicht zu verstehen.

Nach dem Anschlag auf den CSD wurden stolz Plakate hochgehoben: „Wir lassen uns unsere Art zu leben, nicht nehmen. Aber von wem diese Lebensart genommen werden soll, war da nicht zu lesen. Ja, es kamen schnell Verschwörungstheorien auf, wie: es war ja kurz vor Wahlen, wem nützt das Entsetzen? Das heißt, die gesehene Unvereinbarkeit von Terrorismus und „queer“ muss dann eben auf dialektische Weise erklärt werden.

Montag, 27. Juli 2026

Nicht: Was ist das für ein Volk? sondern: Warum der Hass?

Es ist schon lange her, als ich zu einer Freundin kam, die gerade beim Lesen war. Sie sagte: „Ich lese jetzt das Buch „Die Quelle“. Denn ich möchte wissen, was das für ein Volk ist, das überall auf der Welt den Hass der Umgebung auf sich zieht?“ Leider war ich nicht imstande, darauf zu antworten, und wir haben auch nicht wieder über das Buch gesprochen. Soviel ich weiß, ist es eine Mischung aus Roman und archäologischem Sachbuch, das die Ursprünge Israels erforscht. Ich nehme an, dass es mehr Zufall war, dass meine Freundin gerade an dieses Buch geraten ist, eine Antwort auf ihre Frage wird sie daraus nicht erhalten haben.

Mir wurde bewusst, dass genau in dieser Frage, die sie sich oder anderen stellen, ein ganzes Weltbild steckt: Hass ist eine zwingende Folge von etwas zu Ergründendem. Der Hass ist entschuldbar, weil er provoziert wurde. Hätte ich damals schon mehr nachgedacht, hätte ich mit einer Gegenfrage geantwortet: „Warum hassen Menschen andere Menschen, ohne dass diese ihnen etwas angetan haben, so sehr dass sie sie verfolgen, diskriminieren, umbringen?

Wenn man diese Gedanken weiter denkt, gelangt man zu den Grundpositionen:

Der Mensch ist gut. Böse können die Verhältnisse sein, und wenn sich der Mensch nicht gut verhält, dann liegt es an dem Bösen, das ihn provoziert hat.

Oder: Der Mensch ist zu allem Bösen fähig, er sollte sich und das, was in ihm „schlummert“, kennen, sich bewusst damit auseinandersetzen und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens annehmen, weil das im Endeffekt auch ihm nützlich ist.

Bei der ersten These muss man davon ausgehen, dass derjenige, der zu dem Urteil „der Mensch ist gut“ kommt, sich selbst in der Position des Subjekts sieht, d. h. er und Seinesgleichen sind jene, die er als Menschen bezeichnet. Und diejenigen, die „das Böse“ darstellen, werden als Menschen nicht in Betracht gezogen. Wenn jemand den Satz ausspricht: „Was ist das für ein Volk, das den Unmut etc. auf sich zieht…?“, sieht er die Juden nicht als Menschen an. Sie sind Objekte, die den guten Menschen zu schlimmen Taten veranlassen. Er sieht sie nicht nur als jene die „das Böse herausfordern“, sondern er hält sie auch verantwortlich dafür, dass „der gute Mensch“ etwas Böses überhaupt tut. Diese Denkweise birgt einen unentrinnbaren Teufelskreis in sich, der von Dialektikern aller Art gern angenommen wird.

Es ist eigentlich nur ein winziger Gedankensprung von der Frage: „Was sind das für Menschen, die den Hass auf sich ziehen….“ zu „Warum sind Menschen so zum Hass fähig?“ Diese Frage wird in der Regel ignoriert, es ist geradezu eine Tabufrage. Wenn man dieser Frage nicht nachgeht, hat man sich schon auf die falsche Spur begeben mit allen tragischen und schlimmen Folgen.

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