Sonntag, 5. September 2021

Nachbetrachtung zu "Kultur in der Kirche"

Das ästhetisch aufgearbeitete Foto des brennenden Flüchtlingslager Moria ließ meine Gedanken zu dem kleinen ertrunkenen Kurdenjungen Aylan Kurdi schweifen. Das Bild des ertrunkenen Jungen hatte damals angeblich Europa sensibilisiert für das Leid der Flüchtlinge. Ästhetisch war auch dieses Fotos gewesen: Blau und rot, wie drapiert, wie komponiert lag er da am Strand, man sah nur seinen Rücken, er hätte auch schlafen können. Später wurde in Variationen diese Szene von anderen nachgestellt, angeblich auch um „aufzurütteln“.

Schon damals, als es aktuell in den Medien war, sagte ich: „Wenn das Kind als Wasserleiche gezeigt wäre, das schon 3 Tage im Wasser getrieben hätte, dann wäre Europa wohl nicht so erschüttert gewesen, die Welt hätte sich angewidert abgewandt. Mir fielen Reaktionen ein, auf Fotos von der Befreiung der KZs. Man sah „Leichenberge“. Man konnte solche Fotos in Schulbüchern oder auch zu „Aufrüttlungszwecken“ hier und da erblicken. Die Reaktion der Zuschauer war in den meisten Fällen: angewidert sein, dass ihnen so ein Anblick zugemutet wurde. Mir schien es oft, dass das die Verstimmung den „Leichenbergen“ galt, nicht etwa denjenigen, die diese produziert hatten. Diese „Leichenberge“ hatten nichts Ästhetisches, jede Leiche lag da, wie sie durch die Umstände irgendwie zusammen gestapelt war. (Was man sich nicht dazu vorstellen wollte, war der Gestank, das Stöhnen hier und da, der Schrecken derjenigen, die lebend um sie herumstanden). Ob diese Fotos Menschen „aufgerüttelt“ haben?

Ich fürchte, dass man sich heutzutage schon gar nichts mehr anderes vorstellen kann unter „Menschen aufrütteln“, indem man ihnen einen so genannten ästhetischen Genuss vor die Augen setzt. Unicef mit seinen Preis gekrönten Fotos beweist es (ich stelle mir nebenbei noch die festlichen Banketts anlässlich solcher Preisverleihungen vor). Mein kleines Erlebnis anlässlich der „Kultur in der Kirche“ spricht auch dafür.

Mittwoch, 1. September 2021

Kultur in der Kirche

Vor Kurzem befand ich mich anlässlich eines kulturellen Ereignisses in einer Kirche. Dass Kirchen inzwischen von Kult- zu Kulturstätten umgewandelt werden, kann man an vielen Orten erleben – so auch in dieser. Außer, dass man schöne Musik hören konnte, hingen die Wände voll kulturvoller Bilder. Meistens weiß man nicht, wozu sie da hängen, aber einen triftigen Grund kann man immer angeben: Die Menschen aufzurütteln.

So ein Aufrütteln erlebte ich also in dieser Kirche, in der eine Ausstellung der von Unicef im Jahr 2020 preisgekrönten Fotos zu sehen waren. Mehrere kleine Fotoserien gehörten zu der Ausstellung, so auch die eines jungen griechischen Fotografen über den Brand im Flüchtlingslager Moria. Ein Foto hob sich von den anderen ab, denn es wirkte von weitem wie ein altes holländisches Gemälde. Im Vordergrund sah man verschwommen verschreckte Menschen, in der Dunkelheit loderte der heftige Brand.

moria

Ich trat näher zu dem Bild (das im Gegensatz zu den anderen kein Passepartout hatte), um mich zu vergewissern, ob es wirklich ein Foto sei. „Sehr beeindruckende Bilder“, sagte eine mir bekannte Frau zu mir. „Ich finde es unmoralisch, aus dem Leid von Menschen ästhetischen Genuss zu ziehen“, antwortete ich. Die Frau war verunsichert. „Meinen sie das wirklich?“ Ich bestätigte meine Meinung, und der sie begleitende Herr wurde wütend. „Dann erklären sie mir bitte, wie man den Menschen das sonst nahe bringen könnte?“. „Verbrannte Menschen zeigen“, antwortete ich. Es erstaunte mich, dass die Frau sagte: „Da haben sie Recht“. Der Mann konnte zu keiner Antwort finden, was ihn wütender zu machen schien. Das Gespräch war dann aber beendet, weil die wahren wichtigen Dinge des Tages ausgesprochen werden mussten: „Heute hat bei dem schlechten Wetter doch eine Weile die Sonne geschienen, wir konnten tatsächlich eine ganze Weile am Weststrand verbringen!“. Ich verkniff mir die Frage, welcher Eindruck denn der stärkere gewesen wäre, die Erschütterung über das brennende Lager oder die Freude an der Sonnenstunde.

Donnerstag, 26. August 2021

„So habe ich mir die Einheit nicht vorgestellt!“,

war eine der meist benutzten Floskel in der Zeit nach der deutschen Vereinigung. Fast jeden Tag hörte man sie irgendwo, manchmal auch in Variationen (Ich dachte dann: „Wann und wie magst du dir die Einheit je vorgestellt haben?“.

Es war und ist üblich, dass für eine gewisse Zeit modische Floskeln im Schwang sind, die dann sehr schnell wieder vergessen werden. In meinem aktiven DDR-Leben kann ich mich nicht erinnern, dass jemand von der deutschen Einheit träumte, außer einigen „Ewiggestrigen“. Ich erinnere mich noch an das erschrocken-fragende Gesicht einer Freundin, als nach dem Mauerfall und den ersten Rufen nach „Einheit“ ich zu ihr sagte: „Na, nun wird es wohl nicht mehr lange mit der DDR weiter gehen“, und sie sagte „Meinst du wirklich?“. (Später bekundete sie fast täglich ihre Freude über die deutsche Einheit und mischte aktiv in der Kreispolitik mit).

Eine lustige Episode habe ich zu dem Thema noch. Am 3. Oktober 1990 war das ganze Land am Jubeln. Ich jubelte nicht mit, denn mir war es zwar nicht egal, was an dem Tag passierte, sah es aber als einen Schritt im Gang der Geschichte an, der mein privates Leben mehr mittelbar als unmittelbar berührte. Da bekam ich einen Brief von meiner Tante, die als konservativ galt. Sie schrieb mir: `Das ist für mich ein sehr trauriger Tag. Deutschland ist jetzt so klein geworden!` (Erst dann musste sie den Gedanken an das ganz große Deutschland beiseite legen).

Noch einmal zu den Floskeln. Eine davon war: „Es war nicht alles schlecht!“. So war ich einmal, etwa um das Jahr 2008 herum, Gast auf einer Konfirmation. Das nachmittägliche Feiern fand in dem kleinen Dorf im jetzigen Dorfgemeinschaftshaus statt. Das war die frühere „Schulspeisung“ der inzwischen still gelegten Schule. Mit einer Tischnachbarin, die in der DDR eine gute Genossin gewesen war, unterhielt ich mich über das Ambiente des Gebäudes. Ich sagte: „Es hat für mich den Charme eines DDR-Kulturhauses“. Wie aus der Pistole geschossen, kam die Antwort: „Na und, es war nicht alles schlecht!“ Eine Weil musste ich über die Aussage nachdenken. Ich hatte ja keine Kritik an irgendetwas geübt. Mit meiner gewissen DDR-Nostalgie fühlte ich mich in diesem „Kulturhaus“ gar nicht einmal unwohl.

Inzwischen hört man d i e s e Floskeln nicht mehr, dafür aber andere. Wenn manches, was wie eine Floskel klingt, sich oft wie `so daher gesagt` anhört, so lohnt es sich doch immer, darüber nachzudenken und die Ursache für die Floskel versuchen zu ergründen.

Donnerstag, 19. August 2021

Zwei verschiedene Meinungen zu dem Thema: `Als Deutschland geteilt war`

Auf einer Fährüberfahrt nach Dänemark unterhielten sich zwei Freundinnen, was sie für Gedanken hatten, damals – als Deutschland noch in zwei Teile getrennt war. Man muss sich vor Augen halten, dass außer rund um Westberlin fast nicht einmal ein Blick auf „das andere Deutschland, bzw. den Westen“ möglich war. Doch die eine konnte von ihrem Heimatort an manchen Stellen die Türme Lübecks sehen – der Ort in dem ihr Vater einst in die Schule gegangen war. (Sie lebte kurz vor dem eigentlichen „Grenzgebiet“). Die andere konnte bei außergewöhnlich klarer Sicht von ihrem Heimatort die Kreidefelsen Moens erblicken. Oder man fuhr ins östliche Ausland, wo es Stellen gab, wo man direkt an die Grenze gelangen konnte, um einen Blick auf den „Eisernen Vorhang“ zu werfen. (Ich hatte einmal gehört, dass die DDR verlangt hatte, auch in der Tschechoslowakei eine Art unzugängliches Grenzgebiet zu errichten, aber das war wohl nur ein Gerücht). Jedenfalls war wohl fast in jedem DDR-Bürger der Gedanke an den Westen in irgendeiner Form übermächtig.

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Blick auf den "Eisernen Vorhang in Mikulov (Nikolsburg)
(Grenzübergang am Ende des Sträßchens)

So erzählten sich die Freundinnen über die `damalige Zeit`. Die eine sagte, dass sie sich nie damit abfinden konnte, dass sie viele Stellen der Welt nicht erleben durfte. Dass sie die Ungerechtigkeit darüber empfand, dass sie nicht `auf den Spuren ihres Vaters` gehen konnte Und welche Wut sie überkam, wenn sie um Westberlin herumfuhr.

Die andere Freundin erzählte, wie sie es damals empfand: „Ich empfand gerade die Teilung Deutschland als interessant und geheimnisvoll. Wenn ich Westberlin sah, dann war mir bewusst, dass es so in der Nähe noch eine ganz andere Welt gibt, von der wir kaum etwas wissen. Dass sich da lebendiges Leben abspielt, und wir können es nur ahnen". (Als wir es dann selbst erlebten, erschien es eher als belanglos, das Interessante ergab sich ja gerade aus der Teilung).

Beide Meinungen kann ich als berechtigt ansehen. Gerechterweise muss man hinzufügen, dass die Trennung nicht ganz so hermetisch war, wie sie im Nachhinein dargestellt wird. Das Fernsehen, die Besuchsreisen der Rentner, und was diese alles mitbrachten und erzählten. Die Freunde und Verwandten aus dem Westen, die uneigennützig auf Auslandsreisen in den Ferien verzichteten und dafür ihre Ferien mit den Kindern in der DDR verbrachten (-eine Familie hatte an ihrer Pin-Wand immer ein Verzeichnis, wann sie einen Besuchsantrag rechtzeitig stellen muss, und wie die aktuellen Einreisebestimmungen waren). Von dem "kleinen Grenzverkehr", der für viele Menschen sehr wichtig war, ist kaum noch die Rede. (Er machte ab einer bestimmten Zeit spontane Reisen von Westlern ((die Bezeichnung Wessi und Ossi gab es damals nicht)) in die nähere DDR-Umgebung, ich glaube es waren 50 km ab Grenze, möglich. Die Besuchsreisen von DDR-Bürgern, die schon ab den 70-ger Jahren zu „dringenden Verwandtenbesuchen“ möglich waren. Über all das gäbe es unendlich viele Geschichten zu erzählen. Das war es, was die eine der Freundinnen an der Teilung Deutschlands interessant empfinden ließ und die heutige Zeit als recht trist empfinden lässt.

Sonntag, 15. August 2021

Eine andere Flüchtlingsgeschichte

erlebte meine Freundin Christina. Ihre Lebensumstände hatten dazu geführt, dass sie über längere Zeit allein in einem großen Haus wohnte, in dem noch bis vor Kurzem ihre ganze Familie gelebt hatte. Sie überlegte sich, dass sie mit ihrem zu vielem Wohnraum ein wenig dazu beitragen könnte, sich an der Hilfe für Flüchtlinge zu beteiligen. Sie wandte sich an die Kirchengemeinde und bot an, die Einliegerwohnung, in der einst die Kinder gewohnt hatten, etwa für ein halbes Jahr (bis das Haus verkauft werden sollte) an Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Das Angebot wurde freudig angenommen, Christina bekam sogar eine kleine Miete vom Sozialamt dafür. Ihre Motivation für die Aufnahme fremder Menschen in ihr Haus war, dass sie etwas Gutes tun wollte. Daneben ging es ihr darum, nicht nach der Arbeit in das jetzt sehr leere Haus zu kommen, sich mit ihren Mitbewohnern ein wenig zu unterhalten und eine Beziehung aufzubauen. So war es gedacht.

Zwei Frauen aus Togo wurden ihr „zugeteilt“. Sie hatten keine Kinder (bei sich), und waren in der Situation, dass sie eine „richtige“ Wohnung in Aussicht hatten, dort aber noch nicht wohnen konnten. So passte alles gut zueinander. Christina war ein wenig ärgerlich, dass die Frauen verlangten, dass die Möbel aus der Einliegerwohnung herauskommen, denn die Togoerinnen hatten sich für ihre zukünftige Wohnung schon Möbel angeschafft und wollten lieber diese benutzen. Wie das Problem gelöst wurde, weiß ich nicht.

Die Möbel waren nicht das Problem, sondern das Problem waren die Frauen selbst. Von dem Augenblick an, in dem sie ins Haus gezogen waren, hörten sie auf, mit Christina zu sprechen. Die war für sie einfach nicht mehr vorhanden. Die Frauen hatten nicht das geringste Interesse an ihrer Umgebung. Sie gingen nicht einmal nach draußen, sondern hielten sich den ganzen Tag in ihren beiden Zimmern und im luxuriösem Bad auf. Nur etwa zwei Stunden am Tag waren sie aktiv. Vormittags kochten sie in der Küche, die sich in einer Nische des offenen Flurs befand. Sie kochten ein Gemisch aus Zwiebeln, Knoblauch, Wasser und irgendwelchen Bindelebensmitteln. Das gesamte Haus war von den Gerüchen durchzogen bis in den letzten Winkel. Christina versuchte trotzdem, mit den Frauen irgendwie ins Gespräch zu kommen. Diese konnten ein wenig Deutsch, Christina konnte Englisch, die Sprache wäre also kein Problem gewesen. Wenn Christina in ihre Nähe kam, wandten die Frauen sich schweigend ab. Sie verhielten sich keineswegs feindselig, sondern sie schienen die Situation so zu sehen: wir „überwintern“ hier so lange, bis wir in unsere eigene Wohnung ziehen werden. Sowohl die Menschen als auch die häusliche Situation gehen uns nichts an, und wir wollen auch nichts davon wissen.

Die Frauen wohnten einige Monate in Christinas Haus. Christina erzählte mir, dass sie schon lange keinen so schönen Tag hatte wie der, an dem ihre Besucherinnen das Haus wieder verließen. Sie selbst wohnte auch nicht mehr lange dort. Man kann diese Episode als Partikel im System der gesamten Flüchtlingsproblematik bezeichnen.

Montag, 9. August 2021

Giselas Sohn

Vor einiger Zeit schrieb ich über meine Freundin Gisela, über ihre „Miss-Behandlung“ von Seiten ihres Arbeitsgebers und ihre Beerdigung. Eine Unmenge Menschen waren zu ihrer Beerdigung gekommen. Einige haben geweint, aber niemand hat so geweint, wie ihr Ziehsohn Faisal.

Gisela und ihr Mann standen der Einwanderung 2015 positiv gegenüber. Sie sahen darin eine Chance, ihre christliche Lebenseinstellung in die Tat umzusetzen. Bald schon nach der großen Einwanderung schauten sie sich im Flüchtlingsheim in einer nahe gelegenen Kleinstadt um. Sie versuchten einen Kontakt mit den Flüchtlingen herzustellen und freundeten sich mit einem jungen Syrer namens Faisal an. Ich denke, dabei waren sie von dem Gedanken getragen: wenn auch nur ein Teil der deutschen Bevölkerung die „Patenschaft“ für jeweils einen oder wenige Menschen – so wie die jeweiligen Kräfte und Umstände es hergeben -, übernehmen würde, dann wäre die Flüchtlingsproblematik nicht mehr so ein Problem und eine Integration von vielen Menschen in die Gesellschaft möglich. (Sie waren Idealisten).

Als wir nach einer längeren Pause dort wieder einmal einen Besuch machten, gab es in der Familie ein neues Familienmitglied namens Faisal. Gisela und ihr Mann hatten alles, was ihnen möglich war unternommen, um Faisal beim Start in die Gesellschaft zu helfen. Sie erledigten mit ihm Behördengänge, sie halfen ihm, dass er in einer nahen Stadt eine kleine Wohnung erhielt, sie besorgten für ihn eine Arbeit in einer Wäscherei. Als er nach einiger Zeit das Bedürfnis hatte, mehr zu lernen und sich zu qualifizieren, womit auch ein Umzug in eine weit entfernte Gegend verbunden war, legten sie ihm keine Steine in den Weg, so schwer es ihnen war, dass sie ihn nun weniger sehen konnten. Wer ihm Steine in den Weg legte, das waren die Behörden, denn Faisals Wunsch, eine Ausbildung zum Physiotherapeuten zu beginnen, haben sie ihm sehr schwer gemacht. Immer stimmte etwas in der Ausbildungsbürokratie oder anderes Formelles nicht. Faisal zog in eine Stadt in Süddeutschland, und selbst da hatte Gisela Kontakte, die ermöglichten, dass Faisal in eine kleine Einliegerwohnung ziehen konnte. (Wie die Sache mit der Ausbildung weiter ging, weiß ich jetzt nicht).

Dreimal habe ich Faisal gesehen. Bei einem großen Familienfest habe ich ihn kennen gelernt und über die Geschichte seiner Aufnahme in die Familie erfahren. Das nächste mal war ich zur Kirschenernte auf den kleinen Bauernhof gefahren. Meine Wanne für die Kirschen stand auf einem Schuppendach, von dem aus ich gut an die Unmengen Kirschen am Baum gelangen konnte. Kaum war ich zum Pflücken auf´s Dach gestiegen, da stand auch schon Faisal neben mir und pflückte etwa drei Stunden lang mit mir Kirschen. Ja, und dann sah ich ihn auf Giselas Beerdigung. Sie, von der ich auch einmal den enthusiastischen Ausspruch gehört hatte: „Er ist für mich wie mein fünftes Kind!“, die wurde von allen ihren Kindern beweint, aber von keinem so, wie von ihrem Ziehsohn Faisal.

Donnerstag, 5. August 2021

Im Zahnarztraum

Einige Verwicklungen des Lebens haben es mit sich gebracht, dass sich mein jetziger Zahnarzt in genau demselben Haus befindet, in das ich schon in der Kindheit und Jugend zum Zahnarzt ging. Die Aufteilung des Hauses, von der Patientenaufnahme über die Türen, Fenster, Treppe im Warteraum u.a. hat sich nicht geändert, so dass ich mich um einige Jahrzehnte zurück versetzt fühle, wenn ich dort warte.

Raum

Die wartenden Patienten sind von ähnlichem Typ, wie ich es gewohnt war. Als ich vor Kurzem zum Zahnarzt kam, bot sich mir an der Rezeption ein Bild, wie ich es bis dahin dort noch nie gesehen hatte: muslimische Frauen, wahrscheinlich Großmutter, Mutter und deren halbwüchsige Töchter verhandelten längere Zeit mit der geduldigen Rezeptionsschwester. Das Problem war eine Chipkarte, die nicht „durchgezogen“ werden konnte, also genau das, worauf es der Zahnarztschwester ankam. Alles spielte sich fast lautlos ab, das größere Kind fungierte als Dolmetscher. Das Problem wurde schließlich gelöst, beide erwachsene Muslima bekamen später eine Behandlung.

Der Anblick der Gruppe wirkte exotisch: Die Frauen waren in lange schöne Gewänder gehüllt, bei den Mädchen war allerhand Glitzer zu sehen. Die Frauen ersetzten die fehlende „Maske“ durch Auf- oder Abziehen ihrer Kopfverhüllung. (Malerischer als die „Ureinwohner“ sahen sie allemal aus).

Ich stellte mir vor, wie es gewesen wäre, wenn sich ca. 50 Jahre zuvor diese Gruppe im Warteraum aufgehalten hätte. Die meisten Menschen hätten vermutet, dass die DEFA hier einen Märchenfilm dreht, manche wären vielleicht in Ohnmacht gefallen. Stadtgespräch für mehrere Wochen wäre es auf jeden Fall gewesen.

So kam mir in den Sinn, dass es ebenso gut möglich wäre, dass in 50 Jahren in immer noch demselben Zahnarzthaus mit der gleichen Raumaufteilung sich wieder ganz andere Arten von Menschen bewegen können. Verschiedene Varianten malte ich mir aus: vielleicht, dass Muslima die Rolle des Zahnarztes einnehmen, oder dass verschiedene Menschen verschiedener Hautfarben als Patienten bunt durcheinander gemischt wären, oder dass man nach Geschlecht getrennt sitzen würde. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Einen Zahnarzt wird man wohl in 50 Jahren auch noch benötigen, und so lange die zahnärztliche Behandlung gewährleistet ist, müssen wir uns – jedenfalls in dieser Hinsicht – keine Sorgen machen.

Mittwoch, 28. Juli 2021

Geschichte – anhand von vier Generationen von Pfarrern

In der früheren Zeit war es oft üblich, dass sich Berufe durch mehrere Generationen ziehen. (Von Ärzten und Pfarrern habe ich es gehört). So denke ich anhand der Verwandtschaft an vier Pfarrergenerationen. Alle habe ich persönlich gekannt oder wenigstens gesehen.

Den Ältesten hat die ganze Wucht von Geschichte getroffen (im Habsburger + Wolhynischen + Tschechischen Bereich) Erster Weltkrieg, Gründung der Tschechoslowakei, Leben in Wolhynien, Kommunismus. Aussiedlung des gesamten wolhynisch-tschechischen Dorfes (Es gab nicht nur Aussiedlungen von Deutschen nach dem zweiten WK, die gab es damals überall). Jahrzehntelang war er derjenige, der die inzwischen Ausgesiedelten in der kommunistischen Tschechoslowakei zusammen hielt, denn sie mussten aus ideologischen Gründen in der neuen Heimat zerstreut leben, damit sie keine Gruppen bilden.

Ich sehe noch seine Beerdigung an einem heißen Julitag 1983: Sein Sarg wurde von mit ihm verwandten Trägern, die sich abwechselten, die ca. 800 m von der Kirche den hohen Hügel zum Friedhof hinaufgetragen. 14 Pastoren im Talar begleiteten den Sarg, und darauf folgte der Trauerzug von mehr als 1000 Personen. (Versammlungen konnten die Kommunisten verbieten, Beerdigungen nicht.)

Sein Schwiegersohn war Dorfpfarrer, die gesamte kommunistische Zeit über. Dessen Frau, Tochter des „Patriarchen“, hatten die Kommunisten wie allen Kindern übel mitgespielt. Sie arbeiteten als: Heizerin, der am meisten Drangsalierte als Kanalreiniger (nach der Wende war er Professor an der Karlsuniversität), einer schaffte es unter unglaublichen Umständen Arzt zu werden, und eben letztgenannte Tochter war Pfarrfrau und arbeitete zuletzt als Schwester in einem Sanatorium.

Mittags kam also unsere Tante von ihrem Dienst im Sanatorium nach Hause. Dann versammelten sich die Frauen in der Küche. Es wurde geschält, gebacken, gekocht unter ununterbrochenem Schwatzen. Verwandte waren da oder einfache Frauen aus dem Dorf, auf jeden Fall war immer jemand da. Die Unterhaltungen drehten sich ums Kochen und Backen, um die Schicksale der Menschen im Dorf oder z.B. um die Erlebnisse, wenn Kommunismus und Kirche aufeinander geprallt waren. Die Machtausübung der Kommunisten auf die Kirche war immens, denn anders als in der DDR, gab es keine selbständige Kirche, sondern die Pfarrer waren Staatsangestellte und direkt vom Staat abhängig.

Auch diese Zeit ging vorbei. Ein Sohn wurde dann wieder Pfarrer. Seine junge Pfarrertätigkeit fiel direkt in die „Wende“. Er hat dann auch schon im Ausland (wohl noch in der DDR?) studiert, hat später sehr aktive und verantwortungsvolle Aufbauarbeit geleistet und war in seinem Sprengel Superintendent. Einer seiner Söhne wurde auch wieder Pfarrer. Den kenne ich nur als kleines Kind und weiß nicht viel von ihm. Wo er überall studiert hat, weiß ich nicht, aber die Welt steht ihm offen. Neulich besuchten wir seinen Vater, und der erzählte uns freudig, dass der Sohn mit seiner jungen Frau und dem Kind gerade Urlaub auf einer griechischen Insel macht und dass er ihm ein Foto davon auf´s Handy geschickt hat. Ein Handyfoto, wie sie täglich millionenfach verschickt werden: ein junges Paar mit kleinem Kind vor Meereskulisse. Aber warum soll eine junge Pfarrersfamilie nicht so leben, wie Millionen andere auch?

Meine Phantasie reichte nicht aus, um mir vorstellen zu können, dass Großeltern oder Urgroßeltern des jungen Pfarrers je auf diese Weise Urlaub gemacht hätten, selbst wenn die Möglichkeit dazu vorhanden gewesen wäre. Damals reisten sie auch: zu ihren Verwandten, mit denen sie eine Zeit lang zusammen lebten, sich gegenseitig halfen oder etwas zusammen unternahmen. Die Kinder wurden in den Ferien gegenseitig ausgetauscht, so dass Cousins und Cousinen wie Geschwister aufwuchsen.

Ich dachte aber auch: `ob einst dem Sarg des jüngsten Pfarrers dieser vier Generationen mehr als tausend Menschen folgen werden?` Doch die Geschichte mag noch allerhand Überraschungen bereit halten, und manchmal wird jemand allein durch die Lebensumstände gezwungen sein, eine Rolle einzunehmen, die ihm die Umstände der heutigen Zeit verwehren.

Im Luftreich des Traums

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