Im Sudetenland (Teil 3)

Aus dem Sudetenland stammten zwei Frauen, die sich 1993 auf einer Israelreise begegneten. Die eine war die israelische Reiseführerin, die 1938 als Kind mit den Eltern gerade noch hatte fliehen können. Die andere war die schon erwähnte Pfarrfrau, die 1946 gezwungenermaßen ihre Heimat hatte verlassen müssen. Diese Tatsache war ihr Lebensthema, auf das sie bei Unterhaltungen nach einer gewissen Weile immer wieder zurückkam. Sie war eine sehr freundliche Frau, allen zugewandt und meinte es mit jedem gut. Auch mit der Reiseführerin meinte sie es gut, und so sagte sie zu ihr: „Da haben sie aber Glück gehabt, dass sie rechtzeitig geflohen sind“. Ich glaube, dieser Ausspruch war es, der mir für vieles die Augen öffnete und eine Kette von Gedanken in Bewegung setzte, die immer noch wirken.
Die gleiche Tatsache, die Heimat, das Land, in dem man aufgewachsen ist, verlassen zu müssen, soll für die eine ein großes Unrecht, für die andere „ein Glück“ gewesen sein. Zweierlei Maßstäbe anlegen nennt man das. Solch zweierlei Maßstäbe sind in der Gesellschaft so verinnerlicht, dass man sie kaum wahrnimmt.
(Ende)
anne.c - 8. Mai, 10:47
