In einer westdeutschen Kleinstadt sind in einer Trauerhalle zwei Tafeln angebracht. Tafeln, die niemanden auffallen, da es sie wohl in jeder Kleinstadt gibt. Da ich in der DDR aufgewachsen bin, irritierten mich nach der „Wende“ die allgegenwärtigen Kriegergedenktafeln an öffentlichen Plätzen und in Kirchen mit den Namen der gefallenen Soldaten der jeweiligen Stadt. Es war in der DDR nicht üblich, solche Tafeln aufzustellen, insbesondere nicht für gefallene Soldaten des zweiten Weltkriegs. Nichts war in ostdeutschen Kirchen nach der Vereinigung so schnell vorhanden, wie die Kriegertafeln der gefallenen 2. Weltkriegssoldaten.
Diese Tafeln lehne ich strikt ab, was haben Tafeln, die den Krieg verherrlichen, mit der christlichen Botschaft zu tun, was haben sie in Kirchen zu suchen? Denn immerhin: wenn Tafeln öffentlich angebracht sind, werden die gefallenen Soldaten damit identifiziert, wofür dieser Krieg stand (selbst wenn sie sich im Einzelfall überhaupt nicht identifizieren wollten): für grundlosen Überfall auf Länder, für Schreckensherrschaft über die Einwohner jener Länder, für bestialische Ausrottung der Juden und vieles Schlimme mehr. Wenn jemand einen nahen Verwandten im Krieg verloren hat, so sollte er privat um ihn trauern, möglicherweise mit einer Gedenktafel auf dem Friedhof und nicht seinen armen Verwandten auf einer Tafel mit Mördern gleichstellen.
Das eigentlich Interessante sind jedoch die Aufschriften auf den Tafeln. Da ist nichts davon vorhanden, was man in öffentlichen Reden, in Bundespräsidentenreden, in „Versöhnungsreden“ hört. Da stehen Texte, wie sie einfach dem Geist des Schöpfers entsprungen sind oder dem Geist der Öffentlichkeit.
So war hier eine prachtvolle Tafel mit vielen Namen, alles in Gold mit der Aufschrift:
SIE STARBEN, IHR GEIST ABER LEBT – EIN EWIGER MAHNER ZUM FRIEDEN
Da frage ich mich: welcher Geist? Was war der Geist, unter dem sie umgekommen sind? Was bedeutet „ewiger Mahner zum Frieden?“ Damals, als sie umkamen, herrschte der Geist, dass der „ewige Frieden“ eintreten wird, wenn Deutschland die „ganze Welt“ beherrscht.
Wenn man als Betrachter der pompösen Tafel sich umdrehte, entdeckte man unauffällig, grau in grau, mit verwitterten Buchstaben, die man kaum entziffern konnte, eine Tafel, auf der des „Leidens und Sterbens unserer jüdischen Mitbürger“ gedacht wurde. Kein Name, von „Geist“ war keine Rede.
Merkt es denn niemand, welche Diskrepanz da besteht? Und wie diese beiden Tafeln Sinnbild dessen sind, was man so großartig als „Vergangenheitsbewältigung“ bezeichnet.

anne.c - 23. Feb, 11:43
Ich war tatsächlich dabei, als eine junge Pastorin, noch nicht lange von der Universität gekommen, der Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide bei einem Seminar ins Gesicht sagte: „Die Juden haben Jesus ans Kreuz geschlagen!“ Frau Lapide war um eine scharfe Antwort nicht verlegen.
Und ich war in einem Gottesdienst, bei dem Pastor W. ohne Skrupel sagte: „Nach alttestamentarischem Gesetz gilt die Regel: Auge um Auge. Zahn um Zahn. Diese Regel hat irgendwie noch eine Berechtigung. Heutzutage wären die Palästinenser froh, wenn sie nach diesem Gesetz behandelt würden, aber die Israeli überziehen für einige nicht treffende selbst gebastelte Sprengkörper Gaza mit Bombenteppichen. (vor dem 7.10., wie er danach geredet hat, möchte ich gar nicht wissen).
Und ich war in der Bibelstunde, als der Pfarrer R. zu einem x-beliebigen Thema auf einmal die Bemerkung anfügte: „Es hat auch seine Schattenseiten, dass die Juden sich als das erwählte Volk betrachten. Zum Beispiel haben sie eine Mauer quer durch Jerusalem gebaut. Ich fragte: „Meinen sie, dass die Israeli diese Mauer wegen ihres Erwähltseins gebaut haben, oder könnte es auch mit der Sicherheit zu tun haben?“ Mit einer gewissen pastoralen Herablassung sagte er: „Ach, Frau C., was wissen sie schon!?“ Ich sagte: „Ich möchte es wissen, meinen sie das wirklich so? Sind ihnen in die Luft gesprengte jugendliche Israeli lieber als eine Mauer? “, und gleich fiel dem zweiten anwesenden Pfarrer ein, dass es doch eigentlich Zeit wäre, den Abend zu beenden und prompt erfolgte der abendliche Segen, zufällig ein „altestamentarischer“, der aaronitische Segen.
Winzige Szene in einer evangelischen Bibelstunde: Die Geschichte, wie Josef ins Ägyptenland verkauft wird und dort in eine hohe Position aufsteigt, wird besprochen. Josef managt die Bekämpfung der Hungersnot indem er jahrelang Getreidevorräte anlegt und in der Notzeit Getreide an die Hungernden verkauft. "Was - er lässt sich das Getreide bezahlen? Ach ja, der Jude hat schon immer aus allem Geld gemacht".
Die Bemerkung wird ignoriert. Vielleicht will man den alten Herrn nicht bloß stellen. Leider fallen Bemerkungen jener Art immer wieder, so wie einzelne Tropfen. Man bemerkt sie nicht, wundert sich nur, dass man auf einmal nass ist.
Man hätte dem alten Herrn sagen können, dass es selbstverständlich ist, dass man mit Reserven, die man mit einem riesigen Organisationsaufwand angelegt hat, wirtschaftlich umgehen muss, um weiterhin wirtschaften zu können. Es mussten große Lager angelegt werden, das überschüssige Getreide für die Vorratskammern und die Transporte hatten bezahlt werden müssen. Und selbst wenn ein Teil des Getreides billig oder umsonst an Arme verteilt worden wäre, warum hätte man an die Fremden aus dem Nachbarland, seien sie arm oder reich, das sehr kostbare Getreide umsonst ausgeben sollen?
Woher hat ein harmloser Bibelstundenbesucher, der wahrscheinlich nie einen Juden gekannt hat und der damit aufgewachsen ist, dass das Wort Jude tabu war (denn er hat die Nazizeit nur als kleines Kind erlebt, und danach schwieg man einige Jahrzehnte über Juden) eine Vorstellung, wie es mit den Juden und dem Geld steht? Wo kann er die Erfahrung gewonnen haben, wie Juden mit Geld umgehen? Warum wird so eine Bemerkung allgemein toleriert, obwohl die Konsequenzen die Juden infolge von Dämonisierung zu tragen hatten, auch von Seiten der Kirche, bekannt sind.
Das sind, wahllos, einige Erlebnisse, die ich in evangelischen Veranstaltungen hatte. Es werden sicher weitere folgen.
anne.c - 18. Feb, 21:18

Demonstration am 17.1.2026
Am 7.2. gab es in Berlin am Brandenburger Tor eine große Demonstration, die auf die verheerenden Zustände im Iran hinwies. Die Teilnehmer forderten die Beendigung des Terrorregimes der Mullahs, sie wiesen auf die unzähligen ermordeten Iraner durch eben dieses Regime hin. Im jüdischen Gemeindehaus in Berlin konnte man zwei Tage zuvor direkt Näheres erfahren, wie es im Iran aussieht und wie Iraner denken. Wenn man sich die Lage näher anschaut, so ist sie verzweifelt. Mindestens 80 % der Iraner wünschen sich einen anderen Iran, einen freien und demokratischen Iran. Noch um Weihnachten 2025 herum gab es große Erwartungen, dass die Zeit für große Veränderungen reif ist. Dementsprechend viele Menschen gingen im Iran mit ihren Forderungen auf die Straße. Es herrschte die Hoffnung vor, dass „die Welt“ (also diejenigen Staaten, die sich mit den Idealen der iranischen Bevölkerung identifizieren) sich aktiv in die Freiheitsbestrebungen einmischt. Die große Ernüchterung kam, nachdem das Internet im Iran abgeschaltet worden war und das Regime eine gewaltige Massenschlächterei begonnen hatte. Man spricht von mehr als 30 000 ermordeten Iranern. Man muss sich auch vor Augen halten, dass es allein im Jahr 2025 4 bis 5 Hinrichtungen am Tag im Iran gegeben hat. Für das Mullah-Regime sind diese Tatsachen, die dann doch in die Welt hinaus drangen, unangenehm, es sieht sich aber trotzdem als „Gewinner“ an. Denn es hat gesehen, dass geschehen kann, was will, es erfolgt kaum eine ‚Reaktion von außen. Man hat also freie Hand zur Barbarei. Eine kleine Hoffnung besteht in der Tatsache, dass die USA einen Flugzeugträger in die Golfregion beordert hat.
Viele Iraner sind der Meinung, dass wirtschaftlicher Druck auf den Iran sehr viel ausrichten kann. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal. Das Land leidet unter so einer Trockenheit (und Missmanagement von Wasser), dass die Bevölkerung nicht ausreichend mit Wasser versorgt werden kann. Die Inflation ist extrem hoch, so dass die Kaufkraft dementsprechend leidet. Das Regime ist sehr daran interessiert, dass die Wirtschaft prosperiert, auch wegen der eigenen Selbsterhaltung. Auch um des Renommees wegen, denn die Tatsache, dass verschiedene Länder, z.B. Deutschland mit ihm handeln, bestärkt das Selbstbewusstsein.
Große Hoffnung setzt man in den Sohn des letzten Schahs. Allerdings sind da die Iraner gespalten in Befürworter und Gegner der Schahfamilie. Und auch sonst ist die Zusammensetzung der Iraner in sehr viele Volks- und Religionsgruppen problematisch. Derjenige, der einen Teil des Vortrags hielt, erzählte, dass er ein Bahai sei, und dass die Bahai dort von der Mehrheitsbevölkerung gehasst werden. Auch gäbe es einen großen Unterschied zwischen der Stadt- und Landbevölkerung, der aber mit der Zeit und durch die Umstände nachlassend ist.
Doch was die Iraner eint, ist die große Sehnsucht nach Freiheit, nach einem „normalen“ Leben in einem demokratischen Staat. Überwiegend wären sie der Meinung, dass der Iran unbedingt Hilfe „von Außen“ benötige.
Was wünschen sich die umliegenden Staaten vom Iran? Sie wünschen sich den Iran „schwach, aber berechenbar“. „Schwach“ wünschen sie ihn sich, weil er „stark“ eine Bedrohung für die umliegenden Staaten wäre. „Berechenbar“ bedeutet, dass der Iran handeln kann, wie er will, Hauptsache, es dringt nichts nach außen. Syrien und die Entwicklu8ng in Syrien ist ein starker Faktor, denn Syrien war immer ein Drehkreuz für Waffenlieferungen für Hisbollah und Hamas. Iran hat aber auch von Syrien gelernt, dass man Proteste mit extremer Härte unterdrücken muss.
Der iranische Referent der Veranstaltung war trotz allem optimistisch. Er meinte, für die gesamte Region und letztendlich für die ganze Welt wäre es besser, wenn der Iran und somit auch der nahe Osten befriedet wäre. Wir wollen uns das, auch in unserem eigenen Interesse, sehr wünschen.
anne.c - 8. Feb, 15:48
schon vor einiger Zeit hatte ich mich zu einem Vortragsabend von Sarah Maria Sander angemeldet, der das Thema „Der Nahostkrieg in den öffentlichen Medien“ zum Inhalt hatte. Der Vortrag fand im jüdischen Gemeindehaus in Berlin statt, veranstaltet von der deutsch-israelischen Gesellschaft. Wie erstaunt war ich, als ich genau am Tag der Veranstaltung in der Zeitung las, dass die Schauspielerin (und Journalistin) S.M. Sander von einem großen Filmprojekt ausgeschlossen worden war. Sie hätte sich in einem eigenen Filmprojekt zu „israelfreundlich“ geäußert, es hätte Beschwerden über sie gegeben. Man hätte Sorge, dass der Film von Festivals ausgeschlossen würde, wenn die Hauptdarstellerin und gleichzeitig Co-Autorin des Drehbuchs israelfreundlich wäre. Sie hätte auch unkollegiale Kritik an den Kulturschaffenden geübt, die von Bundeskanzler Merz einen Stopp von Waffenlieferungen an Israel gefordert hatten.
Das muss man sich „auf der Zunge zergehen lassen“. Gerade noch klangen die Reden anlässlich des Holocaustgedenktages in den Ohren. Wie ergriffen waren sie alle von der Rede Tova Friedmanns und von den kämpferischen Worten Julia Klöckners. Der Holocaustgedenktag wird geradezu zelebriert in einer Weise, von der ich den Eindruck habe, die Mitwirkenden sind gerührt über sich selbst. Zu welch ergriffenem Gedenken sie in der Lage sind! Der Bundespräsident gehört auf jeden Fall auch zu den von sich selbst Ergriffenen. Dabei denke ich, dass sogar viele Teilnehmer der Gedächtnisfeier es ernst nehmen mit dem, was sie sagen. Doch scheint es mir immer, eine Lücke zur Realität zu geben.
Die Lücke wird gefüllt mit Umdeuten, Relativieren, Umbenennen. (Man muss z.B. immer den Begriff „Nazis“ anwenden, wenn von Untaten damals die Rede ist, denn „Nazis“ waren immer ganz andere: verschwommene schlimme Gestalten, die nichts mit uns zu tun hatten).
Wie ist das denn mit Sarah Maria Sanders? Eine kleine Schar von Menschen regt sich darüber auf, wie sie behandelt wurde, aber wo bleibt der große Aufschrei derjenigen, die ständig „Erinnern und Aufklären“ fordern? „Dem Antisemitismus entschlossen entgegentreten“? Das löst man wahrscheinlich, indem man sagt, dass die Ausgrenzung von SMS eben kein Antisemitismus wäre. Sie hat sich nur zu sehr für Israel eingesetzt, und was hat Israel wohl mit Antisemitismus zu tun?
Und was hat der öffentlich rechtliche Rundfunk mit Antisemitismus zu tun? Sehr viel, und davon gab SMS auf dieser Veranstaltung sehr überzeugend Kenntnis. Viele Nachrichtenüberschriften zeigte sie, Falschinformationen, die nur halbherzig oder gar nicht berichtigt wurden. Das Gleichsetzen von Israel und der Hamas, das sich Beziehen auf die palästinensische Gesundheitsbehörde, das Verschweigen von Hintergrundinformationen, obwohl diese zum Verständnis gehört hätten. Gleichsetzung von terroristischen Mördern mit Geiseln.
Da ich in den Monaten die Berichterstattung in den ö. r. Medien verfolgt hatte, konnte ich dem Vortrag nur zustimmen. Interessant war die Tatsache, dass es im Verlauf des Gazakrieges eine Meinungsumfrage gab, aus der hervorging, dass das deutsche Fernsehpublikum der Ansicht wäre, dass die Medien viel zu positiv über Israel berichten würden. Das bestätigen ja auch Aussprüche, Plakate bei propalästinensischen Demonstrationen, die besagten, dass der deutsche Staat Komplize Israels wäre, dass er sich „mitschuldig“ mache usw. Ob das wohl bedeuten soll, dass der deutsche Staat viel strenger und rigoroser mit Israel umgehen soll? Also, wenn nicht 100 % die palästinensische Sicht, dann ist man schon zu “positiv“.
Der Vortrag war jedenfalls höchst informativ. Frau Sander berichtete noch kurz über die Kündigung, die sie beim Film erhalten hat. Das Publikum im Gemeindehaus war ihr wohlgesonnen, stellte noch einige Fragen bzw. gab Statements ab und dankte ihr.
anne.c - 30. Jan, 18:21
Eine berührende Episode kann ich noch erzählen. Nach Yaakov ersten Besuch in Rostock erschien ein kleiner Artikel darüber in der Lokalzeitung. Zwar hatte Yaakov einen anderen Namen als damals, aber eine Frau wurde doch darauf aufmerksam und meinte, dass das kein anderer als der A.Z. aus Rostock sein muss. Die noch lebende Mutter dieser Frau war einst Kindermädchen bei der Familie Z. gewesen und hat die Familie treu und zärtlich geliebt, bis die Nürnberger Gesetze sie zwangen, ihre Stellung aufzugeben. Die Tochter veranlasste dann ein Treffen zwischen dem ehemaligen Kindermädchen und ihrem Schützling, und das war eine sehr emotionale Begegnung.
Nach der Wende begann eine lebhafte Reisetätigkeit; diesmal in die andere Richtung. Viele Rostocker, die Yaakovs Vorträge gehört hatten, pilgerten in Gruppen oder einzeln nach Israel. Auch ich fuhr mit einer Reisegruppe nach Israel und ließ mich da für einen Tag beurlauben, um Yaakov in seinem Kibbuz zu besuchen. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in der prallen Sonne an der Bushaltestelle stand, um mich abzuholen. Im Kibbuz war es dann gar nicht mehr so heiß, denn der war wie ein großer Park voller Bäume. Und in dem kleinen Gästezimmer, wo ich übernachtete, weckte mich morgens ein durchdringendes Vogelgezwitscher.
Yaakov hat noch viel späte Genugtuung erlebt. Seine Geburtsstadt, in der er einst so schmählich behandelt wurde, machte ihn zum Ehrenbürger. Von der Universität Rostock erhielt er die Ehrendoktorwürde. Eine restituierte Villa wurde zu einer Begegnungsstätte für jüdische Kultur, und Yaakov war dort im Vorstand sehr aktiv. Viele Vorträge, Gesprächsabende, Konzerte und Feste wurden dort gehalten und haben dazu beigetragen, dass sich Menschen mit der jüdischen Vergangenheit und mit dem Schicksal der einstigen Mitbürger im Besonderen beschäftigt haben. Wie es jeder Einzelne für sich aufnimmt und verarbeitet, ist dann seine Sache, aber die Gelegenheit dazu hat er durch solche Menschen wie Yaakov.
Yaakov hat bis 2013 gelebt. So schön sich auch das Schicksal von Yaakov gestaltet hat, der Gedanke an diejenigen, denen es nicht möglich war: zu überleben und Zeugnis zu geben, schwingt bei den Erinnerungen mit.
anne.c - 23. Jan, 12:11
Von der Begegnung mit Yaakov war ich so beeindruckt, dass ich mich hinterher mit ihm unterhielt und ihn um seine Adresse bat. Ich schrieb ihm einen Brief und bekam auch eine Antwort. Wie es der Zufall wollte, waren wir etwa ein halbes Jahr später in Wismar, wo gerade ein Vortrag von Yaakov angekündigt war, der in der Zeit recht oft in die DDR, d.h. in seine frühere Heimat reiste. Der Pfarrer in Wismar kannte uns und bat, ob wir nicht eine Stadtführung mit Yaakov machen könnten. Gern nahmen wir diese Gelegenheit wahr. Wir stellten uns Yaakov vor und erzählten ihm, dass wir in Stralsund schon einmal bei einer Veranstaltung von ihm waren. Er sagte: „Nach meinem Vortrag in Stralsund habe ich so einen interessanten Brief von einer Frau bekommen“. Ich sagte: Das war ich“.
So ergab sich eine Korrespondenz, man kann sagen, eine Freundschaft mit Yaakov. Er kam nun immer wieder in die DDR und knüpfte viele Kontakte. Das vielleicht erhebendste Erlebnis war, dass er die „Wende“ in seiner Heimatstadt Rostock miterlebte. Kurz vor der Wiedervereinigung der deutschen Staaten wurde er nach seiner Meinung dazu gefragt. Er sagte: „Ich wünsche, dass alles glücklich gelingt, dass der Staat prosperieren wird, denn wenn etwas misslingt, dann wird man anfangen, nach Sündenböcken zu suchen“.
Zwei mal habe ich Yaakov in seinem Kibbuz besucht. In diesem religiösen Kibbuz war nicht wie in anderen Kibbuzim der Speisesaal der Mittelpunkt des Ortes, sondern die Synagoge. Als man die Synagoge vor Jahren baute, konnte man Fragmente einer antiken Synagoge frei legen, die seit Jahrhunderten verborgen war. Diese Fragmente schmücken jetzt den Vorplatz der Synagoge.
Einen Speisesaal gab es natürlich auch, und dort hatte ich ein eindrückliches Erlebnis. Zu uns an den Tisch kam eine ältere Frau, begrüßte mich und setzte sich. Es war Yaakovs Schwägerin. Bei der Begrüßung hatte ich bemerkt, dass auf ihrem Unterarm eine eintätowierte Nummer war. Es war das erste mal, dass ich so eine Nummer sah, und es erschütterte mich so, dass ich kaum zu mir kam.
(Fortsetzung folgt)
anne.c - 17. Jan, 21:19
Warum interessierte mich der fremde jüdische Mensch so, dass ich beschwerliche Umstände in Kauf nahm, um seine Vorträge zu hören? Als Jugendliche hatte mich das, was ich über den Holocaust erfahren hatte, so schockiert, dass ich mich gedanklich viel damit beschäftigte. Doch ich empfand es als ein abstraktes Geschehen aus einer fernen dunklen Vergangenheit. Ich wollte sozusagen eine Verbindung dazu gewinnen, einen lebendigen Eindruck.
Yaakov war 1987 das erste mal in die DDR gereist. Wie das organisiert wurde, weiß ich nicht. Er war bei einer fürsorglichen Familie untergebracht, die sich auch sehr um Speisevorschriften, Shabatgebote usw. kümmerte. Nach der Wende stellte sich allerdings heraus, dass der Mann eng mit der Stasi zusammengearbeitet hatte, was aber Yaakov recht gelassen hingenommen hat und auch weiterhin bei der Familie wohnte, wenn er in Rostock war. Als ich ihn von da einmal zu einem Ausflug abholte, sah ich, dass die Familie in einer komfortablen Villa in einem Armee-Sperrgebiet lebte, was auch einem unvoreingenommenen Menschen allerhand aussagte.
Noch sind wir aber in Stralsund. In einem kirchlichen Gemeinderaum waren viele Zuhörer versammelt. Yaakov wurde von seiner Betreuerin vorgestellt, und dann ergriff er selbst das Wort und erzählte über sein Leben. Wie er in einer religiösen Kaufmannsfamilie aufgewachsen war und ab 1933 in der Schule von Lehrern drangsaliert und beschimpft wurde. Aber er erzählte auch von einem Mitschüler, der das als ungerecht empfand und sich neben ihn setzte. Wie er, da er von Jugendlichen sehr isoliert leben musste, seine Freizeit damit verbrachte, ausgiebige Radtouren in die Umgebung zu machen. Wie er fest entschlossen war, aus Deutschland auszuwandern, um nach Palästina zu gehen. Er betonte immer wieder, dass er nicht emigriert sei, sondern „nach Hause“ gekommen sei. Ja, und nach der „Pogromnacht“, als das Leben in Deutschland unerträglich geworden war, handelte er und erreichte, dass der Vater ein Visum für England bekam und er und seine 2 Brüder nach Palästina auswandern konnten.
In Israel lebte er in einem religiösen Kibbuz, den er selbst aufgebaut hatte. Er schilderte das Leben im Kibbuz, die Ruhe am Shabat, die Landschaft gegenüber von Jordanien. Alles illustrierte er mit Dias, auf denen deutlich zu sehen war, dass dieser blühende Kibbuz in seinen Anfängen ein wüstes, unkultiviertes Land gewesen war. Doch schon damals, 1988, geschah es, dass eine Zuhörerin aufstand und in strengem Ton fragte, wie sie dort eigentlich mit den Palästinensern umgehen. Yaakov antwortete ganz ruhig, dass die Araber in Israel die vollen Bürgerrechte besitzen, alle Berufe ausüben, und dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Bevölkerungsgruppen herrsche. Er hätte z.B. einen arabischen Arzt, der ihm einmal nahe gelegt hätte, am Yom Kippur nicht zu fasten, und er wusste, dass er dem Rat des Arztes vertrauen kann.
(Fortsetzung folgt)
anne.c - 9. Jan, 11:07
Am 26.12. 2025 wurden bei der israelischen Stadt Beit Shean zwei Israeli durch einen palästinensischen Terroristen umgebracht. Solch eine Tat ruft wahrscheinlich kein großes Interesse hervor, auch wenn man hier in Deutschland inzwischen Erfahrungen darin hat, dass aus heiterem Himmel ein Messerstecher oder Autofahrer einige Menschen zu Tode bringet
Für mich weckte die Nennung des Ortes Beit Shean Assoziationen an einen Mann, der dort lebte. Genauer gesagt, lebte er in einem Kibbuz ganz in der Nähe dieser Stadt. Geboren ist er 1924 aber ganz woanders, nämlich in Rostock an der deutschen Ostseeküste. Den habe ich 1987 kennengelernt. Dieses Kennenlernen war keine Selbstverständlichkeit. Denn Menschen aus Israel hatten so gut wie keine Gelegenheit, in die DDR zu reisen. Ebenso hatten Israeli, die im Ostblock die Stätten ihrer Kindheit aufsuchen wollten oder gar das Schicksal ihrer zurück gebliebenen Verwandten erforschen wollten, keine Gelegenheit, dorthin zu kommen. Die politische Lage änderte sich ab Mitte der 80-ger Jahre. Erich Honecker bastelte an der Verwirklichung seines Wunschtraums, nämlich in den USA von der amerikanischen Regierung als Staatsratsvorsitzender der DDR empfangen zu werden. Auch Erich Honecker muss von dem Gedanken besessen gewesen sein, dass einem alle Wünsche erfüllt werden, wenn man nur die allmächtigen Juden als Freunde hätte und wollte über Fürsprache der Juden seinen Wunsch erfüllt sehen. Und so wurde das Verhältnis zu Israel deutlich entspannter. Israelische Juden, die ihre Jugend in Deutschland verbracht hatten, besuchten nun die DDR.
Zu ihnen gehörte auch Yaakov, der in Rostock geboren wurde und dort bis 1939 lebte. Nach der Pogromnacht wurde sein Vater in die Haftanstalt Neustrelitz verschleppt. Der 14-jährige Yaakov lief von einer Behörde zur anderen, um seinen Vater frei zu bekommen und Ausreisepapiere zu beschaffen. In einem Amt traf er auf einen gutwilligen Amtsleiter, der seinem Vater, ihm und seinen 2 Brüdern zur Ausreise verhalf. Gern hätte Yaakov auch die Ausreisepapiere für seine Mutter und seine Schwester bekommen. „Ach, das ist nicht möglich, aber Frauen und Kindern wird auch nichts passieren“. Diesen Irrtum haben Mutter und Schwester mit dem Tod in Auschwitz gebüßt.
Yaakov erzählte uns einmal, wie er in den 60-ger Jahren nach Deutschland wegen der sogenannten Wiedergutmachung kam. Er erzählte dort seine Geschichte, und die deutschen Beamten glaubten ihm nicht, dass ein 14-jähriger Junge fähig wäre, sich um solche Ausreiseangelegenheiten zu kümmern. „Ein 14-jähriger jüdischer Junge im Deutschland von 1939 hatte mehr Lebenserfahrung als heute ein Erwachsener“, hatte er geantwortet, worauf die Wiedergutmachungskommission einsah, dass die Aussagen der Wahrheit entsprechen.
Yaakov bekam nicht nur eine Einreise in die DDR, sondern es wurde ihm als Historiker auch gestattet, in Archiven zu forschen. So entdeckte er in einem Archiv in Schwerin auch die Liste auf der Mutter und Schwester zur Deportation eingetragen waren. In Rostock wurden sie noch in ganz normale Eisenbahnwagen gesetzt, in Ludwigslust dagegen in Viehwagen geladen. Wenn Yaakov davon erzählte, konnte er seine Erschütterung nicht verbergen.
Aber wie bin ich an Yaakov geraten? Ich las in der Kirchenzeitung, dass ein jüdischer Historiker in verschiedenen kirchlichen Einrichtungen Vorträge hielt. Nicht nur über seinen Lebensweg, sondern auch über das Leben in einem Kibbuz, was alle Leute sehr interessierte, denn der Begriff Kibbuz hatte etwas Magisches an sich. So machte ich mich mit meinem Mann auf den Weg nach Stralsund, was damals noch ohne Auto mit mehrmaligem Umsteigen verbunden war.
(Fortsetzung folgt)
anne.c - 2. Jan, 17:21