Von meinen ersten Westreisen nach dem Bau der Mauer brachte ich zwei Überlegungen mit:

Als ich mit dem geräuschlosen Intercity durchs Land glitt, beobachtete ich, wie in Norddeutschland große Plätze voller neuer Autos standen, die wohl in jeweiligen Autohäusern da zum Verkauf standen. In Baden Württemberg, waren es dann nicht mehr große Plätze, sondern etwa 10 x so große Areale voller Neuwagen. Ich dachte: `Das Land ist ja so reich, das könnte die DDR schlucken und würde nicht einmal etwas davon merken`. Als die DDR etwa 3 Jahre später dank Implosion + Massenflucht + friedlicher Revolution tatsächlich geschluckt wurde, hat man sich doch wohl etwas verschluckt, und in manchem, so scheint es mir, hat die DDR auch ein wenig die BRD geschluckt. Dass ein Mitglied der direkten Nachfolgerin der DDR-Staats-Einheit-Partei ein Bundesland regiert und dieses von einer ehemaligen FDJ-Propagandistin in Form einer CDU-Bundeskanzlerin mittels Gesetzesbruch, genannt „Rückgängigmachen“, (wieder) ins Amt gehoben wurde, das kann man nicht anders als einen Treppenwitz der Weltgeschichte bezeichnen.

Eine meiner Beobachtungen mündete in eine Frage, die ich bis heute noch nicht beantworten kann: „Verhalten die Menschen sich hier so, wie sie es im Werbefernsehen sehen oder ahmt das Werbefernsehen so gut das Verhalten der Menschen nach?“ Ich hatte viele sehr, sehr schöne Erlebnisse und viele Eindrücke dank zahlreicher Verwandtschaft. Mit ganz einfachen Menschen, mit „hoch“ gestellten Justizbeamten im Verwandtenkreis, mit Konservativen, mit „links“ Eingestellten und Menschen aus dem kirchlichen Bereich. Zwischen Flensburg und Stuttgart, zwischen Aachen und Westberlin. (Die interessanteren Erlebnisse und Gespräche gab es mit Menschen, die auch im Westen eher randständig waren).

Gern beobachtete ich die Menschen in den Zügen oder in Geschäften, hörte dort Unterhaltungen zu. Der Eindruck: „Werbefernsehen“ verließ mich nie so ganz. Oft dachte ich daran, dass jetzt (also damals) noch die Generation aktiv war, die in ihrer Jugendzeit sicher anderes erlebt hat, als das, was sie heute als „selbstverständlich“ ansah. Es musste also im Bewusstsein vorhanden gewesen sein, dass es eine andere Wirklichkeit geben kann, als die, die man nun als die einzig natürliche ansah oder es zumindest propagierte. In Unterhaltungen und Diskussionen schimmerte es durch, wo man bestimmte Worte (ich erlebte es mit dem Wort „jüdisch“ bei einem Familienfest) nicht benutzen durfte, ohne gewaltige Aufregung hervorzurufen: „D i e s e Anekdote (sie war sehr harmlos, sie spielte lange vor der Nazizeit) hättest du dir ersparen können!“, worauf es gar nicht mehr werbefernsehmäßig im Familienkreis zuging.
(Fortsetzung folgt)

Im Luftreich des Traums

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