Über Rassismus

Wie manch anderes Schlagwort, so ist auch der Begriff Rassismus allgegenwärtig. Das ist aus dem Grund verständlich, weil inzwischen viele Menschen aus anderen Erdteilen in Deutschland leben. Wenn man sich im öffentlichen Raum bewegt, erlebt man ein „buntes“ Völkergemisch, besonders wenn man sich in Städten aufhält. Das trägt einerseits dazu bei, dass Vorbehalte abgebaut werden: ich erlebe oft Kinder verschiedener Hautfarben sehr unbefangen miteinander umgehen. Auch haben sich viele Menschen daran gewöhnt, dass ihre Arbeitskollegen eine andere Hautfarbe haben, und sie lernen sie als Arbeitskollegen schätzen. Es ist aber sicher so, dass es zu Situationen kommt, wo das „Andersartige“ in der fremden Persönlichkeit Anlass zu Streit und Auseinandersetzungen führt.

Ich denke jetzt nicht an den Rassismus, den man manchmal im Fernsehen erlebt, wenn sich gut geschminkte junge Frauen, manchmal mit Kopftuch, darüber beschweren, dass jemand sie gefragt hätte: „Wo kommen sie her?“ und sie über diesen „Rassismus“ untröstlich waren.

Neulich hatte ich ein Erlebnis, das mich sehr zum Nachdenken anregte, und bis heute habe ich es nicht verstanden. Ich fuhr im Bus. Alle Sitzplätze waren besetzt bis auf einen. Der Platz daneben wurde von einem ca. 12-jährigen Jungen belegt, der eindeutig ein schwarzes Elternteil hatte. Er gehörte zu einer Klasse, die anscheinend einen Klassenausflug machte. Mir fiel auf, dass die Kinder der Klasse munter schwatzten und kicherten. Der farbige Junge war davon ausgeschlossen. Im nächsten Ort stiegen weitere Kinder der Klasse ein. Keiner setzte sich neben den farbigen Jungen, sondern die neu Zugestiegenen setzten sich auf die Schöße ihrer Klassenkameraden. Der Junge wurde nicht etwa geärgert, es wurde nur nicht mit ihm gesprochen, er war einfach nicht vorhanden. Ob das an seiner Hautfarbe lag, weiß ich nicht, er mag ja auch gerade neu in die Klasse gekommen sein. Trotzdem fand ich es unmöglich, dass er wie eine Unperson behandelt wurde, zumal die Lehrerin ganz in der Nähe saß. Sie schien nichts mitzubekommen, weil sie ständig mit ihrem Handy beschäftigt war. Irgendwann raffte sie sich aber auf, und wies die auf dem Schoß sitzenden Kinder darauf hin, dass noch ein Platz frei ist. Jemand setzte sich dann dort hin, richtete aber seine Aufmerksamkeit ganz auf die anderen Klassenkameraden.

Irgendwann stieg die Klasse aus. Der farbige Junge stand auch draußen abseits, und die Klasse sammelte sich zum Ausflug. Das Rätsel habe ich nicht gelöst. Es gibt mehrere Gründe, warum der Junge von allen, einschließlich der Lehrerin, gemieden wurde (vielleicht war er stumm, aber dann hätte man sich gerade um ihn kümmern müssen). Aber einen latenten Rassismus, auch wenn er unbewusst war, konnte ich bei diesem Erlebnis doch erkennen.

Im Luftreich des Traums

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