Nachwirkungen der Vätergeneration (Teil 1)

Die Geschichte ist etwa 40 Jahre her, sie sollte festgehalten werden, weil sie aussagekräftig ist. Damals war ein junges Ehepaar in einen kleinen Ort gezogen. Es war noch eine Zeit, in der eine gewisse soziale Kontrolle in den Orten stattfand, jeder „Neue“ wurde erst einmal beäugt. Abends ging das Paar immer um die gleiche Zeit nach der Arbeit vom Bus nach Hause. Der Ehemann war aus Osteuropa (was damals ungewöhnlich war, trotz „sozialistischer Bruderschaft“ durfte man das Land nicht wechseln, nur bei einer Heirat war es möglich). Er war zwar nicht aus Polen, was aber einen anderen, gleichaltrigen Mann, einen Waldarbeiter, nicht daran hinderte, sich vor ihn hinzustellen und zu sagen: „Ich dich kennen. Du Polski!“ Er fing dann an, auf die „Polski“ zu schimpfen, bis es ihn übermannte: „Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich alle „Polski“ an die Wand stellen und abknallen!“ Dem Paar war etwas mulmig zumute, aber die Frau sagte einfach: „Hau ab!“ Der Waldarbeiter – man muss zu seiner Entschuldung sagen, er war betrunken, haute auch sofort ab. Später hat er mehrmals Bäume auf dem Grundstück des Ehepaars gefällt, und trank hinterher immer gern ein Schnäpschen mit ihnen.

Ich habe überlegt, woher der Mann seine Meinung über die „Polski“ – hatte. Aus der Schule konnte es nicht sein, da war jede Meinung und Sprache reglementiert – da gab es nur die in Einigkeit lebenden sozialistischen Bruderstaaten. Wahrscheinlich hatte er die Meinung aus seinem Elternhaus übernommen. Immerhin doch schon etliche Jahre nach dem Krieg, muss er mitbekommen haben, dass „Polski“ minderwertig seien, ja sogar Wert, sie abzuknallen. Ob eventuell der Vater zu Hause direkt so gesprochen hat oder ob sich aus einem Konglomerat von Andeutungen der gesamten Elterngeneration sich die Meinung des Mannes gebildet hat, das sei dahingestellt. Es zeigt, dass wenn eine Ära vorbei ist, der Geist dieser Ära noch lange, lange weiter lebt.
anne.c - 10. Feb, 22:23

Ich will mal ganz ehrlich sein: ich habe die Geschichte selbst erlebt, genau so wie beschrieben. Nebenbei gesagt noch ähnliche Situationen, nur nicht so drastisch. Wenn es Zweifel geben sollte, dass die Erlebnisse und Erfahrungen im Blog nicht authentisch sein sollten, dann würde ich demjenigen einfach vom Lesen abraten.

Lo - 11. Feb, 00:15

Der Mann hat vermutlich Langeweile und freut sich, wenn jemand auf seine Provokationen reagiert. Das ist tragisch.
NeonWilderness - 14. Jun, 22:13

redigierter Kommentar von Herrn wvs (13.06.21):

"@ LO
So tragisch wie ihre Neigung sich hier anstatt mit substanzieller thematischer Auseinandersetzung mit mir als Person zu befassen.
"
(Der Rest des Kommentars war von beleidigender Wortwahl und wurde von mir entfernt).
rosenherz - 11. Feb, 18:29

Liebe Anne C., für eine erfundene Geschichte, da klingt sie mir zu schlüssig mit dem Geschimpfe auf den Fremden, der als "Polski" angepöbelt. Ich halte den Text für eine Schilderung von etwas Erlebten, dessen Heftigkeit ich als Leserin vielleicht nicht so ganz erfasse, wie sie damals empfunden wurde von den Betroffenen. Eine Feindseligkeit, die sich offenbart und dem anderen entgegen geschleudert wurde, bis hin zu Vernichtungsphantasien ("alle Polski abknallen").

Ob und wie weit sich diese Vernichtungsphantasien eigenes Gedankengut darstellt, oder etwas ausdrückte, was an Stimmung in der Familie oder in der Dorfgemeinschaft vorherrschte, da bleiben wir als Leserin oder Leser auf Vermutungen angewiesen. Niemand kann in den Kopf des Waldarbeiters schauen und mit Sicherheit sagen, woraus er sich seine geistige Haltung gezimmert hatte. Wir können vermuten, rätseln, soziologische und philosophische Fragen wälzen.

Bemerkenswert finde ich den Schluss, mit dem die Blogautorin ein Fazit zieht. Auch wenn eine politische Ära zu einem bestimmten Zeitpunkt endet, so bedeutet das keineswegs, dass die entsprechende Geisteshaltung verschwunden ist aus den Köpfen der Menschen. Das erinnert mich an die Graffitis, die als Parolen an Wände geschmiert werden. Sie müssen beseitigt werden, die Wände gereinigt. Doch auch wenn sie von den Wänden entfernt worden sind, so ist jedoch nicht das dazugehörige geistige Gedankengut aus der Welt verschwunden.

In Österreich sieht man das deutlich an einem Beispiel eines Politikers. Jörg Haider hatte zu Lebzeiten Fans und Feinde, und eine Partei die er als Parteiobmann führte. Es ist tödlich verunglückt mit seinem Wagen. Seine Ideologie aber lebt weiter in den Menschen, die ihn verehren und seine Ideologie rechtsnationalen Denkens am Leben erhalten in ihren eigenen Köpfen und Alltagsverhaltensweisen.

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

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