Israelfahne

(Fortsetzung vom 4.11.)
Ich hatte überlegt, ob ich mit einem sichtbaren Zeichen meine Solidarität mit Israel bekunden kann. Außer der Teilnahme an der Großkundgebung und dem Spenden von Geld fiel mir das auffällige Tragen einer Israelfahne ein. Obwohl das Tragen einer Fahne hier ja nicht unbedingt üblich ist. Und tatsächlich: ich habe in Berlin, wo ich mich sehr viel in öffentlichen Verkehrsmitteln aufhielt, niemand anderen mit einer Fahne, geschweige einer Israelfahne gesehen. „Du traust dich was!“ und „Pass bloß auf!“, mit diesen Worten wurde ich auf den Weg geschickt. Ich selbst fühlte mich auch nicht so wohl, denn ich pflege normalerweise keine Erkennungs- bzw. Bekenntniszeichen an mir zu tragen. Neugierig war ich, wie sich meine Mitmenschen zu mir verhalten werden. Zur Abwehr von eventuellen Abreißversuchen, nähte ich die Fahne an die Träger meines Rucksacks, sie hing in ihrer ganzen Länge hinter mir hinunter.

Fahne

Nachdem ich eine ganze Weile herumgegangen und -gefahren war, war mir das Tragen der Fahne kaum noch bewusst. Um es vorweg zu sagen: Es kamen erstaunlich wenige Reaktionen. Kaum jemand kümmerte sich um die Fahne, zumal auf den Bahnhöfen mehr als die Hälfte der Leute mit dem Handy beschäftigt ist. Erst ganz zum Schluss im Bahnhof Gesundbrunnen klopften vier arabisch wirkende Jugendliche ans Fenster aus einem Mc-Donald, sie zeigten auf mich und hielten ihre Finger zu einem V-Siegeszeichen. Dann erlebte ich noch eine Frau, die mich anlachte und den Daumen anerkennend in die Höhe hob.

Doch 3 x wurde ich auf die Fahne hin angesprochen, erstaunlicherweise jedes Mal auf Englisch. Das erste mal war es ein Mann, der mich wohlwollend und eher besorgt anblickte und mir sagte, ich solle doch die Fahne nicht tragen, denn sie könne Terroristen anziehen. Dann sprach mich ein junges Paar an, es waren, glaube ich, Polen, und die Frau fragte, ob sie mir Fragen stellen darf. Sie sprach englisch, der Mann übersetzte ins Deutsche. Sie fragte – obwohl sie es wohl wusste -, welche Fahne das ist. „Die Fahne von Israel“. Weiter fragte sie, warum ich die Fahne trage, und ich sagte: „In Israel sind sehr schlimme Dinge passiert, und ich will meine Solidarität zeigen“. Das konnte sie verstehen, meinte aber, dass in Gaza jetzt Krieg wäre, und warum ich nicht auch die Fahne von Palästina trage. Ich antwortete: „Aus Gaza kamen diejenigen, die die schlimmen Dinge getan haben, und außerdem gibt es kein Land Palästina, ein Staat ist leider nie gegründet worden“. Sie bedankten sich und gingen weiter. Später trat eine junge, europäisch wirkende Frau auf mich zu und überfiel mich mit einem Schwall von Worten. Sie sprach so schnell, dass ich nichts verstand, aber ihre Rede hörte sich missbilligend, streng und hart an. Doch auch hier blieb es bei der kurzen Strafpredigt.

Ich stieg in den Regionalzug nach Hause. Der war so drückend voll, ich stand darin wie ein Hering in der Konservendose. So konnte die Fahne nicht weiter zur Wirkung kommen. Die Erlebnisse rund um die Fahne waren so interessant, dass ich Lust bekommen habe, öfter mal durch Berlin mit einer Israelfahne zu gehen.
(Schluss)

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

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