Flüchtlinge und Einheimische

In der nächsten Kleinstadt, in der wie in vielen ähnlichen Städten, eine Reihe von Flüchtlingen untergebracht sind (ich benutze dieses unkorrekte Wort), kann man beobachten: Die Spaltung zwischen Einheimischen und Flüchtlingen ist ungleich kleiner als die zwischen Arm und Reich. Die Stadt, an einem schönen Gewässer gelegen, hat sich in den ca. 30 Jahren nach der „Wende“ so entwickelt, dass es einen krassen Unterschied gibt zwischen den Stadtgebieten, die am Wasser gelegen sind und den „hinteren Teilen“ der Stadt. Ich bezeichne sie als „Teil Arm“ und „Teil Reich“.

Das gesamte Gebiet am Wasser ist voll von Glanz und Reichtum: Hotels, Ressorts (was immer das sein mag), Eigentumswohnungen für Menschen aus Nah und Fern, Flaniermeile, Kunstwerke; Yachten im Wasser. Dazu das entsprechende Publikum: kulturbeflissene Touristen, Yachtbesitzer usw. Von diesem touristischen Highlith gelangt man durch eine schon etwas verrumpelte Hauptstraße, in der es wechselnde Geschäfte, Dönerläden, vietnamesische Billigkaufhäuser usw. gibt, in den „Teil Arm“. Da sieht es entsprechend aus. Etwas verbessert gegenüber dem desolaten Zustand in der Vorwendezeit, aber nicht viel. Das DDR-Plattenbaugebiet, in dem allerhand Flüchtlinge untergebracht sind, gehört auch dazu.

Gestern erlebte ich in „Teil Arm“ eine anrührende Episode. Ich wartete eine Weile am Bahnhof, weil ich Verwandte vom Zug abholen wollte. In einem sich vor dem Bahnhof befindenden Bushäus´chen „hängten“ drei Kinder „ab“, wie das in Bushäus´chen üblich ist. Sie hatten irgendwelche Elektroroller bei sich und ein Gerät, aus dem laute Musik tönte. Sie waren noch recht jung, etwa 8 bis 10 Jahre, einer davon offensichtlich ein „Flüchtlingsjunge“, dazu zwei Einheimische.

Da ich Zeit hatte, wollte ich erkunden, wie diese Jungs miteinander umgehen und setzte mich mit möglichst unbeteiligtem Blick zu ihnen ins Häu´schen. Nach einer Weile stellte sich der ca. 8-jährige deutsche Junge vor mich und sagte: „Wie geht es dir?“ Ich war verblüfft (und hatte die Erkenntnis, dass Kinder in diesem Alter durchaus daran interessiert sind, dass sie von Erwachsenen wahrgenommen werden, und dass man sich mit ihnen beschäftig). Sofort ergriff ich die Gelegenheit zu einem Gespräch und antwortete: „Gut. Aber geht ihr in eine Klasse oder seid Freunde?“ Bevor eine Antwort kommen konnte, wies ihn der Flüchtlingsjunge zurecht“: „Das heißt: ´wie geht es I h n e n!´, hast du denn keinen Respekt?“ Der kleinere Junge war sehr verlegen und sagte: „Ich verwechsele das immer“. Darauf antwortete ich: „Weißt Du, früher war es so, dass Kinder zu Erwachsenen Sie sagen, aber heute kann man das anders sagen, du hast das ganz richtig gefragt“.

Leider kam dann der Zug. Die Jungs zogen auch ab. Meine Gedanken gingen etwa in folgende Richtung: Wie empfänglich sind doch Kinder (vor der Pubertät), egal ob Flüchtlinge oder Einheimische für das Zusammensein mit Erwachsenen, und wie sehr man kann man sowohl positiv als auch negativ auf sie einwirken. Ob es in der Stadt soziale oder kirchliche Einrichtungen gibt, die sich mit diesen Kindern befassen? Ob die entsprechende Kirchengemeinde, die Millionen für Restaurierung, neue Orgeln usw. ausgibt, auch Personal hat, das sich mit den Flüchtlingskindern und den Kindern von „Teil Arm“ beschäftigt? Damals, als die Flüchtlinge kamen, hatten sich ja in der Stadt verschiedene Flüchtlingsinitiativen gegründet (hauptsächlich aus rüstigen unterbeschäftigen Rentnerinnen). Hoffentlich haben diese den langen Atem und die gesundheitlichen Voraussetzungen, sich weiter mit ihren Neubürgern beschäftigen zu können.

Für mich war es jedenfalls ein sehr schönes Erlebnis an einem langen intensiven Sommertag.

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

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