Die alten PDS-ler (Teil 1)

Bei einem Ausflug kam mir ein älterer Herr in einem elektrischen Seniorenwägelchen entgegen und grüßte mich freundlich schon von Weitem. Das ist der letzte aus der Riege, die wir die „alten PDS-ler“ nennen. In Wirklichkeit waren das SED-Parteifunktionäre aus dem Ort. Jeder größere Betrieb hatte einen hauptamtlichen Parteisekretär, der auch in betrieblichen Dingen das letzte Wort zu sagen hatte. (Bekanntermaßen nannte sich die SED in PDS um, später in „die linke“, aber wir sind bei der Bezeichnung PDS-ler stehen geblieben). Die Parteifunktionäre waren in unserem Ort natürlich gut bekannt, und in der „Wende“ spielten sie eine besondere Rolle, es waren diejenigen, gegen die sich der Zorn der Bevölkerung richtete. In gewisser Hinsicht war ich eine Gegenspielerin der Funktionäre, denn ich gehörte zu den sehr wenigen Einwohnern, die nicht zur Wahl gingen. Wenn ich nach dem Grund dafür gefragt wurde, antwortete ich, dass es nur eine Wahl ist, wenn man verschiedene Wahlmöglichkeiten hat, insofern wäre das für mich keine Wahl. (Es gab zwar verschiedene Parteien ((CDU, LDPD, NDPD, Bauernpartei)), aber diese hatten sich mit der SED zur „Nationalen Front unter Führung der SED zusammen geschlossen).

Nach den Stürmen der Wende fand im März 1990 die erste frei Volkskammerwahl der DDR statt. Hierzu hatte ich mich als Wahlhelferin angemeldet. Dabei provozierte ich die kuriose Episode, dass ich den angesetzten Wahlleiter anzweifelte, der auch schon bei der letzten Wahl Wahlleiter gewesen war. Fast ein Jahr zuvor, im Mai 1989, hatte eine Kommunalwahl, noch im alten Stil, stattgefunden. In Verzweiflung über die schon damals angefangenen Demonstrationen, Proteste und vor allem Fluchten in den Westen, hatte man beschlossen, dass der Zusammenhalt der DDR-Bevölkerung besonders demonstriert werden müsse. Also wurde in dieser Wahl noch mehr gefälscht als sonst.

Einen höheren Status als das Wahlergebnis hatte in der DDR die Wahlbeteiligung, die musste an die 100 % sein. Die Wahlergebnisse, samt Wahlbeteiligung hingen nach einer Wahl in öffentlichen Schaukästen aus. Mein damaliger Wahlbezirk hatte ein Ergebnis von 100 % Wahlbeteiligung angegeben. Ich erklärte also dem jetzigen und gleichzeitigen vorherigen Wahlleiter, dass er bei der Kommunalwahl 1989 bei den 100 % Wahlbeteiligung gefälscht haben muss, denn ich war damals nicht zur Wahl gegangen. Zum Beweis konnte ich mein unbenutztes rosa Wahlkärtchen vorweisen. Das war ihm etwas peinlich, er entschuldigte sich verlegen, blieb aber Wahlleiter, weil es ja auch kein anderer machen wollte.
(Fortsetzung folgt)

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