Im Zahnarztraum

Einige Verwicklungen des Lebens haben es mit sich gebracht, dass sich mein jetziger Zahnarzt in genau demselben Haus befindet, in das ich schon in der Kindheit und Jugend zum Zahnarzt ging. Die Aufteilung des Hauses, von der Patientenaufnahme über die Türen, Fenster, Treppe im Warteraum u.a. hat sich nicht geändert, so dass ich mich um einige Jahrzehnte zurück versetzt fühle, wenn ich dort warte.

Raum

Die wartenden Patienten sind von ähnlichem Typ, wie ich es gewohnt war. Als ich vor Kurzem zum Zahnarzt kam, bot sich mir an der Rezeption ein Bild, wie ich es bis dahin dort noch nie gesehen hatte: muslimische Frauen, wahrscheinlich Großmutter, Mutter und deren halbwüchsige Töchter verhandelten längere Zeit mit der geduldigen Rezeptionsschwester. Das Problem war eine Chipkarte, die nicht „durchgezogen“ werden konnte, also genau das, worauf es der Zahnarztschwester ankam. Alles spielte sich fast lautlos ab, das größere Kind fungierte als Dolmetscher. Das Problem wurde schließlich gelöst, beide erwachsene Muslima bekamen später eine Behandlung.

Der Anblick der Gruppe wirkte exotisch: Die Frauen waren in lange schöne Gewänder gehüllt, bei den Mädchen war allerhand Glitzer zu sehen. Die Frauen ersetzten die fehlende „Maske“ durch Auf- oder Abziehen ihrer Kopfverhüllung. (Malerischer als die „Ureinwohner“ sahen sie allemal aus).

Ich stellte mir vor, wie es gewesen wäre, wenn sich ca. 50 Jahre zuvor diese Gruppe im Warteraum aufgehalten hätte. Die meisten Menschen hätten vermutet, dass die DEFA hier einen Märchenfilm dreht, manche wären vielleicht in Ohnmacht gefallen. Stadtgespräch für mehrere Wochen wäre es auf jeden Fall gewesen.

So kam mir in den Sinn, dass es ebenso gut möglich wäre, dass in 50 Jahren in immer noch demselben Zahnarzthaus mit der gleichen Raumaufteilung sich wieder ganz andere Arten von Menschen bewegen können. Verschiedene Varianten malte ich mir aus: vielleicht, dass Muslima die Rolle des Zahnarztes einnehmen, oder dass verschiedene Menschen verschiedener Hautfarben als Patienten bunt durcheinander gemischt wären, oder dass man nach Geschlecht getrennt sitzen würde. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Einen Zahnarzt wird man wohl in 50 Jahren auch noch benötigen, und so lange die zahnärztliche Behandlung gewährleistet ist, müssen wir uns – jedenfalls in dieser Hinsicht – keine Sorgen machen.

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

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