Von meinen ersten Westreisen nach dem Bau der Mauer brachte ich zwei Überlegungen mit: (Teil 3)

Nun komme ich noch einmal darauf zurück, dass mir bei den damaligen Westbesuchen viele Menschen wie Figuren aus dem Werbefernsehen vorgekommen waren. Die Leute verhielten sich so, als hätten sie nicht einmal eine Ahnung davon, dass es Zeiten und Gesellschaften gegeben hatte, in denen man vollkommen anders lebte und handelte, als es jetzt der Fall war. Morgens blätterte die Tante die Werbeprospekte aus der Tageszeitung durch und studierte die „Angebote“ und überlegte, was sie eventuell davon kaufen würde (das war die Tante, die nach jener Familiendiskussion weinend zu mir sagte: „Aber s i e haben doch unseren Heiland gekreuzigt!“ )

Es schien, als lebten die Menschen ohne Vergangenheit. Sie strahlten die Botschaft aus: wenn alle so leben würden wie wir, dann wäre die Welt in Ordnung. Es musste aber doch anderes gegeben haben, als die augenblickliche heile Welt. Warum standen beim Onkel, der 6 Jahre im Krieg gewesen war, einige Bücherregale voller Schlachtenberichte? Warum sagte mir jemand, dass der wichtigste Tag des Jahres für den Vater das jährliche Kameradschaftstreffen sei? Es gab auch damals schon (außer Schlachtenberichten) Literatur über den Krieg, über Judenvernichtung, über Massaker in fremden Ländern, über die Blockade von Leningrad usw. Das hatte alles zu den Lebzeiten der Älteren stattgefunden, und sie waren mehr oder weniger involviert gewesen.

Aber es kam, wenn die Gesellschaft die Kontrolle über ihr steriles Verhalten verlor, Leidenschaft und Verbitterung hervor, so dass ich bei jener erbitterten Diskussion (ausgelöst durch eine Anekdote über einen jüdischen Hausierer in den 20-ger Jahren) selbst von meinem Onkel, einem hohen Beamten und sehr ausgefeilten Redner, den Satz vernahm: „Immer wird nur darüber geredet, was wir gemacht haben, aber niemand redet darüber, was u n s angetan wurde!“, zwei Ausschließlichkeiten, die ich in vielen Variationen schon gehört hatte. („Na und? Wir haben auch genug gelitten!“ war auch in der DDR ein Standardsatz).

Kurz gesagt: mir kam die westdeutsche Gesellschaft wie ein künstliches Werbegebilde vor, werbend für das „ideale Deutschland, das Beste, was es je gegeben hat“, unter dem gar nicht so versteckt ein hässlicher "Pferdefuß" hervorschaute.

Im Luftreich des Traums

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