Meine Erinnerungen an Yaakov (Teil 2)
Warum interessierte mich der fremde jüdische Mensch so, dass ich beschwerliche Umstände in Kauf nahm, um seine Vorträge zu hören? Als Jugendliche hatte mich das, was ich über den Holocaust erfahren hatte, so schockiert, dass ich mich gedanklich viel damit beschäftigte. Doch ich empfand es als ein abstraktes Geschehen aus einer fernen dunklen Vergangenheit. Ich wollte sozusagen eine Verbindung dazu gewinnen, einen lebendigen Eindruck.
Yaakov war 1987 das erste mal in die DDR gereist. Wie das organisiert wurde, weiß ich nicht. Er war bei einer fürsorglichen Familie untergebracht, die sich auch sehr um Speisevorschriften, Shabatgebote usw. kümmerte. Nach der Wende stellte sich allerdings heraus, dass der Mann eng mit der Stasi zusammengearbeitet hatte, was aber Yaakov recht gelassen hingenommen hat und auch weiterhin bei der Familie wohnte, wenn er in Rostock war. Als ich ihn von da einmal zu einem Ausflug abholte, sah ich, dass die Familie in einer komfortablen Villa in einem Armee-Sperrgebiet lebte, was auch einem unvoreingenommenen Menschen allerhand aussagte.
Noch sind wir aber in Stralsund. In einem kirchlichen Gemeinderaum waren viele Zuhörer versammelt. Yaakov wurde von seiner Betreuerin vorgestellt, und dann ergriff er selbst das Wort und erzählte über sein Leben. Wie er in einer religiösen Kaufmannsfamilie aufgewachsen war und ab 1933 in der Schule von Lehrern drangsaliert und beschimpft wurde. Aber er erzählte auch von einem Mitschüler, der das als ungerecht empfand und sich neben ihn setzte. Wie er, da er von Jugendlichen sehr isoliert leben musste, seine Freizeit damit verbrachte, ausgiebige Radtouren in die Umgebung zu machen. Wie er fest entschlossen war, aus Deutschland auszuwandern, um nach Palästina zu gehen. Er betonte immer wieder, dass er nicht emigriert sei, sondern „nach Hause“ gekommen sei. Ja, und nach der „Pogromnacht“, als das Leben in Deutschland unerträglich geworden war, handelte er und erreichte, dass der Vater ein Visum für England bekam und er und seine 2 Brüder nach Palästina auswandern konnten.
In Israel lebte er in einem religiösen Kibbuz, den er selbst aufgebaut hatte. Er schilderte das Leben im Kibbuz, die Ruhe am Shabat, die Landschaft gegenüber von Jordanien. Alles illustrierte er mit Dias, auf denen deutlich zu sehen war, dass dieser blühende Kibbuz in seinen Anfängen ein wüstes, unkultiviertes Land gewesen war. Doch schon damals, 1988, geschah es, dass eine Zuhörerin aufstand und in strengem Ton fragte, wie sie dort eigentlich mit den Palästinensern umgehen. Yaakov antwortete ganz ruhig, dass die Araber in Israel die vollen Bürgerrechte besitzen, alle Berufe ausüben, und dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Bevölkerungsgruppen herrsche. Er hätte z.B. einen arabischen Arzt, der ihm einmal nahe gelegt hätte, am Yom Kippur nicht zu fasten, und er wusste, dass er dem Rat des Arztes vertrauen kann.
(Fortsetzung folgt)
Yaakov war 1987 das erste mal in die DDR gereist. Wie das organisiert wurde, weiß ich nicht. Er war bei einer fürsorglichen Familie untergebracht, die sich auch sehr um Speisevorschriften, Shabatgebote usw. kümmerte. Nach der Wende stellte sich allerdings heraus, dass der Mann eng mit der Stasi zusammengearbeitet hatte, was aber Yaakov recht gelassen hingenommen hat und auch weiterhin bei der Familie wohnte, wenn er in Rostock war. Als ich ihn von da einmal zu einem Ausflug abholte, sah ich, dass die Familie in einer komfortablen Villa in einem Armee-Sperrgebiet lebte, was auch einem unvoreingenommenen Menschen allerhand aussagte.
Noch sind wir aber in Stralsund. In einem kirchlichen Gemeinderaum waren viele Zuhörer versammelt. Yaakov wurde von seiner Betreuerin vorgestellt, und dann ergriff er selbst das Wort und erzählte über sein Leben. Wie er in einer religiösen Kaufmannsfamilie aufgewachsen war und ab 1933 in der Schule von Lehrern drangsaliert und beschimpft wurde. Aber er erzählte auch von einem Mitschüler, der das als ungerecht empfand und sich neben ihn setzte. Wie er, da er von Jugendlichen sehr isoliert leben musste, seine Freizeit damit verbrachte, ausgiebige Radtouren in die Umgebung zu machen. Wie er fest entschlossen war, aus Deutschland auszuwandern, um nach Palästina zu gehen. Er betonte immer wieder, dass er nicht emigriert sei, sondern „nach Hause“ gekommen sei. Ja, und nach der „Pogromnacht“, als das Leben in Deutschland unerträglich geworden war, handelte er und erreichte, dass der Vater ein Visum für England bekam und er und seine 2 Brüder nach Palästina auswandern konnten.
In Israel lebte er in einem religiösen Kibbuz, den er selbst aufgebaut hatte. Er schilderte das Leben im Kibbuz, die Ruhe am Shabat, die Landschaft gegenüber von Jordanien. Alles illustrierte er mit Dias, auf denen deutlich zu sehen war, dass dieser blühende Kibbuz in seinen Anfängen ein wüstes, unkultiviertes Land gewesen war. Doch schon damals, 1988, geschah es, dass eine Zuhörerin aufstand und in strengem Ton fragte, wie sie dort eigentlich mit den Palästinensern umgehen. Yaakov antwortete ganz ruhig, dass die Araber in Israel die vollen Bürgerrechte besitzen, alle Berufe ausüben, und dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Bevölkerungsgruppen herrsche. Er hätte z.B. einen arabischen Arzt, der ihm einmal nahe gelegt hätte, am Yom Kippur nicht zu fasten, und er wusste, dass er dem Rat des Arztes vertrauen kann.
(Fortsetzung folgt)
anne.c - 9. Jan, 11:07
