Meine Erinnerungen an Yaakov

Am 26.12. 2025 wurden bei der israelischen Stadt Beit Shean zwei Israeli durch einen palästinensischen Terroristen umgebracht. Solch eine Tat ruft wahrscheinlich kein großes Interesse hervor, auch wenn man hier in Deutschland inzwischen Erfahrungen darin hat, dass aus heiterem Himmel ein Messerstecher oder Autofahrer einige Menschen zu Tode bringet

Für mich weckte die Nennung des Ortes Beit Shean Assoziationen an einen Mann, der dort lebte. Genauer gesagt, lebte er in einem Kibbuz ganz in der Nähe dieser Stadt. Geboren ist er 1924 aber ganz woanders, nämlich in Rostock an der deutschen Ostseeküste. Den habe ich 1987 kennengelernt. Dieses Kennenlernen war keine Selbstverständlichkeit. Denn Menschen aus Israel hatten so gut wie keine Gelegenheit, in die DDR zu reisen. Ebenso hatten Israeli, die im Ostblock die Stätten ihrer Kindheit aufsuchen wollten oder gar das Schicksal ihrer zurück gebliebenen Verwandten erforschen wollten, keine Gelegenheit, dorthin zu kommen. Die politische Lage änderte sich ab Mitte der 80-ger Jahre. Erich Honecker bastelte an der Verwirklichung seines Wunschtraums, nämlich in den USA von der amerikanischen Regierung als Staatsratsvorsitzender der DDR empfangen zu werden. Auch Erich Honecker muss von dem Gedanken besessen gewesen sein, dass einem alle Wünsche erfüllt werden, wenn man nur die allmächtigen Juden als Freunde hätte und wollte über Fürsprache der Juden seinen Wunsch erfüllt sehen. Und so wurde das Verhältnis zu Israel deutlich entspannter. Israelische Juden, die ihre Jugend in Deutschland verbracht hatten, besuchten nun die DDR.

Zu ihnen gehörte auch Yaakov, der in Rostock geboren wurde und dort bis 1939 lebte. Nach der Pogromnacht wurde sein Vater in die Haftanstalt Neustrelitz verschleppt. Der 14-jährige Yaakov lief von einer Behörde zur anderen, um seinen Vater frei zu bekommen und Ausreisepapiere zu beschaffen. In einem Amt traf er auf einen gutwilligen Amtsleiter, der seinem Vater, ihm und seinen 2 Brüdern zur Ausreise verhalf. Gern hätte Yaakov auch die Ausreisepapiere für seine Mutter und seine Schwester bekommen. „Ach, das ist nicht möglich, aber Frauen und Kindern wird auch nichts passieren“. Diesen Irrtum haben Mutter und Schwester mit dem Tod in Auschwitz gebüßt.

Yaakov erzählte uns einmal, wie er in den 60-ger Jahren nach Deutschland wegen der sogenannten Wiedergutmachung kam. Er erzählte dort seine Geschichte, und die deutschen Beamten glaubten ihm nicht, dass ein 14-jähriger Junge fähig wäre, sich um solche Ausreiseangelegenheiten zu kümmern. „Ein 14-jähriger jüdischer Junge im Deutschland von 1939 hatte mehr Lebenserfahrung als heute ein Erwachsener“, hatte er geantwortet, worauf die Wiedergutmachungskommission einsah, dass die Aussagen der Wahrheit entsprechen.

Yaakov bekam nicht nur eine Einreise in die DDR, sondern es wurde ihm als Historiker auch gestattet, in Archiven zu forschen. So entdeckte er in einem Archiv in Schwerin auch die Liste auf der Mutter und Schwester zur Deportation eingetragen waren. In Rostock wurden sie noch in ganz normale Eisenbahnwagen gesetzt, in Ludwigslust dagegen in Viehwagen geladen. Wenn Yaakov davon erzählte, konnte er seine Erschütterung nicht verbergen.

Aber wie bin ich an Yaakov geraten? Ich las in der Kirchenzeitung, dass ein jüdischer Historiker in verschiedenen kirchlichen Einrichtungen Vorträge hielt. Nicht nur über seinen Lebensweg, sondern auch über das Leben in einem Kibbuz, was alle Leute sehr interessierte, denn der Begriff Kibbuz hatte etwas Magisches an sich. So machte ich mich mit meinem Mann auf den Weg nach Stralsund, was damals noch ohne Auto mit mehrmaligem Umsteigen verbunden war.
(Fortsetzung folgt)

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