Ein Brief an den Bundestagsabgeordneten a. D. Wolfgang Thierse vom 29.12.2015

Sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter a. D. Thierse,

vielleicht werden Sie mir zustimmen, dass eines der größten Probleme der politischen Szene in der von den Wählern wahrgenommenen Unglaubwürdigkeit - ob zu Recht oder zu Unrecht - der Politiker besteht. Neulich hörte ich im DLF ein Interview mit Ihnen, das mich sofort an diese Ungereimtheit erinnerte.

Sie erklärten im Gespräch über Flüchtlinge, es sei Ihnen noch vor kurzem unvorstellbar gewesen, dass sich Europa Deutschland gegenüber derart unsolidarisch zeigen könnte. Ist da wirklich so viel Phantasie vonnöten? Erinnern Sie sich noch an die jahrelange bequeme Praxis des Dublin-Verfahrens, die Flüchtlinge von Deutschland fern hielt und an die souveräne deutsche Nichtbeachtung italienischer oder griechischer Solidaritätsanfragen in Sachen Mittelmeer-Flüchtlinge? Wohlgemerkt - es ging um Anfragen, die weit bescheidener waren als die heutigen deutschen.

Ganz abgesehen davon, dass solche Entscheidungen, wie Sie sie von Europa offensichtlich erwarten und deren Tragweite heute niemand ermessen kann, allein in der Kompetenz der jeweiligen Regierung bzw. des sie stützenden Parlaments stehen und nicht mit pseudomoralischem Druck von Auswärts herbei zu wünschen sind. Insbesondere nicht angesichts der absoluten Heterogenität der anströmenden Antragsteller, wovon viele kaum legitime Asylbewerber sind - lesen Sie als Illustration die Weihnachtsgeschichte im letzten Spiegel, worin der syrische Flüchtling Kalil aus Damaskus gen Deutschland kommt, weil ihn - nach seinem eigenen Bekunden – israelische (sic) und afghanische Terroristen und die kriegsführenden USA aus dem herrlichen Lande Assads vertrieben haben und weil er gern die Bayern-Arena zu München sehen möchte. Und nun schlafe Kalil unter einem Basketballkorb und seine Träume gingen anders, wie der Spiegel sprachlich unnachahmlich bekundet.

Sie waren ein Mann der Opposition in der DDR und es müsste Ihnen auch heute daran gelegen sein, authentisch und glaubwürdig zu bleiben. Der Spruch von der fehlenden Solidarität des egoistischen Europas kann kaum dazu beitragen, sondern bezeugt vielmehr den fortwährenden Bestand jener altbekannten Kluft zwischen Oben und Unten.

Mit freundlichen Grüßen

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

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