Diskrepanz

Es ist schon sehr lange her, die Mauer stand noch. Bei einem Westbesuch erlebte ich im Familienkreis eine heftige Diskussion jener Art, wie ich gehört hatte, dass sie unter westdeutschen fortschrittlichen jungen Leuten stattfinden würde. Beim Kaffeetrinken fiel aus irgendeinem harmlosen Grund das Wort „Jude“, und schon war eine hitzige Debatte im Gange. Es ging darum, dass die jungen Leute (30 – 40 Jahre alt) der älteren Generation vorwarfen, dass sie gar nicht über den Holocaust aufgeklärt worden sind, auch in der Schule nicht und dass die Erwachsenen sich nun dazu äußern sollten. Ich kann mich an die Einzelheiten nicht erinnern, es war aber zu spüren, dass alle, sowohl die Jungen als auch die Alten äußerst erregt waren. Ich warf nur einen Satz in die Diskussion, nämlich dass nach diesem schrecklichen Geschehen der Staat Israel gegründet worden ist, und dass man als Konsequenz unbedingt zu Israel halten soll. Damit waren die fortschrittlichen jungen Leute gar nicht einverstanden. Mir wurde gesagt, dass das eine mit dem anderen gar nichts zu tun hat und dass Israel ein sehr fragwürdiger Staat wäre, den solle man jetzt nicht ins Spiel bringen.

An diese Episode musste ich denken, als ich die letzten Auftritte unseres Bundeskanzlers Friedrich Merz sah. Er sprach bei der Einweihung einer Münchener Synagoge. Es war bewegend, den Bundeskanzler zu erleben, wie er mit den Tränen rang, wie ihn der Gedanke an das schreckliche Geschehen überwältigte. Man sah, dass dieses Entsetzen, das manche Menschen in höchste Aufregung versetzt, auch in ihm schlummerte. Es wirkte echt und nicht gespielt.

Aber was hat dieses bewegte Erinnern des Kanzlers mit Israel zu tun? Gar nichts, was seine Handlungen betrifft, so wie es vor langer Zeit für meine Verwandten auch der Fall war. Friedrich Merz war es, der im August, ohne sich mit seiner Fraktion zu beraten, ein Waffenembargo für Israel verhängte. Ich denke, es ist ihm nicht einmal bewusst, dass es da einen direkten Zusammenhang gibt. Das Waffenembargo bedeutet: man will verhindern, dass Israel seine Kriegsziele erreicht. Jeder Rückschlag für Israel bedeutet eine Stärkung der Hamas. Eine Stärkung derjenigen, die laut ihrer Aussage eine neue Vernichtung des jüdischen Volks anstreben. Es hat genug Gelegenheiten gegeben, Israel in dem Konflikt zu stärken und sei es durch bedingungslosen Beistand bei Verhandlungen um die Geiseln.

Der Gedanke an die darbenden Geiseln scheint keine Tränen und keine Erregung hervor zu rufen. . Es wäre besser gewesen, die Tränen um die bei der Hamas schmachtenden Menschen zu vergießen, als rüchwärtsgewandte Tränen, die niemanden etwas nützen.

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

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