Anonyme Briefe mit verschiedenen Ursachen

Mir wurde ein Buch in die Hand gedrückt: „ich glaube, das ist was für dich“. Es heißt „Die Postkarte“, ist lebendig geschrieben und handelt davon, wie eine junge Frau in Frankreich die Geschichte ihrer Urgroßeltern und Großtante und Großonkel nachspürt, die im Holocaust ermordet wurden. Sehr akribisch forscht sie in Gemeindeämtern, bei alten Leuten, die im Dorf ihrer Großeltern noch leben, in Briefen. Sie kann das Leben und Sterben ihrer Vorfahren so gut es geht, rekonstruieren. Der Ausgangspunkt der Nachforschungen ist eine Postkarte, die anonym bei ihrer Mutter auftauchte und auf der einzig und allein die Vornamen der vier ermordeten Vorfahren geschrieben standen. Das Buch nimmt manchmal kriminalistische Züge an, und die Auflösung des Rätsels ist erstaunlich, aber auch nachvollziehbar. Die einzige Überlebende der Familie, nachdem sie alt geworden war und an Demenz litt, hatte die Namen ihrer Eltern und Geschwister auf diese Postkarte geschrieben aus Angst, sie könne die Namen vergessen und hatte auch darum gebeten, diese Postkarte einzuwerfen und an die Angehörigen zu schicken.

Mir fiel eine Begebenheit ein, die vielleicht nicht dazu passt, aber sie spielt in derselben Zeit, hat wohl auch mit dem Krieg zu tun, handelt auch von einer anonymen Postkarte und ist gleich geheimnisvoll. Anfang der 60-ger Jahre verschwand der Opa meiner Schulfreundin spurlos. Er hatte vor, in den Garten zu gehen, kam da aber niemals an. Man fand keine Spuren von ihm, natürlich auch keinen Leichnam. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, was da wohl geschehen sein könnte. Erst als ich erwachsen war, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ach, das war ja in gewissem Sinne noch Nachkriegszeit, das hatte sicher etwas mit dem Krieg zu tun. Als wir schon viel älter waren, fragte ich meine Freundin nach ihrem Opa, und sie bestätigte, dass sie nie das Geringste wieder von ihm gehört hatten. Aber eine Sache war komisch: Bald nachdem der Opa verschwunden war, bekam die Familie eine anonyme Karte in einem Umschlag. Kein Absender, nichts Schriftliches. Auf der Karte war ein Foto, wie Hitler einst diese Stadt besuchte (worauf manche Einwohner noch Jahrzehnte später stolz waren), und wie Opa in der vordersten Reihe stand und den Hitlergruß machte.

Das Rätsel des Verschwindens ist nie gelöst worden, es findet auch auch niemand, der recherchiert. Doch man kann sagen, dass in der Vergangenheit Geheimnisvolles und Rätselhaftes schlummert, das- sofern man es aufspürt -, viel zum Verständnis auch der heutigen Zeit beitragen kann.

Im Luftreich des Traums

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