Samstag, 6. Juni 2026

Psychologische Betrachtung

In irgendeinem Zusammenhang las ich über eine alte Mutter, die bei einem Gerichtsverfahren anwesend war, in dem über ihren Sohn, ein Schwerverbrecher und Mörder, geurteilt wurde. Sie musste eine Aussage machen. Sie verurteilte die Taten ihres Sohnes mit harten Worten. Dabei konnte sie es aber nicht vermeiden, ihren Sohn verliebt, zärtlich und hingebungsvoll anzuschauen.

An diese Szene denke ich, wenn in der deutschen Gesellschaft die „Taten“ der Vorfahren verurteilt werden. Gedenkstätten werden errichtet, Dokumentarfilme gezeigt, Nachkommen der Opfer geehrt, Gedenktage eingeführt, sich selbst an die Brust geschlagen, Sünden bekannt. Da höre ich im Geiste Aussprüche jener Art wie: „was sollen wir denn noch alles machen?“ oder wie Martin Walser einst den Begriff „Moralkeule“ kreierte. Das erweckt den Eindruck, dieses Gedenken, besonders wenn es in der Politik zelebriert wird, leiste man hauptsächlich, um sich irgendwie reinzuwaschen.

„Verliebt, zärtlich und hingebungsvoll“, schlecht verhohlen, werden dagegen die „Taten“ der Vorfahren glorifiziert, z.B. in Form von Kriegerdenkmälern, die man besonders gern in Kirchen aufstellt. Mit Sprüchen versehen, die einen anderen Geist als den der Versöhnung, von der so oft die Rede ist, ausstrahlen. (Ausgesäht, ja ausgesäht, wurden alle die, die starben. Wind und Regen vergeht, und es kommt der Tag der Garben – Kirche in Basedow, Mecklenburg) (Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen – Kloster Neuendorf ,Altmark) Beide Denkmäler sind erst nach der Wende in den Kirchen platziert worden.

krieger

Eine andere Form von „verliebt, zärtlich und hingebungsvoll“ ist das liebevolle Kümmern um denjenigen, die laut und tatkräftig verkünden, dass sie Israel vernichten wollen und, so weit sie es können, auch ausführen. Das Land, das auch von Menschen aufgebaut wurde, die dem Holocaust entkommen sind oder von Nachkommen Ermordeter. Man gratuliert denjenigen zu ihrer Regierungstätigkeit, die in ihrer Hauptstadt eine überdimensionierte Uhr stehen haben, die auf die Vernichtung Israels hinzeigen soll. Man steckt Unsummen von „Hilfsgeldern“, von denen man weißt, dass sie zu Vernichtungsanlagen und Waffen gegen Israel verwendet werden. Man finanziert Schulbücher, die Kinder indoktrinieren, und in denen zum Judenmord aufgerufen wird.
Man programmiert den staatlichen Rundfunk (auch wenn der Rundfunk von sich weisen würde, staatlich zu sein, aber der Staat sorgt für seine Finanzierung) so, dass in seinen Sendungen analog zur Eingangsanekdote zwar die „Taten“ der Vergangenheit verurteilt werden, passend dazu aber eine verdrehte, z.T. verlogene, tendenziöse Berichterstattung über Israel und eine liebevolle Zuwendung zu dessen Feinden erfolgt. Wohl wissend, dass dieser Staat mit den im Holocaust umgebrachten Menschen zusammenhängt.

Wenn sie doch wenigstens schweigen würden!

Mittwoch, 27. Mai 2026

Florian Markl in Berlin

Florian Markl ist wissenschaftlicher Leiter des österreichischen Informationsportal „mena-watch“. Er hat einige sehr informative Bücher herausgebracht, die besonders interessant für diejenigen sind, die sich mit den Kriegen in Nahost befassen, mit Israel und seiner Stellung in der Welt und wie „die Welt“ mit Israel umgeht. Sein neuestes Buch hat den Titel „Der andere Krieg“. Sorgfältig recherchiert er darin, wie das Völkerrecht gegen Israel im Zusammenhang mit den letzten Kriegen missbraucht wird.

markl

Am 26.5. war nun der Schriftsteller und Wissenschaftler zu Gast im jüdischen Gemeindehaus in Berlin bei einer Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Diese ist in Berlin recht gut vertreten, so füllten den Raum ca. 120 Zuhörer. Er begann seinen Vortrag damit, dass er sich schon jahrelang mit der antiisraelischen Haltung der UNO und internationalen Institutionen befasst hat, aber die antisemitische Welle, die seit dem 7. Oktober rollt, ließe alles zuvor als harmlos erscheinen. Sehr profunde zählte er viele Begebenheiten aus dem Gazakrieg auf und schilderte, wie Fakten verdreht wurden, um Israel zu delegitimieren und zu dämonisieren.

So, zum Beispiel, dass man oft von der israelischen Besatzung sprach, obwohl Gaza seit 2005 nicht mehr besetzt ist. Das wurde so erklärt, dass Israel „effektive Kontrolle“ über Gaza ausübte, also doch eine Art Besatzungsmacht gewesen sei. (Leider war die „effektive Kontrolle“ nicht sorgfältig genug gewesen). In den offiziellen Berichten und Untersuchungen wird zwar viel auf das hingewiesen, was man an Israel für kritikwürdig, für verurteilenswert hielt, die Angriffe der Hamas, auch die jahrelangen Beschießungen zuvor, wurden verschwiegen oder als marginal dargestellt. Wenn plausible Fakten gegen Israel fehlten, dann überlegt man, ob man die Kriterien ändern könnte. So forderte der Staat Irland den internationalen Strafgerichtshof auf, neue Kriterien zu bilden. Als der I G H einmal verkündete, dass Israel eventuell ein Fall für die Völkermordkommission sein k ö n n t e, wurde daraus sofort geschlussfolgert, dass Israel ein Fall für die Kommission i s t, also aus dem Konjunktiv wurde ein Indikativ gemacht, der dann von Medien wiederholt wurde. Die Haftbefehle gegen Netanjahu und Gallant thematisierte Markl, und er betonte, dass auch nach den Regeln des I St G H Menschen aus einem Staat, der nicht Mitglied ist, nicht belangt werden können. Israel wird nach völkerrechtlichen Regeln behandelt, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt.

Markl berichtete, dass es renommierte Juristen gibt es, die es nicht verstehen können, wie die Gesetze gegen Israel ausgelegt werden. Auch erzählte er, dass er bei seiner Arbeit mit Militärexperten zusammengetroffen ist, und diese sagten ohne Ausnahme, dass sie sehr von der israelischen Kampfweise beeindruckt sind.

Wie oft bei solchen Vorträgen gab es anschließend eine Fragestunde. Die meisten Fragenden bedankten sich für den fundierten Vortrag. Es wurde gefragt, warum denn diese allgemeinen Vorwürfe gegen Israel über Genozid und Menschenrechtsverletzungen aufgestellt würden, sie gälten inzwischen als Konsens.. Es wurde gefragt, warum Hilfsgelder an die Palästinenser nicht kontrolliert werden, warum es in Weltorganisationen Doppelstandards gibt. Markl verwies darauf, dass oft Entscheidungen rein politisch getroffen werden, oft sind es auch humanitäre Organisationen, die auf Spendengelder schielen. Aber dass die Tatsache, dass Israel ein jüdischer Staat wäre, der Hauptgrund für Dämonisierung und Delegitimierung sei.

Damit ist allerdings nicht die Frage beantwortet, warum das „Jüdische“ an dem Staat andere Staaten und Menschen so in Erregung versetzt, dass sie ihre eigenen Maßstäbe, Wertevorstellungen, Moral vergessen und ins Gegenteil kehren. Eine mögliche Antwort wäre, dass sie ihre eigenen Maßstäbe, Wertvorstellungen, Moral nicht erfüllen wollen und einen Sündenbock benötigen, auf den sie alle Schuld abwälzen können.

Dienstag, 19. Mai 2026

Das Gerücht über die Juden

Unter dem Titel «Das Schweigen zur Vergewaltigung der Palästinenser» entwirft der amerikanische Palästinenser Nicholas Kristof, Kolumnist der «New York Times», ein Schreckensszenario. Er spricht von systematischer sexueller Gewalt gegen palästinensische Häftlinge, ausgeübt vom israelischen Geheimdienst Shin Bet und von Gefängnisaufsehern. Palästinensische Männer, Frauen und Kinder, so schreibt Kristof, würden mit Unterstützung amerikanischer Steuergelder geschlagen, vergewaltigt, mit Schlagstöcken geschändet und sogar von Hunden penetriert.

Der Artikel erschien „zufällig“ gleichzeitig mit der Veröffentlichung des Berichts über die sexuellen Gewalttaten, die am und nach dem 7. Oktober 23 von Palästinensern an Israeli begangen wurden, wobei zu dieser Veröffentlichung unzählige Beweise in Form von Videos, Zeugenaussagen und forensischen Analysen vorgelegt wurden. Über den Artikel von N.Kristof gab es zwar viel Empörung, denn es war schon sehr „harter Tobak“, was er schrieb, so dass vor dem Gebäude der NYT gegen den Artikel demonstriert wurde. Für seine Behauptungen hatte Kristof so gut wie keine Beweise, er beschrieb „was andere ihm erzählt“ haben, vergaß Namen, Orte, Zeitpunkte zu nennen, so dass seine Anklagen zwar sehr haarstäubend, dafür umso dürftiger waren.

Der Deutschlandfunk fühlte sich nun bemüßigt, den Anklagen von N. Kristof nachzugehen und für die Hörer verständlich zu machen. Das tat der Sender, indem er in der Sendung „Medienmagazin“ den Korrespondenten in Israel, Jan-Christoph Kitzler zu Wort kommen ließ. Hierbei war es interessant, wie Kitzler immer auf dem schmalen Grat wanderte: immer bedacht, nichts zu sagen, was ihm politisch vorzuwerfen wäre, aber die Botschaft, dass Israel ein Unrechtsstaat und gleichzusetzen mit der Hamas wäre, dem Zuhörer deutlich zu vermitteln. Er behauptete, dass es eindeutig systematische sexuelle Misshandlungen an Palästinensern gegeben hätte. Belege könne er nicht bringen, da aus Scham vieles nicht erzählt würde, aber ihm selbst wurden verschiedene schlimme Sachen erzählt. Er betonte auch, die Bezeichnung „systematisch“ bedeutete nicht, dass die Misshandlungen vom „System“, also politisch angeordnet wären, (denn da hatte er keine Beweise), sondern, dass sie „systematisch“ an vielen Stellen stattfänden.

Die Behauptung mit den vergewaltigenden Hunden löste er dialektisch. Erst einmal wurde sie in dem Gespräch in keiner Weise erwähnt. Kitzler sagte aber, dass, falls im Artikel auch nur eine falsche Stelle, die vielleicht ohne Quellenangabe wäre, dann nutze Israel das aus, um den gesamten Artikel zu diskreditieren. (damit wollte er wohl dialektisch verschleiern, dass mit den vergewaltigenden Hunden schon über das Ziel hinausgeschossen wurde)

Für mich ist gerade mit der Behauptung, Israel würde dressierte Hunde einsetzen, um seine Feinde zu vergewaltigen, nicht nur eine Grenze überschritten, sondern sie offenbart puren Antisemitismus. Seit zweitausend Jahren werden Juden blutrünstige, horrormäßige Taten vorgeworfen. Theodor Adorno kam zu der Definition: „Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“.

So soll Franceska Albanese bei ihrem Auftritt in Berlin im Kino „Babylon“ (ich stand davor und demonstrierte dagegen) auch erzählt haben, dass Hunde, die in Belgien abgerichtet wurden, in Israel zum Vergewaltigen von Palästinensern eingesetzt werden. Und diese Franceska Albanese ist eine UN-Angestellte! Man muss sich da vor Augen halten, in welche Ebenen der Antisemitismus reicht.

Der Deutschlandfunk hat seine „aufklärerische“ Sendung mit einer Triggerwarnung versehen, so kann man hoffen, dass einige sensible Hörer rechtzeitig ausgeschaltet haben und von dem „Gerücht über die Juden“ verschont worden sind.

Dienstag, 12. Mai 2026

Heydrich hat es nicht gewollt!

Als Abschluss der sudetendeutschen Geschichten noch eine Erinnerung an die Zeiten des Protektorats:

Eine tschechische Zeitschrift (REFLEX) hatte auf dem Titelbild den ehemaligen stellvertretenden Reichprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, der auch als "Schlächter von Prag" bezeichnet wird. Er war umgeben von zwei goldigen blonden Jungen, und das gesamte Foto zierte ein großer goldener Rahmen.

Die Überschrift des Titelbildes dieser Zeitschrift (man könnte sie mit dem STERN vergleichen) lautete: Mein Papa, Reinhard Heydrich. Als ich diese Zusammenstellung sah, dachte ich: "Wenn wir schon einen Schlächter hatten, dann sollte er wenigstens ein Pop-Star gewesen sein!", also ein interessanter Mann, schillernd, mit vielen Gesichtern, eins davon das des liebenden Vaters.
Wie es bei Illustrierten oft der Fall ist, hielt der Inhalt nicht, was die reißerische Überschrift versprach. Der Sohn mit dem Vornamen Heider, der einer tschechischen Journalistin ein Interview gegeben hatte, worauf diese ungeheuer stolz war, sprach so gut wie gar nicht über seinen Vater, sondern erzählte seine Kindheitserinnerungen an das glückliche Leben im tschechischen Schloss Panenské Břežany. Illustriert war der Artikel mit herzigen Familienfotos, dabei fehlte nicht der Heiders Bruder tätschelnde Adolf Hitler.

Die Schlussfolgerung aus dem gesamten Interview war, dass ein Kind nichts für seinen Vater kann, und dass er, Heider Heydrich, nun als Erwachsener eine strenge Trennung ziehe zwischen seinen glücklichen privaten Erinnerungen an seinen liebevollen Vater und seinem Vater als politische Person, dessen Verhalten er missbillige. Ansonsten entpuppte er sich als freundlicher Durchschnittsbürger, der sein erwachsenes Leben als Flugzeugingenieur in der Bundesrepublik verbracht hatte, und dem nichts geschenkt wurde. Außerdem war er ein guter Großvater und überhaupt ein Mensch, der nie jemanden etwas zuleide getan hatte, ja er organisierte sogar Hilfstransporte nach Polen.

Diese umwerfende "Neuigkeit", dass Menschen, die sich anderen Menschen gegenüber wie Bestien verhalten, zu ihren eigenen Kindern nett waren, ist in Wirklichkeit so geläufig, dass der Journalistin da keine große Enthüllung gelungen ist. Interessanter ist, was sich hinter und zwischen den Zeilen erkennen lässt. Heiders Mutter habe noch im Alter davon erzählt, wie herrlich die Zeit, 1941-1945 in Schloss Břežany gewesen sei, obwohl sie ja in diesen Jahren ihren Mann durch das Attentat und einen weiteren Sohn bei einem Verkehrsunfall verloren hatte. Also muss das Leben als Schlossherrin, umgeben von Dienstpersonal und Sklaven, die aus dem KZ Theresienstadt rekrutiert wurden, diese Verluste aufgewogen haben (später musste sie eine Weile ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, bis sie dann ihre Pension als "Generalswitwe" erstritten hatte – wohlgemerkt eine Pension für einen der „Architekten“ des Holocaust). Auch erwähnte Heider, dass seine Mutter den Tod keines einzigen Menschen verschuldet habe, und trotzdem sei sie von den Tschechen in Abwesenheit zu "lebenslänglich" verurteilt worden. Sie selbst sah Zeit ihres Lebens das Wirken ihres Mannes im Protektorat als positiv. Dem schloss sich Heider nicht unbedingt an, sondern beklagte mehr, wie das wunderschöne Schloss Břežany nach dem Krieg verkommen sei. Dass dieses zuvor einem jüdischen Fabrikanten abgenommen worden war, ließ er dagegen lieber unerwähnt. Auch befanden es der junge Heydrich und ebenfalls die Journalistin für unfair, dass sein geheim gehaltener Besuch auf Břežany im Frühjahr, der ja nur dem Grab seines Bruders gegolten habe, an die Öffentlichkeit geraten sei und einige Zeitungen in nicht freundlicher Weise darüber geschrieben haben.

Inmitten von Rührseligem und Privatem erhielten die Leser aber zusätzlich eine wichtige Botschaft. Die alte Mutter hatte es erst ganz zuletzt dem Sohn erzählt: Reinhard Heydrich habe ihr noch auf dem Sterbebett den Wunsch anvertraut, dass er keinesfalls Racheakte für seinen gewaltsamen Tod wolle. Dieser Wunsch sei auch fast respektiert geworden. Karl Hermann Frank, nach dem Tod Heydrichs der mächtigste Mann im Protektorat, habe dafür noch einen handfesten Streit mit Hitler in Kauf genommen - doch vergeblich. So sind Lidice und Ležáky und die Leben unzähliger Menschen ganz umsonst vernichtet worden: Heydrich hat es nicht gewollt. Wieder war der Führer an allem allein Schuld!

Freitag, 8. Mai 2026

Im Sudetenland (Teil 3)

Kapellchen

Aus dem Sudetenland stammten zwei Frauen, die sich 1993 auf einer Israelreise begegneten. Die eine war die israelische Reiseführerin, die 1938 als Kind mit den Eltern gerade noch hatte fliehen können. Die andere war die schon erwähnte Pfarrfrau, die 1946 gezwungenermaßen ihre Heimat hatte verlassen müssen. Diese Tatsache war ihr Lebensthema, auf das sie bei Unterhaltungen nach einer gewissen Weile immer wieder zurückkam. Sie war eine sehr freundliche Frau, allen zugewandt und meinte es mit jedem gut. Auch mit der Reiseführerin meinte sie es gut, und so sagte sie zu ihr: „Da haben sie aber Glück gehabt, dass sie rechtzeitig geflohen sind“. Ich glaube, dieser Ausspruch war es, der mir für vieles die Augen öffnete und eine Kette von Gedanken in Bewegung setzte, die immer noch wirken.

Die gleiche Tatsache, die Heimat, das Land, in dem man aufgewachsen ist, verlassen zu müssen, soll für die eine ein großes Unrecht, für die andere „ein Glück“ gewesen sein. Zweierlei Maßstäbe anlegen nennt man das. Solch zweierlei Maßstäbe sind in der Gesellschaft so verinnerlicht, dass man sie kaum wahrnimmt.
(Ende)

Dienstag, 28. April 2026

Im Sudetenland (Teil 2)

Wie aussagekräftig der geschilderte kurze Dialog war, bestätigte sich bei einer Reise ins Sudetenland. Nicht 1946, sondern 1938 fing dort Terror an, und von diesem Terror musste jeder etwas mitbekommen haben. Beim Besuch der neu restaurierten Synagoge in dem malerischen Städtchen Uštěk entdeckten wir eine Ausstellung mit 9 großen Schautafeln über die Geschichte von Synagogen dieser Gegend. Der „Anschluss“ (des Sudetenlandes an Deutschland) war 1938 gerade „rechtzeitig“ erfolgt, so dass das Wüten der so genannten Reichsprogromnacht noch voll zum Zuge kommen konnte unter eifriger Mitwirkung der heimischen, deutschen Bevölkerung. Die Synagogen der Sudetengebiete konnten noch demoliert, zerstört und verbrannt, werden.

Liberec

Das war auf den Schautafeln gut dargestellt: die Synagogen, wie sie vor der Besatzung aussahen, Fotos von den brennenden Sanagogen, Darstellungen von den Ruinen und vom späteren Anbringen von Gedenktafeln. Auch über die Geschichten der jüdischen Gemeinden, die dort bis zu 600 Jahre lang ansässig waren, wurde berichtet. Die meisten Synagogen verfielen und wurden später abgerissen. Im Kommunismus kümmerte man sich nicht so sehr um die Schatten der Vergangenheit. Nach 1989 setzte auch in Tschechien ein eifriges Forschen in der ca. 50 Jahre zurück liegenden Vergangenheit ein. Man versuchte wenigstens, durch Forschung und Veröffentlichungen, neue Gedenktafeln oder Einladung von Nachkommen der Ermordeten der Geschichte gerecht zu werden.

Von den 9 zerstörten Synagogen auf den Tafeln ist eine Synagoge, in Liberec, nach 2000 ganz neu gebaut worden, und hier, in Uštěk wurde die zerstörte Synagoge restauriert, und sie wird als eine Art Museum und für Lehrveranstaltungen genutzt.

Syn-Ust-
rekonstruierte Synagoge in Uštěk von hinten

Um noch einmal auf meine eingangs beschriebene Unterhaltung zurückzukommen: Die Tafeln belegen, wie immens und wie unbeschreiblich die Gräuel waren, mit denen die deutschen „Herrenmenschen“ ihre Macht ausübten, so dass auch im Sudetenland jeder davon etwas mitbekam. Dass das junge deutsche Mädchen über ihre Vertreibung empört und verbittert war, kann man gut verstehen, aber dass sie 50 Jahre später, wo sie genau wusste, was geschehen war, immer noch die gleiche Empörung empfand, dafür habe ich kein Verständnis. (Ende)

Mittwoch, 22. April 2026

Im Sudetenland (Teil 1)

Die Sudeten sind die Gebirgszüge im Norden von Tschechien, die die Grenze zu Deutschland und Polen bilden. Die Geschichte des Sudetenlandes ist wechselvoll, Deutsche hatten sich im Laufe von Jahrhunderten dort angesiedelt, sie bildeten inzwischen teilweise die Mehrheit der Bevölkerung und hatten ihre eigene Kultur entwickelt. Das bis dahin einigermaßen friedliche Zusammenleben von Deutschen und Tschechen wurde jäh zerstört, als Hitler 1938 das Sudetengebiet für Deutschland annektierte und ein halbes Jahr später die übrigen Teile von Böhmen und Mähren als Protektorat an Deutschland anschloss. Wie die Deutschen wüteten, in den 7 Jahren in denen sie dort als Herrscher agierten, weiß man aus der Geschichte. Hinrichtungen, Morde, Verschleppungen, Enteignung, Demütigung, Vertreibungen und Vernichtung des größten Teils der Juden, die dort seit Jahrhunderten lebten. Die Tschechen hielten nach Ende des Krieges ein Zusammenleben mit den Deutschen nicht mehr für möglich, und so wurden die ansässigen Deutschen gnadenlos aus dem Land gejagt, getreu dem Motto: „Heim ins Reich“, mit dem sie selbst einst den Anschluss an Deutschland gefordert hatten.

Milles

Nun war eine meiner guten Bekannten eine dieser aus dem Sudetenland Vertriebenen. Eine wirklich liebe Frau. Die Vertreibung war ihr Trauma, auf das sie bei Unterhaltungen nach einer gewissen Zeit immer wieder zurückkam. Wir ließen sie gern erzählen, denn ihre Erinnerungen interessierten uns. So saßen wir eines Tages zusammen, und sie kam dann wieder auf das Thema. Sie wollte sich besonders gewählt ausdrücken, und so sagte sie: „Im Jahr 1946, da war der Augenblick, wo ich erkennen musste, dass es nicht nur gute Menschen auf der Welt gibt“. Das versetzte mich so in Empörung, dass ich nicht an mich halten konnte und zu ihr sagte: „Wissen sie nicht, dass unzählige Menschen nur wenige Jahre zuvor erkennen mussten, was es für schlimme Menschen gibt?“ Mir tat es leid, so reden zu müssen, und ich bemerkte die Verlegenheit, die darauf eintrat. Wir beendeten schnell den Abend, da es schon spät war.
Trotzdem kann und konnte ich nie verstehen, dass Menschen es verstehen, alles auszublenden, was nicht in ihr Weltbild passt.
(Fortsetzung folgt)

Freitag, 10. April 2026

„Großer Hass auf den jüdischen Staat“,

so war der Titel eines Vortrags von Gunnar Schupelius im jüdischen Gemeindehaus Berlin. Gunnar Schupelius ist Journalist und Kolumnist und schreibt für die „Welt“ und diverse andere Zeitungen. Seine Aufmerksamkeit war auf das Phänomen gerichtet, warum sich linke Gruppen und moslemische Gruppen in ihrer Ablehnung von Juden und von Israel zusammenschließen. Denn von ihren Grundvorstellungen sind diese beiden Strömungen doch grundverschieden.

schupp

Schupelius war sogar ein „Insider“, denn er war in seiner Jugend Mitglied der „Grünen Partei“ gewesen (wobei natürlich ein großer Unterschied zwischen „Grünen“ und „Linken“ besteht, aber in der judenfeindlichen Haltung bestehen Parallelen). Er war in den 90-ger Jahren aus der Partei ausgetreten, weil ihm deren Haltung zu Israel und auch zur deutschen Wiedervereinigung nicht behagte. Die Entwicklung der linken Kräfte in der Bundesrepublik hat er hautnah miterleben können. Er meinte, dass es vor 1968 noch viel Verantwortungsgefühl für Israel in Deutschland gab, das aber nach dem 6-Tagekrieg und besonders nach 1968 rapide abnahm. Für die linken „Revolutionäre“ war Israel ein beliebiges imperialistisches Land und ein postkolonialer Vorposten der USA. Ein Gipfelpunkt der linken Judenfeindschaft in frühen Jahren war der (zum Glück misslungene) Anschlag 1969 auf das jüdische Gemeindehaus Berlin (in dem sich Zuhörende und Redner gerade befanden). Die Bombe hätte bei einer Explosion immensen Schaden angerichtet. Auf die Frage, warum „die Linken“ doch immer behaupten, sie hätten nichts gegen Juden, sondern nur etwas gegen den „imperialistischen Staat Israel“, kam die Antwort, dass sie durchaus etwas gegen Juden haben, denn die jüdischen Gemeinden wären Vorposten des Staates Israel.

Aus der kleinen Minderheit der linken Judenfeinde wurde mit der Zeit eine große Zahl, vor allem, da sie in Berufe drängten, in denen sie Multiplikatoren waren und andere Menschen beeinflussen konnten. Nachdem hier die Zahl der Arbeitskräfte, Einwanderer, Asylanten aus muslimischen Ländern, die traditionell die Juden ablehnen, sehr in die Höhe gestiegen war, erkannten linke Kräfte, dass die Gemeinsamkeit im Hass gegen den jüdischen Staat ein großes Potential ergab. Das betrifft auch einfach die Anzahl der Wähler. So haben sich die Linken sehr für die Herabsetzung des Alters für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus auf 16 Jahre eingesetzt und auch erreicht, einfach wegen der großen Zahl von muslimischen Jugendlichen in Berlin. Ebenso wird die Einbürgerung sehr forciert. Da treffen die Interessen der verschiedenen Gruppen aufeinander. Praktisches Ergebnis ist z.B., dass in Berlin ein „Tag gegen Islamfeindlichkeit“ eingeführt wurde. Auch haben die „Linken“ begonnen, Wahlplakate in arabischer Sprache zu drucken. Schupelius meinte, dass der Schulterschluss von der „Linken“ und Muslimen aus Kalkül stattfindet.

Eine zentrale Rolle in der Zusammenarbeit beider Gruppen ist der „Al Quds-Tag“, an dem man antiisraelische und auch antisemitische Parolen offen und unverschleiert auf Plakaten lesen und in Sprechchören hören kann.

Dem Vortrag folgte eine lebhafte Fragestunde. Über unseren Bundespräsidenten schien die gleiche Meinung zu herrschen, wie in meinem Eintrag vom 26.3.26. Über das „Zentrum für Antisemitismusforschung“ fiel die Bemerkung, dass man es auch „Zentrum für Antisemitismusförderung“ nenne. Aber das nur nebenbei. Insgesamt war die Stimmung im Publikum und auch beim Vortragenden eher pessimistisch, was die Ausbreitung des Antisemitismus betrifft. Man war sich aber einig, sich in seinem Bemühen dagegen, nicht entmutigen zu lassen und sich in seinen Bemühungen zu unterstützen.

Im Luftreich des Traums

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