Donnerstag, 14. März 2013

Leserzuschriften in "ZEIT"-online

Nachdem der venezolanische Präsident Chávez gestorben war, sah ich mir die Online-Leserzuschriften einiger großer Medien zu diesem Thema an. Nicht dass ich etwa heraus bekommen wollte, was für eine Figur Chávez gewesen ist, sondern ich wollte wissen, wie normale deutsche Bürger über ihn und sein Regieren denken. "Zeit"- Leser erschienen mir für so eine Studie durchaus repräsentabel.

Die in "ZEIT"-online veröffentlichten Artikel hatten eine ziemlich realistische Betrachtungsweise. Schon in den Überschriften war die Quintessenz enthalten: "Chávez hat das System erhalten und das Land ruiniert" und "Der Comandante hat das Erdöl benutzt, um sein sozialistisches Experiment in Venezuela zu finanzieren. Mit Chávez' Tod ist das System am Ende".

Man kann nicht behaupten, dass die besagten Artikel polemisch oder böse über Chávez berichteten. Sie versuchten, seiner Persönlichkeit gerecht zu werden, und das
Charisma zu hinter fragen, das auf seine Landsleute wirkte. Sie konnten und wollten aber nicht übersehen, dass das Land dank Chávez´ einerseits ideologischen und andererseits auch eigenwilligen Herrschaftsweise über eine vollkommen marode Infrastruktur verfügt und auf vielen Gebieten sehr herunter gekommen ist.

Von den vielen Leserzuschriften waren es knapp 20 %, die den Intentionen der Artikel zustimmten. Wenn man einige Zuschriften abzieht, die einen undefinierbaren Inhalt hatten, kann man sagen, dass gut 2/3 empört über das "ungerechte" Bild waren, das angeblich von Chávez gezeichnet wurde. An einigen Stellen hieß es: Über Tote darf man nicht schlecht schreiben!

Bezeichnend war schon die allererste Zuschrift, die ich vorfand:
"Wann werden die Deutschen aufhören den Hintern der USA und Israels zu küssen?" Eine Grundlage für diese Feststellung konnte man keinem Satz im Artikel entnehmen. Von Israel war dort überhaupt nicht die Rede (Das erinnerte mich an Tuvia Tenenbom, der bei seinem Deutschland-Aufenthalt festgestellt hatte: Wie abwegig auch das Thema sein mag, auf Israel kommen die Diskutanten immer!).

Weiter hieß es: Die Artikel seien unfair. Die USA könnten von einer Verfassung wie sie Venezuela hat, nur träumen. Vorher sei es in Venezuela auch nicht besser gewesen, und jetzt haben wenigstens die Armen etwas vom Ölreichtum, das sei wichtiger als eine intakte Infrastruktur. Eine absolute Gerechtigkeit sei ja sowieso nicht möglich. Wartet erst mal ab, bis sich heraus stellt, dass Chávez sehr viel Bleibendes geschaffen hat! Und so weiter. Die Leserschaft von "Zeit"-online outete sich als sozialistisch und als Verächter der USA, ja auch als links ideologisch. Oder wie soll man es sonst bezeichnen, wenn über einen verstorbenen linken Staatsmann nicht geschrieben werden darf, in welchem Zustand er sein Land hinterlassen hatte?

Wohl wissend, dass die Leser der "ZEIT" und ihrer online Ausgabe nicht identisch sein müssen und dass nicht jeder Schreiber einer Leserzuschrift den Charakter einer Zeitschrift widerspiegelt, so gibt es doch aufs Ganze gesehen Zusammenhänge. Wenn ich mir die Reklamen in der "ZEIT" vor Augen halte, die exquisiten Kreuzfahrtreisen in entlegene Teile der Welt, die ZEIT-Beilagen, in denen sich alles um exquisiten Schmuck, Mode, Lifestyle oder teure Autos dreht, die also alle an ein reiches Leserpublikum appellieren, dann ist die Begeisterung eines beträchtlichen Teils der Leserschaft für einen Beglücker der Armen nur schwer nachzuvollziehen.

Mittwoch, 6. März 2013

Gedanken über den Kommunismus

Gerade las ich etwas über Äthiopien. Ein Mitglied der ehemaligen kaiserlichen Familie schilderte, wie nach Machtergreifung durch die Kommunisten nicht nur in Äthiopien, sondern auch in anderen afrikanischen Staaten, in denen der Sozialismus/Kommunismus eingeführt werden sollte, gewaltige Umsiedlungsaktionen in Gang gesetzt wurden, was dann zu vollkommen desolater Wirtschaft und zu Hungersnöten führte. Die Missachtung des Menschlichen war Kennzeichen des Kommunismus. Das Gleichmachen auf allen Gebieten, was eine Negierung des Menschlichen zwangsläufig einschließt. Als Ausführungsmittel der Umsiedlungsaktionen diente die Bürokratie. So wurden die Menschen willkürlich nach bürokratischen Kriterien bestimmten Gebieten zugeordnet. Auch die DDR trug ihren Teil zum "Aufbau des Sozialismus" in Äthiopien bei. Sie half dort mit ihren Erfahrungen eine äthiopische Variante der Staatssicherheit zu installieren.

In Rumänien war es ähnlich mit der Umgestaltung des Lebens mittels Bürokratie. In den letzten Jahren der Ceausescu-Herrschaft fing man an, die Dörfer einzuebnen und die Landbevölkerung in Wohnblöcken anzusiedeln. Den Gipfel dessen, was Kommunismus ist, kann man sich in Nordkorea sehen.

Wenn ich an die DDR denke: Man sollte genau ansehen, was typisch für die DDR war, was kennzeichennd für ihr Wesen war. Also müsste man sich die Neubauwohnungen ansehen, die für alle gleich eingerichtet waren, und die Gesichter der Stasileute, die keinesfalls so sensibel aussahen, wie Ulrich Mühe an seinen Abhörapparaten. Die Plakate und Parolen, die Demonstrationszüge, das Werben von Kindern für die Volksarmee, das Bestehen darauf, dass jeder das Gleiche sagt. Und die Druckmittel, die gegen alle eingesetzt wurden, die sich der Gleichmacherei entzogen. Das, was die DDR ausmachte, es war stumpf und dumpf, und wenn es anderes gab, war es ein Aufbäumen dagegen. Die Tatsache, dass das „Menschliche“ sich letztlich doch durchsetzt. Schönes und Nostalgisches, was man hier zur Wende vorfand, war das, was die DDR nicht geschafft hatte zu zerstören: Alte Substanz, altertümliches Verhalten….

Sonntag, 24. Februar 2013

Ein Abend mit Tuvia Tenenbom

Nach meinem Eintrag vom 1.1.2013 über Tuvia Tenenbom. hatte ich Gelegenheit, den Schriftsteller persönlich kennen zu lernen. Aus der "Bloggergemeinde" kam ein Hinweis, dass T.T. in Berlin im jüdischen Gemeindehaus eine Buchvorstellung geben wird. In Berlin angekommen, stellte ich fest, dass am Abend zuvor schon eine Veranstaltung mit T.T. in Berlin stattgefunden hatte und dachte, in einer nichtjüdischen Umgebung wäre es vielleicht spannender und kontroverser zugegangen.

Im großen Saal des jüdischen Gemeindehauses waren nach und nach etwa 80 Personen zusammen gekommen. Auf dem Podium nahmen Platz: Tuvia Tenenbom, dazu zwei junge Leute, die als Lesende und Übersetzer fungierten und der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, der als Conferencier wirkte. Die jungen Leute lasen das Kapitel 7, in dem T.T. verschiedene religiöse Gemeinschaften, einschließlich der jüdischen, besucht. Wie der Chefredakteur erzählte, wäre es eines der wenigen Kapitel, bei dem sich noch keine Anwälte gemeldet hätten.

Anschließend gab es eine Diskussion. T.T. wurde gefragt, wieso er gerade auf das Thema Antisemitismus in D. gekommen wäre. Er beteuerte, dass das überhaupt nicht seine Absicht gewesen wäre, im Gegenteil, als er noch wenig von Deutschland wusste, wäre er derjenige gewesen, der in New York die Deutschen gegen solche Anschuldigungen verteidigt hätte. Nachdem er sich dann aber lange in D. aufgehalten hat und bei allen möglichen Gelegenheiten mit Deutschen sprach, muss er sagen: die Deutschen sind besessen von dem Gedanken an Juden und den Holocaust. Seine Erlebnisse wären zufällig gewesen, nicht mit Absicht herbei geführt, aber es dauerte nie lange, bis von den verschiedensten Menschen etwas in dieser Hinsicht geäußert wurde, meistens Absurdes. So traf er im KZ Buchenwald auf den Direktor der Gedenkstätte, der ein T-Shirt von einer Jerusalemer Bar an hatte, die die Auswanderung der israelischen Juden nach Uganda propagierte. Der Leiter für Gedenkstättenpädagogik war einst bei einem Hilfseinsatz in einem arabischen Krankenhaus nach Nablus geraten um sich über die Situation der Palästinenser zu informieren. Prompt wurde ihm dort eine Bombe unters Auto gelegt, bei deren Explosion sein Bruder starb und er ein Auge verlor. Trotzdem demonstriert er für die Rechte der Palästinenser und betreibt zugleich Gedenkstättenpädagogik über den Holocaust.

Während T.T. ins Plaudern geriet, änderte sich die Stimmung im Saal. Ein Tuscheln und Murmeln war zu hören, das in den Satz mündete: "Was reden Sie hier für Blödsinn?" Ein Ehepaar verließ aufgebracht den Saal, kam aber später zurück. Wie sich herausstellte, war der wütende Herr ein verdientes Mitglied der jüdischen Gemeinde, und als er später wieder da war, konkretisierte er seinen Unmut: T.T. würde die gute Zusammenarbeit, die in Jahren mit den Gedenkstätten aufgebaut wurde, torpedieren. Er kenne nicht viele Orte, wo so viel für die Geschichte getan wird. Und der Herr Tenenbom wäre einfach nur stolz und oberflächlich. T.T. ließ sich nicht beirren und meinte, für ihn wäre Deutschland ein Land mit vielen Masken, und der Gedenkstättenleiter hätte keine Scham. Daraufhin verließ wieder jemand den Saal.

Ein junger Mann stellte die Frage, die auch mich interessierte: Wie konnte T.T. als englisch sprachiger Mensch so viele intensive und sprachlich subtile Gespräche mit Deutschen führen. T.T. antwortete, dass viele Gespräche auf Englisch stattfanden und dass oft auch seine Frau als Dolmetscherin fungiert hätte.

Später trat eine Frau vors Mikrofon, die T.T. dankte und sagte, sie wäre auch der Meinung, dass der Antisemitismus hier verbreitet wäre, aber sie könnten ja nicht in ihre eigene Suppe spucken, doch sie findet es toll, dass T.T. gespuckt hätte. Das gefiel wieder einer anderen Frau nicht, denn es gäbe auch gute Deutsche und der erboste Herr F. würde es gut meinen, weil es ihm um die gute Zusammenarbeit mit den Gedenkstätten gehe. Aus den verschiedenen Ausführungen konnte man sich ein gute Vorstellung über die jüdischen Gemeinden in Deutschland, über ihre Animositäten und Zwänge machen.

Der Abschluss war versöhnlich: Ein junger Mann lobte das Buch sehr und unterstrich besonders die Wärme zu den Menschen, die man trotz aller Schwierigkeiten mit ihnen, spürt und bewunderte T.T., wie er es geschafft hatte, so ein akkurates Bild hinzubekommen.

Montag, 18. Februar 2013

Foto-Award

Eine Aufnahme zweier bei einem israelischen Luftangriff getöteter palästinensischer Kinder ist zum besten Pressefoto 2012 gekürt worden. Das Bild des schwedischen Fotografen Paul Hansen zeigt eine große Gruppe trauernder Männer in einer engen Gasse, welche die Kinder in Totengewändern zur Beisetzung tragen.

Dieses Foto löste in mir tatsächlich großes Erschrecken aus. Es ist ein Foto einer Trauergemeinde, aber zugleich ist es ein Propagandafoto und zwar ein sehr unangenehmes, bedrohliches! Und deshalb hat das Bild etwas Verkommenes an sich. Es sagt, es schreit direkt: "Seht Israel den Kindermörder! Seht, die Weisen von Zion, sie morden, wie sie seit 2000 Jahren morden. Schon immer haben die Juden Kinder gemordet." Diese Botschaft wird man in alle Welt senden und sie wird auch so verstanden werden.

Dieses Foto ist nicht einfach nur das Foto zweier im Krieg getöteter Kinder. In Syrien wurden tausende Kinder getötet. In Israel gibt es hunderte Kinder, die bei Selbstmordanschlägen verstümmelt wurden oder ihr Augenlicht verloren. Tote oder verstümmelte Kinder und ein qualitativ hochwertiges Foto bekommt man an vielen Stellen zusammen. In Syrien gäbe es dazu genug Gelegenheiten.

Aus den originalen israelischen Berichten weiß man, dass Israel alles Mögliche tut, damit es im Krieg so wenig zivile Opfer wie möglich gibt. Dass die Hamas aber ihre eigenen Lager und Abschussrampen zwischen Kindereinrichtungen und Krankenhäuser versteckt, damit Israel entweder diese Stellen meidet oder aber wenn es die Lager und Rampen vernichtet, es möglichst zivile Opfer, am liebsten Kinder gibt, die sie dann der Welt als israelische Opfer präsentiert.

Dieses Foto wurde nicht von einigen Palästinensern für ihre Propaganda ausgesucht. Es wurde von einer internationalen Jury aus mehr als 100.000 Fotos gekürt. Es ist unangreifbar. Darum empfinde ich es als erschreckend und bedrohlich. Es zeigt, wie breit die Basis ist, die um jeden Preis, auch um den Foto-Award, zeigen will, dass Israel ein über alle Maße schreckliches Regime ist. Daraus folgt im Selbstlauf, dass immer mehr unbeteiligte Menschen ohne Kenntnis der näheren Umstände sagen: "Ja, wenn so viele davon überzeugt sind, dann muss ja etwas daran sein."

Mittwoch, 13. Februar 2013

Fußballrandale aus aller Welt

An die Redaktion der Tagesthemen, am 11.2.2013:

Sehr geehrte Damen und Herren,

in den gestrigen Tagesthemen berichteten Sie unter "Fanatische Fans" über nationalistisch gesinnte Anhänger eines israelischen Fußballclubs.

Wenn man Ihren Bericht mit
diesem (nur als Beispiel aus einer möglichen Reihe) vergleicht, muss man zwangsläufig nach Ihren Beweggründen fragen, dem im Vergleich harmlosen Tatbestand aus Israel (vermutlich in jedem deutschen Stadion findet man vergleichbare Fans) eine prominente Stelle in Ihrer Sendung einzuräumen, während wirklich dramatische Fußballereignisse in Deutschland eher außer Acht gelassen werden.

Meinem Eindruck nach ist es bezogen auf Israel (das Land scheint der alleinige Grund für Ihren Bericht zu sein) eine verzerrte Berichterstattung. Man bedenke dabei, und das macht Ihren Beitrag ausgesprochen zweifelhaft, dass weit vor dem ausgiebig diskutierten Jakob Augstein kaum beachtet auf der Skala des Simon-Wiesenthal-Zentrums die europäischen Fußballfans als Antisemiten eingereiht wurden.

Die angeführten Zusammenhänge wären es wert, journalistisch bedacht zu werden, dazu möchte ich Sie zumindest anregen.

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Es ist vielleicht keine weltbewegende Meldung, aber sie zeigt genau und beispielhaft den Mechanismus nachdem nicht irgendwelche "Hetzblätter", sondern unsere seriösen Medien, in diesem Fall die Tagesthemen, nicht einfach etwas berichten, sondern Politik machen - auf ihre Weise, versteht sich. Ein sichtlich beunruhigter Tom Burow gab bekannt, wie schlimm und rassistisch sich die Fans in Israel verhalten. Es fiel aber auf, dass nicht einmal ein tatsächlicher Übergriff zu berichten war.
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Jetzt ein anderer Bericht, zum gleichen Thema, ich zitiere aus Uris Tagebuch aus Israel:

Heute Abend, am 11.2., spielte Beitar Jerusalem gegen Bnei Sachnin, einen arabischen Nationalligaklub aus dem Galil. Wie verhielten sich die im Teddy Kollek-Stadion anwesenden Zuschauer? Es gab eine Überraschung: Die Beitar Jerusalem Fans verhielten sich vorbildlich. Es waren Transparente zu sehen mit den Worten: „Wir lieben euch alle, wir sind keine Rassisten“. Von den gegen neuntausend Zuschauern seien nur 35 rabiate Beitar-Fans aus dem Stadion geführt worden, wie auch 35 Fans von Sachnin, die die Sicherheit gefährdet hätten. Der Reporter erzählte, es habe einige rassistische Demonstrationen gegeben, die von der Fernsehkamera nicht aufgenommen worden seien. Diese Ausbrüche seien nur von einer winzigen Gruppe verursacht worden. Von all dem war nur eine Szene zu sehen: Als vor Spielbeginn einige Sachnin-Fans von Wächtern der Ordnung aus dem Stadion geführt wurden.
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Auf den Zuschauerbrief gab es wie gewohnt keine Reaktion. Schade.

Dienstag, 5. Februar 2013

Ideal und Realität

Der 27. Januar ist vorbei, der 30. Januar auch, an dem der Bundestag in diesem Jahr "gedachte". Nun sind die Juden "abgehakt", und Israel ist d´ran. In DR-Kultur wurde ein israelischer Schriftsteller interviewt. Ein "israelkritischer", wie kann es anders sein? Nir Baram, der die Welt nicht in Opfer- und Täterperspektive aufgeteilt sehen will, wie man es wohl gemeinhin tut. In seinem Roman gibt es eine jüdische Kollaborateurin, und "Nazitäter werden nicht mehr dämonisiert" (Das Bild des "verrückten Nazis", sagt der Schriftsteller, sei eine Erfindung der Popkultur). Die gleichberechtigte israelische Gesellschaft, die aus Juden, Palästinensern und Gastarbeitern bestehe, die liege ihm am Herzen. Sein Kernsatz war: Israel ist ein jüdisches Ghetto, das von den eigenen Leuten, d. h. von Netanjahus Leuten, geschaffen wird, und Netanjahu instrumentalisiere dazu den Holocaust. Juden hätten in Israel nicht die Leitkultur vorzugeben. Mauern dürfe es nicht geben und keine Angst. Kurz gesagt Banalitäten, die alles und nichts besagen und bei uns unheimlich beliebt sind.

Mag der junge Schriftsteller es so sehen, und mag das seine Einstellung sein. Unsere Radiosender, die so innig im "Gedenken" sind, werden immer ganz närrisch, wenn ihnen jemand vor´s Mikrofon kommt, der ein ideales Israelbild malt, das nicht Realität wird, was wiederum angeprangert wird. Ich denke manchmal an meine christliche Reisegruppe, mit der ich einmal auf Israelfahrt war. Da wurde oft davon gesprochen, wie wenig gleichberechtigt die Araber in Israel sind. Wenn man dann aber in Akko entdeckte, dass die malerischen Hinterhöfe an der Hafenmole voller Abfall lagen, zückte man sofort die Kamera, um diese Schandflecke zu dokumentieren. Die aufdringlichen Kinder, die uns hinterherliefen um für ein Foto zu posieren, und die, wenn man in die Kamera schaute, ihre Hand zum V-Siegeszeichen erhoben, fand man ausgesprochen lästig.

Wenn doch nur die Menschen, die so genau wissen, wie es in der idealen Welt auszusehen hat, wenigstens in der Lage wären, die Realität zu erkennen!

Montag, 28. Januar 2013

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2013

Dieser Tag bescherte mir einige Eindrücke zum Nachdenken über Sinn oder Nichtsinn solch eines Gedenktages. Morgens war im DLF, in der Sendung des evangelischen Rundfunks ein einfühlsames Lebens- und Sterbensbild des Dichters Katzenelson, der in Auschwitz umgebracht wurde, zu hören. Unwillkürlich fielen mir dabei die Interviews des DLF mit "Israelkritikern" oder Palästinensern ein, die so redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war - der DLF kann ja nichts dafür, er lässt nur Andere zu Wort kommen. Ebenso kann ich die Diskrepanz zwischen dem evangelischen Gedenken und den Handlungsweisen innerhalb der evangelischen Kirche (über die ich in diesem Blog schrieb), wenn es um Israel geht, nicht überbrücken. Der toten Juden wird gedacht, die lebenden werden dämonisiert. Jedenfalls das Land, in dem viele von ihnen leben, und wer ist das Land, wenn nicht die Summe seiner einzelnen Bewohner?

Der nächste Eindruck war eine Predigt eben auch zu jenem Gedenktag, die eine Aneinanderreihung von einigen Schlagworten war und unvermittelt in die Einsicht mündete, dass Gott barmherzig sei. Die Logik des Ganzen war nicht zu durchschauen, und so eilten wir zu dritt in eine kleine Stadt, wo sich etwa 50 Personen vor dem großen, etwas baufälligen Mahnmal am Stadtrand versammelt hatten, das an die vielen KZ-Häftlinge erinnerte, die hier, in einem Außenlager von Ravensbrück, den Tod gefunden hatten.

Hier trafen Kirchenmitglieder, Angehörige der Partei "die Linke", Gymnasiasten und ihre Lehrer zu einer bunten Mischung zusammen. Viele Leute kannten sich und begrüßten sich freudig, manche treffen nur an dieser Stelle zusammen. Vorne am Mahnmal begleitete eine Bläsergruppe alles Geschehen mit recht anspruchsvollen Stücken: Klezmermelodien, Chorälen, modernen getragenen Musikstücken. Der Bürgermeister und die Stadtpastorin hielten eine Rede, Schüler rezitierten und erzählten, was sie über Auschwitz erfahren haben. Die Reden waren sprachlich schlicht gestaltet, man merkte, dass die Vortragenden es sich nicht einfach gemacht hatten. Blumen wurden niedergelegt, die Kapelle spielte. Und die winterliche Kulisse an diesem stillen Sonntagmittag, der Ernst und die Ernsthaftigkeit der Menschen ließen ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass sich Tuvia Tenenbom unter die Gruppe gemischt hätte und unter den Teilnehmern mit seinen arglos provokanten Fragen für ein wenig Verunsicherung gesorgt hätte.

Dienstag, 22. Januar 2013

Zwei Denkmäler

Vor langer Zeit, also in kommunistischer Zeit, gab es in der Tschechoslowakei zwei Denkmäler, die für mich sinnbildliche Bedeutung hatten. In der kleinen Stadt K. hatten nach 1968 die Altkommunisten eine seit längerer Zeit ausgemusterte Stalinbüste aus den Kellerverliesen hervorgekramt und sie im Stadtpark wieder auf einen Sockel gestellt. Ich war entsetzt als ich sie 1974 das erste mal erblickte: In der DDR hatte es keine Stalinrenaissance gegeben, so war ich diesen Anblick nicht gewöhnt. Bis ans Ende der kommunistischen Herrschaft stand Stalin im Park, oft ging ich an ihm vorbei, immer mit Widerwillen.

Dann gab es noch ein zweites Denkmal, es stand in einem Dorf in den Bergen. Es war ein Denkmal Tomáš Garrigue Masaryks. Es stand auf dem Dorfplatz. Der Sockel war umringt von steinernen Gestalten der ruhmreichen tschechischen Geschichte, und hoch ragte darüber die eindrucksvolle Gestalt des ersten tschechischen Präsidenten empor. In der kommunistischen Zeit galt er fast als nicht existent. Immer war ich von der Sorge erfüllt, ob die Kommunisten doch nicht auf die Idee kommen könnten, dieses Denkmal zu entfernen. Wenn ich es damals auch nicht formulierte, so kann ich meine Empfindungen diesen Denkmälern gegenüber so ausdrücken: „Solange das Masarykdenkmal in S. noch steht, ist noch nicht alles verloren, doch so lange das Stalindenkmal in K. noch steht, ist es mit dem Kommunismus noch nicht vorbei!“

Inzwischen gibt es nur noch ein Denkmal, die Statue Masaryks, die den tschechischen Wahlspruch aus den Hussitenkriegen bestätigt: "Die Wahrheit siegt!"
(Wenn es manchmal leider auch lange dauert).

Im Luftreich des Traums

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