Mittwoch, 30. November 2016

Verschiedene Welten

Im Sommer saß ich mit einer freundlichen, netten Kollegin im Garten zusammen. Über uns ratterte mit ohrenbetäubendem Lärm ein großer Militärhubschrauber, und wir schauten in den Himmel. Da sagte ich: „Ja, wenn sie Wahlkampf macht, landet sie immer bei uns nebenan auf dem Sportplatz“ „Wer?“ „Na, Angela Merkel“. Meine Kollegin - sie ist im Westen aufgewachsen - war außer sich vor Ehrfurcht. „Was, Angela Merkel sitzt in diesem Hubschrauber?! Ich bewundere diese Frau!“ Darauf antwortete ich nicht weiter, es gibt genug angenehme Themen, die uns miteinander verbinden.

Mir fiel ein, wie ich das erste Mal - lange ist es her - eine Neujahrsansprache Angela Merkels gehört hatte. Spontan rief ich aus: „Die spricht ja wie eine Pionierleiterin zu den Kindern am Beginn des Schuljahres!“. Wahrscheinlich muss man mit Propaganda aufgewachsen sein um Propaganda erkennen zu können. Vor einigen Tagen gingen Bilder und Videos von einer CDU-Regionalkonferenz durch die Presse. Ein afghanischer Flüchtlingsjunge dankte Angela Merkel unter Tränen. Er erzählte, dass er vor vielen Jahren, als er noch in einem Flüchtlingslager lebte, ein Bild von Angela Merkel gesehen und von danach keinen anderen Wunsch gehabt habe, als zu ihr, in ihr Land zu kommen, was inzwischen gelungen war. Vor fünf Jahren, also noch vor der Selfiehype, hat der damals schätzungsweise höchstens siebenjährige Junge ( angeblich soll er 9 Jahre gewesen sein, das Verändern von Kinderalter gehört auch zur Propaganda ) anhand eines Fotos von ihr die Eingebung gehabt, dass diese Frau die Rettung für ihn bedeuten würde. Er hatte seinen Vater – selbstverständlich nur den Vater, in dessen Begleitung er nun auch da war, nicht etwa die Mutter -, daraufhin so lange bearbeitet, bis er es geschafft hat, nach Deutschland zu kommen. Wie, das wurde nicht erwähnt, ob Schleuser bezahlt wurden oder etwa Pässe vernichtet. Das Propagandavideo dazu, auf einem Spielplatz in der Herbstsonne gedreht, war eindeutig in Vorbereitung auf diese Huldigung hergestellt, also inszeniert worden.

Das Parteivolk jubelte. Angela Merkel kanzelte gleichzeitig noch einen anderen Parteigenossen ab, der vorher eine kritische Ansage gemacht hatte und machte ihm klar, dass nicht nur er unter die Bezeichnung Volk fiele, sondern dass alle (also sie selbst) das Volk wären. Führer, die Kinder liebkosen, das ist doch ein uraltes Propagandamittel. Sah man nicht sowohl Hitler als auch Stalin öffentlich Kinder liebkosen? Ulbricht und Honecker im Kreis von jungen Pionieren, das waren die Bilder mit denen ich aufgewachsen bin, übrigens ebenso wie Angela Merkel. Und das dazu frenetisch klatschende Parteivolk sowieso.

Mit der Zeit bin ich nicht mehr so erbittert darüber, dass nach dem Krieg Ost- und Südosteuropa dank der deutschen Invasion unter kommunistische Knute geraten sind. Und vom Westen behandelt wurden, als wären sie zurückgebliebene Hinterwäldler. Der technologische Vorsprung wird ausgeglichen, der Mangel an Reichtum muss nicht immer schlecht sein, aber dass diese Länder leidend erfahren mussten, was Ideologie ist, das kann ein großer Vorteil für sie sein - ich denke, in einem ehemaligen Ostblockland kann man über eine solche Propaganda nur lachen.

Freitag, 25. November 2016

Gibt es einen postfaktischen Arbeitslltag?

Das Mädchen, mit dem ich mich vor kurzem unterhielt, war 11 Jahre – ich spürte etwas Wichtiges in ihrer Überlegung. Wir bastelten zusammen, die Situation war entspannt, und bei solchen Gelegenheiten fangen Kinder oft an zu erzählen, was ihnen durch den Kopf geht. Das Mädchen sagte zu mir: „Wissen sie, was meine Mutter mir erzählt hat?“. In ihrem Gesicht spiegelten sich das Entsetzen ihrer Mutter und auch das ihrige wieder. „Die Reinemachefrau, die unser Zimmer sauber macht, muss um 3 Uhr nachts aufstehen, damit sie hier sauber machen kann!“ Ich musste mir diese Tatsache erst einmal durch den Kopf gehen lassen: Ja, sie steht um 3 Uhr auf, fährt eine Stunde mit dem Auto und muss um 5 Uhr mit der Arbeit in dieser medizinischen Einrichtung beginnen, damit die öffentlichen Räume um 7 Uhr benutzt werden können. Ich sehe, dass die Reinigungskräfte sich immer gegen 14 Uhr auf den Weg nach Hause machen. Es wird wohl so sein.

Über die Reinemachefrau weiß ich nichts. Vielleicht ist sie froh, dass sie überhaupt Arbeit hat. Ihre familiäre Bindung wird so sein, dass sie in ihrer Gegend wohnen bleibt und nicht näher hierher zieht. Wahrscheinlich kann sie sich nicht einmal die Miete hier leisten. Vielleicht hat sie sich daran gewöhnt und findet ihren Arbeitsalltag normal. Garantieren kann ich dafür, dass ihr Verdienst so sein wird, dass sie später eine äußerst geringe Rente bekommen wird.

Was sagte diese kurze Aussage des Mädchens? Sie sagte, dass Kinder mitfühlend sein und einen Blick für Wesentliches haben können. Gefreut hat es mich, dass das Mädchen nicht „das Elend der Welt“, sondern das eines konkreten Menschen in ihrer Umgebung wahrgenommen hat. Weiter hatte ich das diffuse Gefühl, dass an der Gesellschaft etwas falsch ist, wenn Reinemachefrauen um 3 Uhr Nachts aufstehen müssen, um an der Ostsee für wenig Geld Häuser säubern zu dürfen. Es erinnert mich an Berichte über Kreuzfahrtschiffe, wo Menschen in mehr oder weniger Luxus von einer Art Sklavenvolk bedient werden, das vielleicht froh ist, dass es Arbeit hat und die Familie ernähren kann. Ich dachte daran, dass diejenigen, die hier die öffentliche Meinung tragen, steuern und beeinflussen oft und gern moralische und soziale Statements von sich geben. Weniger als Mitgefühl für Menschen, die es schwer haben, höre und lese ich von Verachtung für die AfD. (Vom Wahlverhalten der Reinemachefrauen habe ich selbstverständlich keine Ahnung). Ich stelle mir vor, dass so eine Frau, die um 4 Uhr bei jeder Wetterlage übers Land fährt um Zimmer zu reinigen, zu denen gehört, die „abgehängt“ ist und denen „wir“ versäumt haben, die Dinge nur richtig zu erklären. Postfaktisch kann man so einen Arbeitsalltag nicht bezeichnen, der ist harte Realität.

Sonntag, 13. November 2016

„Gaza Monologe“ im Theater Greifswald im Rahmen der „Entwicklungspolitischen Tage“

Am 11.11. 2016 besuchte ich im Theater Greifswald eine Veranstaltung, die den Titel „Gaza Monologe“ trug. Sie fand im Rahmen der Entwicklungspolitischen Tage (was immer das auch sein mag) des Eine-Welt-Landesnetzwerk M-V statt. Dieses Netzwerk ist ein Dachverband von Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen aus Mecklenburg-Vorpommern, die für weltweite Gerechtigkeit und zukunftsfähige Entwicklung einstehen. Immer schon interessierte ich mich mehr für Dinge in der Nähe, als für die, die in der „großen Welt“ stattfinden. Netzwerke, von denen man zwar kaum etwas weiß, die aber vor Ort agieren, können interessant sein. Immerhin hatten die Flyer zu dieser Veranstaltungsreihe, die unter der großen Überschrift „Krieg und Frieden“ stand, in einer evangelischen Kirche ausgelegen. Der Titel „Gaza-Monologe“ verhieß nichts Gutes. Aktuell schien das Stück nicht zu sein, da im Augenblick Kriege in anderen Regionen und in ganz anderen Dimensionen stattfinden. Mein Verdacht, dass sozusagen der Prototyp des Kriegs dem Staat Israel zuzuschreiben ist, hat sich durch den Theaterabend erhärtet.

Der Anfang der Veranstaltung musste um etwa eine halbe Stunde verschoben werden, da es technische Probleme gab. So hatte ich Gelegenheit, mir das Publikum anzuschauen. Der „kleine Saal“ war voll besetzt, d. h., es müssen etwa 90 Zuschauer gekommen sein, die wieder zu ca. 80 % aus studentischem Publikum und Angehörigen des „Netzwerkes“ zu bestehen schienen. Einige Araber, ausschließlich junge Männer - wahrscheinlich „Flüchtlinge“, waren eingeladen worden. Wenn sie nicht gerade mit weit ausholenden Umarmungen begrüßt wurden, waren sie in der Wartezeit meistens ihrem Smartphone überlassen. Zu Beginn der Veranstaltung gab es eine Begrüßung durch eine Angehörige des „Netzwerkes“. Zu dem Stück gab es leider weder Programm noch irgendwelche nähere Hinweise. Die Herkunft und Namen der vier jungen arabisch sprechenden Schauspieler wurde nicht bekannt gegeben, zu ihren arabischen Monologen lief aber eine deutsche Übersetzung als Einblendung. Die Schauspieler lieferten neben akrobatischen Einlagen hauptsächlich verbal Eindrücke, die ein Jugendlicher im Krieg haben kann: den Tod von Verwandten, die Zerstörung von Gebäuden, Angst. Interessanterweise bezeichneten sie die umgekommenen Verwandten nicht etwa als unschuldige Opfer, sondern als Märtyrer, also als Menschen, die bewusst wegen ihres Glaubens oder ihres Bekenntnisses zu Tode kamen. Dass die Jugendlichen nicht zum Ausdruck brachten, dass die Gaza-Kriege aus jahrelangem Raketenbeschuss Israels aus Gaza, sowie dem Missbrauch der internationalen Hilfe zum Bau von Terrortunneln entstanden sind, muss man ihnen nicht anlasten. Ich erinnere mich, dass sich in früheren Zeiten und auch heute noch Menschen in Deutschland bitterlich über alliierte Bombenangriffe beklagten (meine eigene Tante ist ihnen zum Opfer gefallen), und sich wenig darum scherten, was das deutsche Heer in der Welt angerichtet hat. So geht es im Leben zu. Jeder nimmt sich selbst als das Wichtigste wahr.

Es ist möglich, dass ich im Publikum als eine Subversive identifiziert wurde, denn Klatschen brachte ich zu Ende des Stückes nicht übers Herz, während ich um mich herum Begeisterungsrufe vernahm. Als ich das Theater verließ, warteten unten einige weitere Flüchtlinge, von denen ich den Eindruck hatte, dass der Besuch eines Theaters auch wenn das Stück arabischsprachig war, sie langweilen würde. Vielleicht hatten sie aber Angst, dass das Thema traumatische Erinnerungen hervorrufen könnte.

Auf weitere Besuche von Veranstaltungen des Netzwerkes werde ich verzichten, und so bleibt mir der Abend über das „bunte Bild des vielfältigen Iran“ in Güstrow, der Workshop mit islamischen Frauen in dem ein möglichst lebensechtes Bild der Frauen im Islam gezeigt wird sowie ein Workshop über die Wasserfrage und Kriege, beides in Rostock, vorenthalten. Über Letzteres bin ich durch die ARD, Martin Schulz und Mahmoud Abbas bereits genügend aufgeklärt.

Mittwoch, 9. November 2016

Ein kleiner Ausflug in die Politik - nach der Wahl in den USA.

Nach meinem Vorstellungsvermögen sieht ein Präsident nicht unbedingt wie Donald Trump aus. Über ihn möchte ich nichts sagen, denn das ist Sache der US-Amerikaner, die ihn gewählt haben. Wer ihn nicht gewählt hat und wer leider auch keine Befugnis hatte, ihn zu wählen, sind deutsche Politiker und Journalisten. Dafür meinen anscheinend deutsche Politiker und Journalisten die Befugnis zu haben, Trump zu verachten und sie haben nicht einmal den diplomatischen Anstand, diese Verachtung wenigstens so lange zu verbergen, bis Donald Trump einen triftigen Anlass dazu gibt, selbst Angela Merkel lehrte ihn jetzt, nur dann mit ihm zusammen zu arbeiten, wenn er die von ihr schulmeisterlich aufgezählten Werte respektiert.

Schlimmer jedoch empfinde ich es, dass etwa die Hälfte der US-Bürger, die Trump-Wähler sind, de facto als minderbemittelt dargestellt wird. Vielleicht haben sie nicht in erster Linie Donald Trump gewählt, als dass sie Hillary Clinton nicht gewählt haben. Und warum sollten sie sie wählen? Am 11.9.2001 wurden die USA bekanntlich von einem Trupp skrupelloser Terroristen angegriffen, ja direkt „ins Herz getroffen“. Wenn auch in Europa dieser oder jener seine Schadenfreude darüber nicht verbergen konnte, so könnte es doch sein, dass der Großteil der US-Bürger nicht so gute Erinnerungen daran haben wird. Es stellte sich heraus, dass Hillarys engste Vertraute und Beraterin sowie Vizevorsitzende der Präsidentschaftskampagne, Huma Abedin, die sogar Aussicht hatte, im Fall eines positiven Wahlausgangs Außenministerin zu werden, Verbindungen nach Saudi Arabien, zu den Muslimbrüdern und zur Hamas hat. Diese Verbindung Huma Abedins läuft zwar nur über mehrere ihrer Familienmitglieder, aber woher sollen die unbemittelten Amerikaner wissen, dass Sippenhaftung nicht zu den allgemeinen „Werten“ gehört?

Die Amerikaner sind nicht so großherzig und aufgeklärt wie die Deutschen, die eine Staatsministerin Aydan Özoğuz haben, deren Brüder sogar die berüchtigte Internetseite Muslim-Markt betreiben, womit sie selbstverständlich nichts zu tun hat, außer ihrer Meinung, nicht unbedingt gegen Kinderehen zu sein. Die Amerikaner ticken einfach anders als wir oder als die Spanier, die unmittelbar nach dem schlimmsten Terroranschlag ihres Landes (2004) mit fast 200 Toten einen den Terroristen genehmeren Präsidenten (Zapatero) wählten. Trotz allem sollen wir die US-Amerikaner nicht so sehr verachten, sie haben auch Menschenrechte, wenn es auch schwer fällt, das einzusehen.

Mittwoch, 2. November 2016

„Kleine Leute“

Von einer Bekannten hörte ich: „Bei uns ist niemand für Flüchtlinge“. Wer ist mit „uns“ gemeint? In diesem Fall waren es die Mitglieder einer Wandergruppe, die in einer größeren Stadt organisiert ist. Und warum ist aus dieser Gruppe „niemand“ für Flüchtlinge? In der Gruppe fanden sich ausschließlich Menschen zusammen, die man landläufig als „kleine Leute“ bezeichnet. Ihre Gehälter und Rente sind so bemessen, dass sie gerade über die Runden kommen. Es sind Menschen dabei, die regelmäßig Zeitungen austragen, um ihr Salär etwas aufzubessern. Sie sind nicht arm, müssen sich aber anstrengen, damit sie nicht unter die Armutsgrenze rutschen. Zu ihren Wanderungen reist die Gruppe nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln an. Die Teilnehmer haben in den letzten Jahren erlebt, wie immer weitere Bahnstrecken still gelegt wurden, so dass sich das Gebiet für die Wanderungen sehr verringert hat. Gleichzeitig vernehmen sie: hier „sprudeln“ die Steuern. Dass „sprudelnde“ Steuern zur Erhaltung der Infrastruktur eingesetzt werden könnten, zumal angeblich Klimaschutz ganz groß geschrieben wird, ist kaum zu bemerken. Bei ihren Zugfahrten erlebten sie mehrmals, wie Flüchtlinge ohne Fahrkarte mit sofort ausgestellten Ersatzfahrkarten ausgestattet wurden, während sie selbst sich ihre Fahrkarten haben kaufen müssen.

Die Ansichten in meinem Bekanntenkreis über die „Flüchtlingsproblematik“ sind breit gefächert. Es gibt dort Menschen, für die es die Erfüllung ihres Daseins ist, sich um Flüchtlinge zu kümmern, insbesondere sind es allein stehende Frauen, und sie berichten von beglückenden Erlebnissen. Weiterhin kenne ich auch Menschen, die aktiv in der Flüchtlingsarbeit sind, aber die Tatsache von zu vielen Flüchtlingen in ihrer Heimatstadt als unangenehm empfinden. Eins kann ich mit Sicherheit sagen: je weniger begütert bzw. abgesichert die Menschen sind, desto skeptischer sind sie der Flüchtlingspolitik gegenüber. Das ist natürlich: Sie sehen in ihnen Konkurrenten um einfache Arbeitsplätze und billige Wohnungen und erleben in ihrer städtischen Umgebung eine weit geringere Sicherheit als vor dem Flüchtlingsstrom. Die weit geöffneten Arme von Bischöfen jeglicher Couleur, die sich sicher sein können, dass kein Flüchtling ihnen ihr Bischofsamt streitig machen kann und dass ihre Beamtenpension um keinen Euro geschmälert wird, kann man als Hohn gegenüber diesen „kleinen Leuten“ interpretieren. Überzeugend würden Bischöfe, Politiker, Medienmacher, Theater- und Filmleute, die ihr großes Herz für die Flüchtlinge zur Schau stellen nur dann, wenn sie für jeden nachvollziehbar einen großen Teil ihres Einkommens für die Flüchtlinge zur Verfügung stellen, und zwar nicht als beliebige Spende, sondern als einen für sie dauerhaft nicht mehr zur Verfügung stehenden Teil ihres vormaligen Wohlstandes.

Welche Parteien sind es, die sich am vehementesten für die Flüchtlinge einsetzen? Es sind die Parteien der „kleinen Leute“, die PDS, die angeblich eine Partei der Arbeiterklasse ist und die Grünen, die sich auch die soziale Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ähnlich steht es mit der SPD, die auch angeblich für die „kleinen Leute“ da sein will. (Dass die CDU nicht etwa hinter der Flüchtlingspolitik, sondern hinter ihrer Führerin Angela Merkel steht und allen undurchschaubaren Wendungen ihrer Politik folgt, ist eine politische Kuriosität, die sicher ihre Ursachen ehemaligen DDR hat, dem Ort wo sie ihren Arbeitsstil erwarb). Da die Parteien sich über die Interessen der „kleinen Leute“ so vehement hinweg setzten und diese politisch keine Wahl haben, ist der große Zustrom für die AfD gut nachvollziehbar. Die etablierten Parteien – anstatt dass sie sich die Frage stellen: Wie können wir die Interessen der „kleinen Leute“ besser wahrnehmen, stigmatisieren sie die Wähler der AfD, also in erster Linie die „kleinen Leute“.

Samstag, 22. Oktober 2016

Wieder einmal eine unbeantwortete E-Mail

In den letzten Monaten machte man sich im Fernsehen immer einmal Überlegungen, warum die Presse und die Medien im Allgemeinen geschmäht und nicht in dem Maße für ernst genommen werden, wie diese meinen, dass es ihnen zustehe. In der Regel werden dabei „besorgte Bürger“, also Menschen, die der AfD nahe stehen, vorgeführt, wie sie unflätig oder unbedarft irgendetwas Böses über „die Medien“ in die Kamera sagen. (Bei „extra3“ –NDR war vor kurzem so etwas zu sehen). Im Zuschauer soll der Eindruck entstehen, dass die Menschen, die die Medien nicht ernst nehmen und das Wort „Lügenpresse“ benutzen, sehr unangenehme Zeitgenossen sind, mit denen es sich nicht lohnt, abzugeben. Schon die Tatsache, dass zur Rechtfertigung der eigenen Moralität unbedarfte, boshafte oder dumme Menschen mit ihrer dementsprechenden Wortwahl heran gezogen werden, ist ein Zeichen, dass am Begriff Lügenpresse etwas dran ist. Vor ernst zu nehmenden Argumenten, wird Abstand gehalten, was zur Folge haben soll, dass auch der seriöse Kritiker sich in „einem Topf“ mit den „Bösartigen“ wähnt.

Nun könnte man bequem sagen: Höre und lese doch den ganzen Mist nicht! Das halte ich für falsch, denn das „Lügen der Lügenpresse“ (um es drastisch zu sagen), rieselt ständig auf einen hernieder. Es ist schon nützlicher, darüber nach zu denken, und den „Medienmachern“ zu zeigen, dass man liest und zuhört, zuschaut und mitdenkt. Obwohl ich mir Medienenthaltsamkeit auferlege, war es in diesem Jahr doch etwa 10 mal, dass ich mich genötigt sah, an Medien einen Beitrag zu schreiben. Drei mal erhielt ich eine Antwort – immerhin. Die eine war eine vervielfältigte Mail, weil es wohl zu viele Zuschauerreaktionen gegeben hatte (vom NDR). Zwei der Antworten gingen auf mein Schreiben ein, einmal der NDR, einmal der DLF. Die Antworten waren gleichermaßen, dass ich die Dinge verkehrt sehe, und dass ihre mediale Tätigkeit vollkommen in Ordnung war.
Ohne weiteren Kommentar – denn der Inhalt geht aus meinem Schreiben hervor -, stelle ich den letzten, unbeantworteten Hörerbrief an den DLF in den Blog.

„Die Nachrichten am 19.10.2016 vom DLF
Nachrichten über die Deportation Berliner Juden

Sehr geehrte Redaktion,
wie es oft der Fall ist, hörte ich im Laufe des Tages einige Male Ihre Nachrichten. Dabei fiel mir die Meldung über die Deportation der Berliner Juden von „Gleis 17, Berlin-Wannsee“ auf. In schöner Regelmäßigkeit wurde diese Nachricht mit dem Satz abgeschlossen, dass „bis 1945 insgesamt mehr als 50.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Berlin in Ghettos und Konzentrationslager im Osten verschleppt wurden“. Nun ist allgemein bekannt, dass sowohl Berliner als auch jegliche andere Juden nicht in Lager verschleppt wurden, sondern in Gaskammern und Verbrennungsöfen verschwanden, selbst wenn sie zwischenzeitlich in diesem und jenen Ghetto noch eine Weile Sklavenarbeit leisten durften.
Dass die Hörer des DLF darüber Bescheid wissen, davon sollte man ausgehen. Wie soll ich diese unterschwellig angesetzte Desinformation Ihrerseits verstehen? Können Sie nicht über Ihren eigenen Schatten springen oder wollen Sie die Ehre Deutschlands, das Sie ja laut Ihres Namens vertreten, aufhellen? Dass Sie damit im Sinne Pegidas und AfD handeln, denen Sie ansonsten nicht gerade gut gesonnen sind, scheinen Sie billigend in Kauf nehmen. Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie einen Tag lang in den Nachrichten die Deportation Berliner Juden zum Thema machen, aber wenn Sie sich dazu genötigt fühlen, dann berichten Sie bitte wahrheitsgemäß. Denn durch Vernebelung von Tatsachen kann man den Opfern keinen Respekt zollen, wie Bundestagspräsident Lammert gefordert hat“. MfG

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Norbert Lammert

Norbert Lammert scheidet aus Bundestag aus. Möglicherweise um eine Wahl seiner zum Bundespräsidenten zu erleichtern.

Als Norbert Lammert anlässlich der Feierlicheiten zum Tag der deutschen Einheit, am 3.10.2016 in Dresden auf Pegida-Demonstranten traf, sagte er bei seiner Rede auf der Einheitsfeier als Antwort auf die Proteste: «Diejenigen, die heute besonders laut pfeifen und schreien und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen, die haben offenkundig nicht das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung sich diese Stadt und dieses Land befunden haben, bevor die deutsche Einheit möglich wurde». .

Was meint er damit? Es könnte bedeuten: Ihr habt so tief im Dreck gesteckt, und wir haben euch da herausgeholt, und nun seid ihr undankbar, sogar frech!

Wenn er so etwas zu Pegida Anhängern sagt, sagt er es zu allen Bürgern Ostdeutschlands, denn im „Dreck“ haben alle gleichermaßen gesteckt, mögen sie dankbar oder undankbar, ja frech sein. Abgesehen davon, dass er dabei auch von Menschen sprach, die 25 Jahre kaum überschritten haben, die sich also nichts anderes vorstellen können als das, was jetzt Realität ist, sollte ihm bewusst sein, dass die deutsche Einheit im Allgemeinen als ein „Glücksfall der Geschichte“ gehandelt wird, die man nicht an Maßstäben des Dankes misst. Jeder Mensch hat seine persönliche Haltung dazu, die sei ihm unbenommen, und da hat kein anderer, auch kein Norbert Lammert hinein zu reden. (Wenn er schon derartige Milchmädchenrechnungen führt, hätte er selbst genug Anlass, allen DDR-Menschen dankbar sein zu müssen, weil sie ihm ermöglicht haben, Bundestagspräsident, ja möglicherweise Bundespräsident so eines starken, mächtigen, vereinten Deutschlands zu sein). Jeder Mensch muss sich nun fragen: Ob ich wohl in Norbert Lammerts Augen dankbar genug bin, und ob ich mich so verhalte – mag ich auch gar nichts mit Pegida zu tun haben -, dass ich Norbert Lammert genüge?

Ob es Norbert Lammerts Vorstellungsvermögen überschreitet, dass es Menschen in diesem Staat geben kann, die Anlass zu Klagen und Protesten haben können, und dass die Welt davon nicht unter geht, wenn sie ihre Klagen äußern? Ob es im Allgemeinen ein so hohes Gut ist, nicht undankbar zu sein und nicht zu protestieren, dass man Verachtung für Menschen äußern muss, die dieses tun, mag es angemessen sein oder auch nicht.

Sonntag, 16. Oktober 2016

Ja, Gott hat alle Kinder lieb

Als ich vor gut 30 Jahren mein Kind zu einem Kindergottesdienst begleitete, wurde zu meinem Entsetzen folgendes Lied mit den Kindern eingeübt:

1. Ich bin ein kleiner Eskimo, aus Schnee bau ich mein Haus.
Und kommt kling-klang ein Schlitten an, streck ich die Nase RAUS!
2. Ich habe einen langen Zopf, trag einen spitzen Hut.
Und meine Haut, die ist ganz gelb, das steht mir aber GUT!
3. Bei uns im weiten Afrika, da scheint die Sonne heiß.
Ich bin ganz schwarz, hab krauses Haar, die Zähne blitzeweiß!
4. In meinem bunten Federschmuck, schleich ich mich durch den Wald ganz leis auf meinen
Mokassins – wenn´s knistert, schrei ich „Halt“!
5. Europa heißt der Teil der Welt, wo ich zu Hause bin.
Und mein Gesicht, das ist ganz weiß, die Nase mittendrin!
6.Ja, Gott hat alle Kinder lieb, jedes Kind in jedem Land.
Er kennt alle unsre Namen, Hält uns alle, alle in der Hand.

Ich enthielt mich eines Kommentars, nahm aber den Liederzettel mit nach Hause und sortier-te ihn in einen Hefter unter dem Titel: Rassismus in der Kirche.

Die Jahre gingen darüber hinweg, und ich dachte: ´ Es ist manches an der Kirche zu kritisieren, aber solche blöden Lieder werden heutzutage nicht mehr gesungen, dafür wird die Globalisierung gesorgt haben. Ost- und Westdeutschland sind vereint, in der ehemaligen DDR hat man vom Westen gelernt und singt solch hinterwäldlerische Lieder nicht mehr. Der „linke Geist“, der 68-ger, der ja in der Kirche Einzug gehalten hat - mag man ihn mögen oder auch nicht -, wird verhindern, dass Kindern ein Bild von gelben Chinesen mit spitzem Hut und Zopf oder durchs Gras robbenden Indianern oder Eskimos, die im Iglu wohnen, oder Schwarze mit krausem Haar und blitzeweißen Zähnen´ eingetrichtert wird.

Aber nein, man musste nicht vom Westen lernen, der Westen hat selbst diese hinterwäldlerischen Lieder. Haargenau dieses Lied, über das ich mich vor 30 Jahren aufregte, hörte ich vor einigen Tagen von herzigen kleinen Kindern gesungen in einem Erntedankgottesdienst. Die Kinder hatten sogar liebevolle Schilder angefertigt, die sie an entsprechender Stelle hoch hiel-ten : einen kleinen gelben, bezopften und spitz behuteten Chinesen, einen schleichenden Indianer in Filmmontur, einen aus dem Iglu schauenden Eskimo. Nur den Zigeuner, der laut Internet politisch unkorrekt im Lied auch erwähnt wird, hat man weggelassen, weil Sinti und Roma, die Gott offensichtlich auch lieb hat, sich rhythmisch schlecht in die Zeilen einpassen. Zu diesem Lied hätte es gut gepasst, wenn am Ausgang der „nickende Missionsneger“ (Geldbüchse mit einem Schwarzen, der bei einer Spende mit dem Kopf nickt) um eine Spende geworben hätte.

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