Samstag, 30. Dezember 2017

Geschichten aus der DDR

Aufnahme in die Organisation der „Thälmann Pioniere“ (Teil 2)

Nachdem die Singeprobe stattgefunden hatte, wohnten Mutter und Tochter etwas verlegen dem rituellen Treiben auf dem Schulhof bei. Dort spielte sich eine gespenstische Szene ab. In Blöcken zusammengestellt standen da die Klassen umgeben von Fackelträgern. Direkt unter dem Ernst-Thälmann-Relief zitierte eine Lehrerin mit raunender, verstellter Stimme Gedichte. Reden wurden gehalten und ein feierlicher Umtausch der blauen in nun rote Pionierhalstücher wurde vollzogen. Pioniere der höheren Schulklasse banden den „neu Aufgenommenen“ die Tücher um.

Mutter und Tochter fühlten sich etwas unbehaglich, hielten aber tapfer beim Zuschauen durch. Die Mutter überlegte, welche Situation für sie schlimmer wäre: ihr Kind in dieses unwirkliche Treiben verwickelt zu sehen oder als Außenseiter, von den anderen getrennt, abseits zu stehen. Sie hatte sich für Letzteres entschieden.

Im Anschluss an das Aufnahmeritual stürmte ein Teil der Schüler nach Hause, und die Schule füllte sich mit Eltern, die an der jeweiligen Elternversammlung teilnahmen. Einige Schüler blieben noch zu Beginn der Versammlung in der Schule, und so sang das Mädchen im Duett mit einem Mitschüler das Lied: „Wenn der Topf aber nun ein Loch hat…?“, bevor es dann in die normale Welt entlassen wurde.

Heute, dreißig Jahre später ist sich die Mutter in ihrer damaligen Entscheidung nicht mehr so sicher. Es ist auch eine Art Ideologie, sich Ideologien entgegen stellten zu wollen. Wahrscheinlich wären ihr jetzt die Gefühle ihres Kindes wichtiger gewesen und sie hätte es das Zeremoniell mitmachen lassen. Zu Hause hätten sie ordentlich darüber gelacht: „Mit welch verstellter Stimme die Lehrerin geraunt hat, war das nicht komisch!?“

Haben heutige Veranstaltungen, bei denen auf Bühnen unartikuliertes Geraune vorgetragen wird, zu dem Menschen mit hoch gehaltenen Taschenlampen sich im Takt wiegen, nicht einen ähnlichen Charakter? Man könnte einwenden, es ist kein Zwang hinter den jetzigen Veranstaltungen, aber der Zwang, in einer Masse aufgehen zu wollen, ist dahinter zu spüren.

Dass nur etwas 1 ½ Jahre später das „Thälmann-Denkmal“ während der Schulzeit - weil es terminlich angeblich nicht anders möglich war - und in Anwesenheit eben jener Kinder, die vor ihm die höheren Weihen der „Thälmann Pionieren“ erhalten hatten, in Stücke zertrümmert wurde, steht auf einem anderen Blatt.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Geschichten aus der DDR

Aufnahme in die Organisation der „Thälmann Pioniere“ (Teil 1)

Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Mutter mit einem 10-jährigen Mädchen an der Hand, das einen tieftraurigen Gesichtsausdruck hatte. Es war im September 1988. Sie waren gemeinsam auf den Schulhof der Schule des Kindes gekommen, um bei der Aufnahme seiner Klasse in die Organisation der „Thälmann-Pioniere“ dabei zu sein. Leider war es nicht die gesamte Klasse, die von den „Jungpionieren“ zu „Thälmann Pionieren“ aufsteigen sollte, sondern es war die gesamte Klasse minus ein Kind, eben jenes Mädchens. Nie im Leben würde sie so einer Zeremonie beiwohnen, hatte die Mutter gesagt, aber das Mädchen war brav. „Wir müssen davor noch ein Lied mit der Klasse proben, ich muss dabei sein, das hat die Lehrerin mir extra noch mal gesagt“.

In der DDR pflegte man Persönliches und Politisches unlösbar miteinander verknüpfen, denn das Politische war privat und das Private war Politisch, wie man es interessanterweise auch von linken westdeutschen Gruppierungen erfahren hat. So hatte man das Ritual der Aufnahme der Klasse in die Organisation der „Thälmann-Pioniere“ mit einer regulären Elternversammlung verquickt. Zu Beginn der Elternversammlung sollten die Kinder für die Eltern ein Programm darbieten, wobei das „Nichtpionier“-Mädchen eine Solopartie singen sollte. So wurde ihm eingeschärft, dass es vor Beginn der gesamten Veranstaltung noch einmal extra proben müsse. Danach würden alle Jungpioniere, also die gesamte Klasse minus das eine Mädchen in die Organisation der „Thälmann-Pioniere“ aufgenommen werden.

„Ach, wir gehen einfach nicht zur Chorprobe, sondern sind erst kurz vor der Elternversammlung da“, sagte leichtfertig die Mutter. Aber das Kind war pflichtbewusst. Es bestand auf der Teilnahme an der Chorprobe und war dadurch gezwungen, der anschließenden Zeremonie seiner Klassenkameraden beizuwohnen. Es war vielleicht das einzige mal, dass das Kind sich als Außenseiter empfand, weil es nicht zu den Pionieren gehörte. Damals, ein Jahr vor Ende der DDR war es nicht so wie in früheren Zeiten, dass man als „Nicht-Pionier“ stigmatisiert war. Im Gegenteil, es hörte manchmal den Ausspruch: „Du hast es gut, du musst da nicht hingehen!“. Es waren Erwachsene, die eine Stigmatisierung herbei reden wollten: „Sie machen ihr Kind zur Außenseiterin!“, wurde die Mutter angesprochen. Die Mutter, Ignorantin die sie war, hatte die Einstellung: zur Außenseiter macht man sich nicht selbst, zum Außenseiter kann man durch andere gemacht werden“.

Samstag, 23. Dezember 2017

Weihnachtliche Rührstücke der Kriegsgräberfürsorge

Wieder flatterte ein Schreiben des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ins Haus. Warum mache ich mir mehr als 72 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges Gedanken über die Kriegsgräberfürsorge e.V.? Ja, warum flattern überhaupt zu diesem Zeitpunkt noch so viele dieser Schreiben in die Haushalte?

So überflog ich kurz den Inhalt der Schmonzetten, die die Bitte um Spenden oft begleiten. Inzwischen ist eine Zeitverschiebung eingetreten. Nicht mehr Rührstücke aus dem Krieg sind zu lesen, jetzt ist die Nachkriegszeit an der Reihe. Und so las man die Geschichten eines jungen Ehepaares, das in bitterster Not seinen Haushalt gründete und dabei „Weihnachtliches“ erlebte oder auch darüber wie die Lebendbotschaft eines im Krieg in Gefangenschaft geratenen Soldaten zu Weihnachten ins Haus seiner Eltern überbracht wurde.
Dass all diese Geschichten wahr sind, davon bin ich überzeugt, denn ich selbst bin mit ähnlichen Geschichten aufgewachsen. Damals waren sie noch recht frisch und lebendig. Auch ich könnte aus dem eigenen Bekanntenkreis gleicherweise Anrührendes beitragen.

Warum erscheinen mir nicht etwa die Geschichten, sondern die Weise, wie diese ausgenutzt werden, unwahrhaftig? Sie sind eine Instrumentalisierung des Lebens - denn in Extremsituationen sind die menschlichen Erlebnisse intensiver - für die Bagatellisierung des Krieges. Krieg - so wird als Botschaft überbracht -, ist etwas nebulös Böses von Außen Kommendes, in das Menschen unschuldig verwickelt sind. Krieg wird zum Kitsch oder zum romantischen Popanz gemacht.

Dass in anrührenden Geschichten stets unschuldige Menschen vorkommen, denen in harten Zeiten Gutes widerfährt, dafür habe ich ein gewisses Verständnis, wenngleich ich die Unwahrhaftigkeit nicht übersehen kann. Wer gibt schon aus dem eigenen Erleben und sei es aus dem „Volkserleben“ Unangenehmes Preis. Sollte man erzählen, wie damals hartherzige Hausbesitzer zu Weihnachten den aus dem Osten geflohenen Menschen ihr Haus verschlossen, wenn es irgendwie möglich war? Oder etwa sogar von einer weihnachtlichen Übermittlung einer Botschaft berichten, dass der Sohn des Hauses vom eigenen Kommandeur als Deserteur gehenkt wurde? Solche Dinge sind geschehen!

Welche Beweggründe stecken dahinter, dass ein großer materieller und ideeller Aufwand unternommen wird, den nun schon zwei Generationen zurückliegenden Krieg in eine Ansammlung von rührenden Geschichten voll von unschuldigen und leidenden Menschen umzustilisieren, die aus der sie umgebenden Welt herausgeschnitten sind? Das kann ich mir nur in dem dringenden Wunsch nach einer Eliminierung der Geschichte vorstellen, in der alle Menschen zu einer gleichförmigen Masse erklärt werden, deren persönliche Handlungen keine Rolle gespielt haben sollen, während sie einem von ihnen unabhängigen Schicksal ausgeliefert waren.

Montag, 11. Dezember 2017

Eine Episode aus der DDR

oder: als Walter Ulbricht abgesetzt wurde

In der DDR dachten nicht alle Menschen das Gleiche, und nicht jeder, der die „Staatsmeinung“ hatte, musste ein angepasster Mensch sein. Er konnte einfach mit den Gegebenheiten aufgewachsen sein, wie sie eben herrschten. So erinnere ich mich an den Tag, den 3. Mai 1971, als Walter Ulbricht „abgesetzt“ wurde. Er bedeutete das für uns, was für die Generation unserer Kinder Erich Honecker bedeutete: eben „der da oben“, der schon immer da war, und ohne den man sich „unseren Staat“ nicht vorstellen konnte. Für mich persönlich war die Absetzung Ulbrichts ein Triumph, da ich in einer Atmosphäre aufwuchs, die nicht staatskonform war. Aber meine Freundinnen und Mitschüler, sahen es anders. Tränen bemerkte ich zwar nicht, aber Erbitterung: „Das hat er nicht verdient! Er hat so viel für unser Land getan“. Zum Glück lebten wir gerade dank der künstlichen Politisierung der Gesellschaft letztlich unpolitisch. Darum taten die kontroversen Einstellungen unseren Freundschaften keinen Abbruch. Ich war einfach erstaunt, dass es Menschen gab, die tatsächlich vom Wirken Walter Ubrichts als etwas Wertvollem überzeugt waren.

Eine Generation später, 1989, als Erich Honecker „abgesetzt“ wurde, sahen die Dinge anders aus, da hörte man selbst in staatskonformen Milieus Triumph.

Wieder eine Generation später kann man durchaus Parallelen erkennen. Nicht zufällig ist an der Spitze unserer Regierung jemand, der sich wie eine „Staatsratsvorsitzende“ gebärdet. Eine, die „schon immer da war“, und ohne die sich manch junger Mensch unsere Regierung gar nicht vorstellen kann. Und nicht umsonst heißt es oft, dass die ewige Kanzlerin fast absolutistisch regiert. Noch in diesem Sommer hörte ich Menschen mit denen ich gut bekannt bin sagen, wie viel Angela Merkel für unser Land getan habe. Wir Älteren haben da die Erfahrung voraus, dass ein tiefer Fall manchmal sehr plötzlich kommen kann. Wie es nun im Fall der Kanzlerin Angela kommen wird, das bleibt vorerst der Zukunft vorbehalten.

Montag, 4. Dezember 2017

Ein Abend mit Markus Vahlefeld

Schon mehr als einen Monat ist es her, dass Markus Vahlefeld, der Autor des Buches „Mal eben kurz die Welt retten“ – die Deutschen zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung -, am 17. Oktober in Rostock eine Buchlesung mit anschließender Diskussion hielt. Der Titel des Buches hätte mich wohl nicht zum Kauf angeregt. Er ist eine Persiflage auf eine Selbstironisierung, die von und über die „Grünen“ manchmal verbreitet wird. Doch die Umstände rund um das Buch waren interessant. Markus Valefeld hatte dieses Buch im Selbstverlag heraus gebracht und vertrieben. Es rief großes Interesse hervor, und obwohl es keinen Werbeapparat hinter sich hatte, wurde es zum Bestseller. Trotzdem ist es in den öffentlichen Medien nicht präsent. In einer Sendung, die das ZDF anlässlich der Buchmesse ausstrahlte, kam man dann doch auf dieses Buch zurück. Es wurde als Beispiel vorgestellt für ein Buch, das im Selbstverlag besonders erfolgreich vertrieben wurde und einen Preis bekam. Bei dieser ZDF-Sendung konnte ein kurzer Blick auf die Titelseite nicht verborgen bleiben, ansonsten wurde nicht ein Wort über den Inhalt des Buches verlautet. Und das macht umso neugieriger.

Zur allgemeinen Beschreibung zitiere ich aus der Werbung für das Buch:
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„Deutschland 2017. Seit zwei Jahren regiert die Alternativlosigkeit: Das Parlament oppositionslos, die Medien klatschend auf Kurs und eine Kanzlerin, die den Deutschen endlich die süße Medizin der „Wiedergutwerdung“ verschrieben hat. Statt um demokratische Alternativen zu ringen, den Islamismus zu bekämpfen oder den massenhaften Asylbetrug zu unterbinden, suchen die Deutschen lieber nach Abweichlern in den eigenen Reihen, die sie als Nazis beschimpfen können.“
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Diese Beschreibung stärkte meine Neugierde noch mehr, und so nahm ich die 70 km bis zum Veranstaltungsort gern in Kauf. Im Saal einer Gaststätte waren etwa 50 Leute versammelt. Wie immer interessierte mich die Art des Publikums besonders. Das studentische Publikum, das ich vor einem Jahr in Greifswald bei den „Gaza-Monologen“ erlebt hatte, war es jedenfalls nicht. Später bei der Diskussion lobte eine Frau die Veranstaltung sehr und bedauerte, dass zu wenig von gänzlich unpolitischen Menschen wohl anwesend seien, denn sie hätte gehört, es wären hauptsächlich CDU-Mitglieder da. Aus der Rede des Moderators der Veranstaltung ging hervor, dass ein konservativer Kreis der CDU diesen Abend organisiert hatte.

Unter anderem wurde die Frage gestellt, ob Herr Vahlefeld nicht eventuell Schwierigkeiten dank seines Buchs bekommen könne, weil es nicht politisch opportun sei. Markus Vahlefeld antwortete, dass es für ihn in seiner Tätigkeit das wichtigste Kriterium sei, ohne Einmischung von außen arbeiten zu können. So hatte er sich sein spezielles Interessengebiet, den Wein, als „Produzent und Autor mit dem Schwerpunkt Wein & Genuss“ zum Haupterwerbszweig gewählt und gewann so die nötige Freiheit, unabhängig und frei seine Meinung sagen und publizieren zu können.

Allein diese Einstellung veranlasste mich, nicht nur ein, sondern zwei Bücher zu kaufen. Damit ich die Ansichten eines unabhängigen Menschen weiter geben kann.

Samstag, 2. Dezember 2017

Volkstrauertag 2017 (Teil 3)

Oder: Volkstrauertag ist jederzeit. (fotografiert am 30.11.2017)


5

Kriegsgräberstätte für Gefallene ausschließlich des zweiten Weltkriegs auf dem St. Jürgen Friedhof Stralsund

Die Inschrift auf dem Kreuz: „Ewig lebt der Toten Tatenruhm“ bestätigt die Aussagen der beiden voran gegangenen Blogbeiträge.

Samstag, 25. November 2017

Volkstrauertag 2017 (Teil 2)

Oder: „Du kuckst immer nur auf so was!“

Letztere Aussage hörte ich, als ich im Sommer in einer schönen kleinen Klosterkirche ein Kriegerdenkmal fotografierte, bei dem die künstlerische Gestaltung und der Inhalt der Botschaft des Denkmals ein irritierendes Zusammenspiel entfalteten (Blog: 25.7.2017). Vielleicht könnte man meinen, dass ich eine Obsession gegenüber Kriegerdenkmälern habe. Die Wirklichkeit ist aber vielmehr, dass diese Obsession allgegenwärtig ist, man solle nur Zeitungsberichte zum Volktrauertag lesen und sich vergegenwärtigen, wie eine Kirche, die eine Radikalpazifistin wie Margot Käßmann ( „Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen“) zur Kultfigur erhebt, urplötzlich andere Saiten anschlägt, sobald es ans Kriegsgedenken geht. Trotz Bemühungen um ethisch korrekte Wortwahl und Symbolik lugt fast immer ein „Pferdefuß“ heraus. (Blog: 1.10.2017).

So hatte ich bei meiner „Presseschau“, also beim Durchstudieren der Lokalseiten der Lokalpresse für eine Woche, einige Eindrücke:

In der Donnerstagsausgabe wurde berichtet, dass die Kirchengemeinde B. eine neue Pfarrerin hat. Dazu sagte ich: „Dann kann sie ja das angefangene Kriegsgräberprojekt (Blog: 6.7.2015) der im Amt vorangegangenen Pfarrerin vollenden. Dann schlug ich die Montagsausgabe, zeitlich um vier Tage später auf: Eine ganze Seite war dem Volkstrauertag gewidmet, und prompt wurde die Einweihung des im Voraus von mir erwähnten Projekts, das tatsächlich seine Vollendung erreicht hatte, bekannt gegeben.

Die Lokalseite der OZ brachte Berichte über die zentrale Trauerfeier des Landkreises Vorpommern/Rügen zum Volkstrauertag, bei denen die geforderte ethisch korrekte Sprache manchmal etwas ins Wanken geriet, weil zwar viel vom „Mahnen“ die Rede war, das „Ehren“ aber auch nicht unerwähnt bleiben durfte: Ehrung vor dem Mahnmal für die gefallenen deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, dazu Verneigungen und betroffene Gesichter vor einem riesigen Kreuz. Dann ein Trauerzug zu einem so genannten Mahnmal, das dem Andenken Kaiser Wilhelms und seiner Krieger gewidmet ist. Auch die Verfolgten des Naziregimes und die gefallenen russischen Soldaten kamen nicht zu kurz: sie sind ja den anderen Gefallenen gleich zu Tode gekommen. Über die Reihenfolge der Mahnungen und Ehrungen schien es Auseinandersetzungen gegeben zu haben, denn der Bürgermeister hatte schließlich ein Machtwort gesprochen: Die Reihenfolge sei mit keiner Wertung verbunden.

Bei der Einweihung des Mahnmals in der nahe gelegenen Kirchengemeinde B. kamen mehr die Begriffe Mahnen und Erinnern zur Sprache und eine Figur wie Kaiser Wilhelm war hier nicht vorhanden. Auf 221 Tontäfelchen sind auf Eichenstelen die Namen jener Menschen angeführt, die aus dieser Gemeinde im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen.

Das Gräbergesetz sichert den Gräbern der Kriegstoten dauernden, also „ewigen“, Bestand zu. Bei den Nicht-Kriegstoten sieht die Sache anders aus. Wie jeder weiß, geht die Zahl der Verstorbenen, die auf Friedhöfen eine längere Ruhezeit genießen dürfen, rapide zurück. Die Toten werden möglichst pflegeleicht bestattet, oft in anonymen Grabstätten oder zunehmend ihre Asche im Meer versenkt. So entsteht der Eindruck: Was im Krieg geschah, das sei für die Ewigkeit geschehen, besitze also eine Dimension höchster Heiligkeit, während das menschliche Leben jenseits von Krieg möglichst schnell dem Vergessen anheim zu fallen habe.

Samstag, 18. November 2017

Volkstrauertag 2017 (Teil 1)

Auf den Volkstrauertag wurde ich erst nach der „Wende“ aufmerksam. An einem Sonntag im November hielten wir uns in Koblenz auf und wunderten uns, warum die Fahnen auf Halbmast wehen. Welcher hohe Politiker ist gestorben? Dann schalteten wir das Autoradio ein: Niemand. Heute ist Volkstrauertag.

Durch eine Verkettung von Umständen gelangen in unsere Post die Werbebotschaften des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. Bevor sie samt dem vorbereiteten Spendenformular verschwinden, schaue ich mir noch ihren Inhalt an. Der Ton hat sich in den letzten Jahren sehr geändert. Öfter ist das Wort „Versöhnung“ zu lesen. Auch gibt es jetzt Werbung für spezielle Sterbegeldversicherungen zu ermäßigten Konditionen. Und Hinweise zur Rechtsberatung für Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen (da denke ich den dummen Spruch: Nachtigall, ich hör dir trapsen!).

Dass der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. 72 Jahre nach Kriegsende noch so eine Bedeutung hat – obschon ihre Hauptklientel mit Patientenverfügungen beschäftigt ist - zeigt, dass der Krieg weiter in den Köpfen spukt. Erinnerung, Rückbesinnung muss nicht schlecht sein, es fragt sich nur, auf welche Art und Weise das geschieht.

So habe ich mich oft gefragt, warum bei den zahlreichen Erinnerungsfotos an die im Krieg gefallenen Familienangehörigen, welche die Wände vieler Menschen in meiner Kindheit bis hinein in mein Erwachsenenalter zierten, diese armen gefallenen Männer immer in ihren Uniformen samt Ehrenabzeichen abgebildet waren. Sie bekamen keine Gelegenheit, der Nachwelt als diejenigen gezeigt zu werden, die sie als Menschen waren. Ihre Existenz als Soldaten war wichtiger! (Und ich erlebte, wie die „kleinen Brüder“, Männer ab etwa Jahrgang 1930, sich die Fotos bewunderungsvoll anschauten und über die Bedeutung jedes Details der Uniform Bescheid wussten).

Es ist nicht leicht, sich der Krieger zu erinnern ohne in problematische Zwickmühlen zu gelangen, denn die hintergründige Frage bleibt bestehen: Was war es konkret, was diese Männer im Krieg taten?

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

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