Freitag, 17. Februar 2017

Was lässt viele Menschen wie gebannt auf Israel starren?

Mit einer guten Bekannten hatte ich einen kurzen Dialog: „Was halten Sie davon, dass Israel schon wieder so viele Häuser in der Westbank baut?“ Ich antwortete: „Na ja, in den Häusern werden Menschen wohnen, das ist doch besser, als das was in Syrien los ist. Häuser bauen ist auf jeden Fall besser als Häuser zu zerstören, und wenn es einen palästinensischen Staat geben wird, kann auf jeden Fall jemand in den Häusern leben“. Die Bekannte war verblüfft: „Ach, da haben sie Recht, in den Häusern können ja dann Palästinenser wohnen!“ Ich verzichtete darauf, das Thema zu vertiefen. Sonst hätte ich gefragt, warum denn nicht auch nach einer palästinensischen Staatsgründung Juden dort wohnen könnten, ebenso wie Araber in großer Zahl in Israel leben.

Unsere Bekanntschaft war durch Gespräche über Israel zustande gekommen. Vor Jahren schilderte sie mir ihre Reiseerlebnisse. Bei einer Ägyptenreise hatte sie durch Zufall Gelegenheit, auch ein paar Tage nach Israel zu fahren. Mit einem deutschsprachigen Ranger namens Alfonso hatten sie einen zauberhaften Trip durch die Wüste gemacht. Seitdem erzählten wir uns immer mal bei einem Treffen, wie schön es in Israel ist. Irgendwie hatte sich inzwischen der Tonfall meiner Bekannten geändert, wenn sie über Israel sprach. Er klang gereizter. Ich habe den Eindruck, dass dieser veränderte Tonfall durch die permanente Anti-Israel-Berieselung aus den Medien verursacht sein könnte.

In Gedanken ging ich allein die Erlebnisse durch, die ich selbst im vorigen Jahr hatte: Ein Bischof macht es sich zur Aufgabe, Vorträge zu halten unter dem Gesichtspunkt, dass Juden eigentlich nicht ins „Heilige Land“ gehören, denn „Gott bindet sich nicht an ein Territorium“. (27.7./1.8./6.8.) Oder die Aufführung einer Theatertruppe – zur gleichen Zeit als Aleppo in Schutt und Asche gelegt wurde -, das den ganz allgemeinen Schrecken des Krieges zum Inhalt hatte. Wie von Zauberhand gelenkt, fiel ihnen der Gaza-Krieg ein, der auf Grund von jahrelangem Raketenbeschuss Israels von Gaza aus verursacht wurde. (13.11.) Auch wenn diese Truppe aus palästinensischen Jugendlichen bestand, so hätten sie ebenso gut der zahllosen getöteten Palästinenser im syrischen Lager Jarmuk gedenken können.

Weiterhin: ich fahre nichts ahnend in eine schöne Stadt Deutschlands, und kaum schaue ich mir den kulturellen Ratgeber an, so fällt mir die „Kunstinstallation“ der israelisch/palästinensischen Mauer ins Auge. (13.6./18.6.) Nicht etwa der Berliner Mauer, die die deutsche Bevölkerung 28 Jahre lang ziemlich klaglos ertragen hat (als ich letzteren Satz sinngemäß in einem Leserbrief schrieb, da wurde der Brief abgedruckt, aber um diesen Satz gekürzt, denn es fehlte an Platz!) Oder jedwede andere gewaltige Mauer oder Sperranlage auf der Welt von denen es unzählige gibt.

Oder, am 14.8. in der Tagesschau, als mir nichts, dir nichts ein Beitrag darüber gesendet wurde, wie Israel den palästinensischen Gebieten das Wasser vorenthält. Für diesen Beitrag hat sich die Tagesschau nie entschuldigt, obwohl im Bezug darauf klar nachgewiesen wurde, dass die geschilderte Wasserknappheit auf einen Wasserrohrbruch zurück zu führen war, mit dem Israel absolut nichts zu tun hatte.

Es muss etwas geben, was viele Menschen dazu bringt, wie gebannt auf Israel zu starren.

Donnerstag, 2. Februar 2017

„Trumps Einreiseverbot für Muslime"

Vor einigen Jahren kam ich zu Besuch zu einer Bekannten. Sie war gerade dabei, die Unterlagen für eine Mittelmeerkreuzfahrt auszufüllen. Es waren gar nicht so wenige Papiere die dort lagen. Unter anderem musste sie angeben, ob Sie in den letzten Jahren (den Zeitraum weiß ich nicht mehr) einmal in Israel gewesen ist. Nur unter der Bedingung, dass kein israelischer Einreisestempel in ihrem Pass ist, war die Kreuzfahrtgesellschaft willens, sie mitzunehmen, bzw. sie hätte in bestimmten Häfen nicht an Land gehen können. Die Papiere wurden mit großer Selbstverständlichkeit ausgefüllt. Niemand hielt die Tatsache, dass es Länder gibt, die nicht etwa nur Israelischen Bürgern, sondern Menschen, die überhaupt in Israel waren, die Einreise verweigern, für interessant oder aufregenswert. Umgekehrt ist es wohl auch der Fall, dass Israel misstrauisch gegenüber Menschen ist, die in islamisch regierten Staaten gewesen sind. Aber darum geht es jetzt nicht.

Es geht um die große Aufregung, die weltweite Empörung, die dem amerikanischen Präsidenten Trump entgegen gebracht wird, weil er befristete Einsreisesperren gegen Menschen aus einigen islamischen Staaten verhängt hat. Ob diese Tatsache in Ordnung, ob sie verurteilenswert ist, damit können sich amerikanische Gerichte befassen, mir ist das ziemlich egal. Was mir nicht egal ist, ist die Unwahrhaftigkeit, mit der hiesige Medien damit umgehen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder wird berichtet über: „Trumps Einreiseverbot für Muslime“. Das ist eine falsche Tatsachenverbreitung, man könnte es auch als fake new bezeichnen, denn es geht nicht gegen Muslime, sondern gegen Bürger aus bestimmten muslimischen Staaten. Man könnte sich vielleicht fragen, warum Saudi Arabien woher ja der große Teil der Attentäter vom 11.9. gekommen war, nicht unter jene Anordnung zählt.

Dass sich hier in unserem Land Unwahrhaftigkeit ins mediale Leben nicht nur eingeschlichen hat, sondern dass sie so verbreitet ist, dass sie kaum wahrgenommen wird, dass sie kolportiert wird, das ist für mich ein wirklicher Skandal. Erst wenn die Empörung darüber, dass nicht nur Israeli, sondern Juden überhaupt in gewisse Staaten nicht einreisen dürfen, sich mit dem Entsetzen über Trumps Einreisesperre die Waage hielten, könnte man von einer fairen und ausgewogenen Berichterstattung sprechen.

Freitag, 27. Januar 2017

Holocaustgedenken 27.1.2017

Der kürzlich verstorbene Bundespräsident Herzog installierte ins gesellschaftliche Leben den Tag des Holocaustgedenkens am 27. Januar. Über den Sinn oder Unsinn solcher Tage kann man diskutieren. Dienen sie als Beschwichtigung, sollen Tatsachen in diese oder jene Richtung gedeutet oder missdeutet werden? Damit möchte ich mich jetzt nicht beschäftigen, es gibt diesen Tag nun einmal, und darum fahre ich ins nahe gelegene Städtchen und nehme an der Gedenkfeier am Mahnmal, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen KZ-Außenlagers befindet, teil.

An diesem Spätjanuartag lag ausnahmsweise kein Schnee. Das Mahnmal war nach langen Tagen der Düsternis in eine milde Wintersonne getaucht. Etwa 30 Personen aus einem Einzugsgebiet von ca. 10 000 Einwohnern, waren erschienen. Man kann sich Gedanken machen, was die einzelnen Leute zu dieser Teilnahme bewogen hat. Das ist letztendlich nicht wichtig, jeder hat seine persönlichen Beweggründe, die sich sehr unterscheiden können, aber in diesem Augenblick ist man wie eine kleine Gemeinde und nimmt Anteil aneinander.

Der Bürgermeister und ein Pfarrer sind immer dabei, sowie Schüler aus Realschule und Gymnasium, die das Programm gestalten. Es sind keine perfekten Auftritte, vieles erscheint komisch, was dadurch aufgewogen wird, das jeder viel von sich selbst in den Beitrag hinein legt und auch von sich preisgibt. Der Kulturbeauftragte der Stadt sorgt über eine Anlage für eine dezente musikalische Untermalung, meist ist es getragene Klezmermusik. Den Abschluss der Zeremonie bildet eine Kranzniederlegung vor den Stelen, auf denen viele Namen von in diesem KZ Umgekommenen eingraviert sind.

Die Schüler lasen einen Text von Martin Niemöller, Auszüge aus dem Bericht einer Überlebenden, die in diesem Lager gelitten hat und rezitierten ein Poem. Der Pfarrer hielt eine allgemein gehaltene Rede, dann folgte der Bürgermeister. Wie man es oft in Reden zu dem Anlass hört, sprach er davon, dass wir die Lehren daraus gezogen haben, dass alle Menschen gleich Wert sind und dass man die Würde keines Menschen herabsetzen darf. Ich wartete darauf, dass er den Bogen in die heutige Zeit spannt und auf die Flüchtlinge, von denen es in seiner Stadt etliche gibt, zu sprechen kommt. Tatsächlich schlug er diesen Bogen, aber ganz anders als ich erwartet hatte. Er sagte, dass wir diese Lehren auch den Menschen, die aus islamischen Ländern zu uns gekommen sind, beibringen müssen, denn unter diesen Menschen herrsche ein starker Antisemitismus und das wäre nicht hinzunehmen.

So kann ich die Teilnahme an so einer Veranstaltung – möge sie so oder so sein – immer als ein Erlebnis bezeichnen. So manches erfährt man über Menschen, die in der näheren Umgebung leben. Die Veranstaltungen geben dem Jahr ein Gepräge, sie wirken tatsächlich ein winziges bisschen „wider das Vergessen“, sie schaffen eine (winzige) Gemeinschaft. Sie sind „ein Wert an sich“.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Überall ist Tuvia (Fortsetzung von 13.1.2017)

Insgesamt fühlen weder Tuvia noch die Leser sich besonders wohl in den einzelnen Staaten der USA. Man könnte das Verhalten der Menschen, und zwar in weiten Kreisen, als „verdruckst“ bezeichnen. Ihre Lebensweise und das was sie reden, stimmen nicht überein. Ihm fällt auf, wie penibel auf die Einhaltung einer korrekten Sprache gegenüber Minderheiten Wert gelegt wird, was nicht mit den Zuständen in den Stadtvierteln der schwarzen Bevöl-kerung in den Großstädten und den Obdachlosensiedlungen in Einklang zu bringen ist. Er wird immer wieder gewarnt, ja fast angefleht: in dieses Stadtviertel, mit dieser Buslinie dürfe er nicht fahren. Wenn er fragt warum, so erhält er keine plausible Antwort. Er fährt trotzdem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin und erlebt diese Stadtviertel so unwirtlich wie seine „Warner“ es angedeutet hatten. Diese Viertel sind von schwarzen Einwohnern bewohnt, die von sich selbst keine gute Meinung haben und längst nicht so eine korrekte Sprache anwenden, wie ihre weißen Mitbürger, die sich wiederum manchmal als „Kaukasier“ bezeichnen. Warum Kaukasier? Das weiß niemand, dieser Begriff hat sich aus irgendeinem Grund als politisch korrekt etabliert.

Beim Lesen fiel mir mein Besuch vor 18 Jahren in den USA, in Philadelphia ein, als ich erlebte, wie zwei junge Deutsche sich über allerhand „Primitives“ in den USA mokierten und die auch genau wussten, in welchen Stadtvierteln man mit dem Auto nicht anhalten darf. Auch heutzutage höre ich über manche Stadt in Europa und in Deutschland, wo es Viertel geben soll, in die man lieber nicht geht. Es muss die Tendenz geben, statt gegen Elend und Verrohung in Stadtvierteln anzugehen, die Viertel zu ignorieren und sich gegen sie abzusichern. Wichtig ist es, dieses nicht öffentlich zu benennen.

Dann dachte ich daran, wie ich im letzten Jahr im Greifswalder Theater (13.11.2016) erlebte, wie einheimische Studenten Flüchtlinge zu einem arabischen Theaterstück eingeladen hatten (dass es gegen Israel gerichtet war, steht auf einem anderen Blatt, passt aber dazu), und ihre Schützlinge beim Zusammentreffen innig umarmten, wonach sich jeder, sowohl die Studenten als auch die Flüchtlinge, wieder seinen eigenen Angelegenheiten zuwandte, meist waren es Smartphones. Das hätte eine Szene von Tuvia sein können.

Gegen Israel Gerichtetes bemerkt Tuvia des Öfteren auf seinen Reisen. Damals war die Unterzeichnung des Iran-Atomabkommens aktuell, und er erlebte ziemlich fassungslos die völlige Ignoranz von jüdischen Angehörigen der Obama-Administration, die das bevorstehende Abkommen über alles lobten und bei jüdischen Organisationen dafür warben. Gleichzeitig bat der israelische Botschafter, dessen Land vom Iran unmittelbar bedroht ist - durch schlimmste Drohungen vom Iran glaubhaft belegt - sehr darum, die Unterzeichnung des Abkommens zu verhindern. Überhaupt fand Tuvia es befremdlich, wie auch in den USA weite Kreise der Bevölkerung von dem Gedanken besessen sind, die Welt wäre in Ordnung, wenn es nur den Staat Israel nicht gäbe. Diese Einstellung kann ich auch hier erleben, z..B. als ein evangelischer Bischof eine Vortragstournee ansetzte, die zum Anliegen hatte, der christlichen Öffentlichkeit klar zu machen (wenn auch auf verschwommene Art und Weise), dass der Staat Israel nicht unbedingt existieren müsse (denn Gott bindet sich nicht an ein Territorium, wie er verkündete - 27.7., 1.8., 6.8.)

Abschließend ein Satz aus einer Rezension, die auf Deutschlandradio Kultur über das Buch „Allein unter Amerikanern“ zu hören war:
»Von Tuvia Tenenboms drei Büchern ist dies das Beste: differenziert und erschreckend zugleich … ein ebenso unterhaltsames wie authentisches Buch«.

Auch wenn so eine Beurteilung mehr über den Rezensenten als über das Buch aussagt, so hat er nicht Recht. Alle drei Bücher sind gleicherweise „differenziert, erschreckend, unterhaltsam und authentisch“, jeweils für die Umgebung in der diese Reportagen gemacht waren.

Freitag, 13. Januar 2017

Tuvia Tenenbom „Allein unter Amerkikanern“

…..ist auch eines der Bücher, die ich nach Weihnachten lese. Diesmal war ich skeptisch: Nach „Allein unter Deutschen“ und „Allein unter Juden“ nun das dritte „allein“-Buch. Das ist eine Masche, das kann nicht gut gehen. Ich hatte bei dieser meiner Meinung übersehen, dass Tuvia kein Schriftsteller ist, der die Erfolgsmasche eines ersten gut verkauften Romans kopiert, sondern dass er in Wirklichkeit ein Journalist ist, der es wissen will…. Was will er wissen? In erster Linie will er wissen, wie die Leute „ticken“. Welche politische Einstellung sie haben, welche Einstellung zum Leben und zu der Gesellschaft. Er vergleicht die Antworten, die er auf seine naiven, fast kindlichen Fragen erhält, mit der Realität und den Lebensumständen, die er rundherum wahrnimmt.

- Einschub: In gewisser Weise fühle ich mich Tuvia verwandt, was vielleicht eine Anmaßung ist, aber der Titel dieses Blogs „Im Luftreich des Traums“ soll genau darauf anspielen. Vielleicht ist das auch ein Grund, dass ich auch Tuvias neues Buch wieder als sehr lesenswert empfinde.

Tuvia zieht also durch ein Land, das in Wirklichkeit aus 50 Bundesstaaten besteht, und von denen hat er einen großen Teil besucht, sogar Alaska und Hawai. Manchmal legte er größere Strecken mit dem Flugzeug zurück, in der Regel durchfuhr er die Staaten mit gemieteten Autos, zu denen er eine innige Beziehung hatte und ihnen Namen gab. Seine Vorliebe für gutes Essen (in USA außerordentlich rar), sein Unmut über striktes Rauchverbot fast überall, seine untersetzte rosige Gestalt, die kindliche Gutmütigkeit mit der er auf die Menschen zugeht, sind der äußerer Rahmen für seine Recherchen, so dass man ihn fast für eine Kunstfigur halten könnte. Dass er es nicht ist, erlebte ich im Februar 2013 in Berlin bei einer Buchvorstellung (samt Diskussionsrunde), wo er genau so da saß, wie man ihn in seinen Büchern wieder findet.

Obwohl Tuvia selbst Einwohner von New York ist, erklärt er, dass er vom Rest der USA nur eine sehr allgemeine Vorstellung hat, denn er ist ein New Yorker, der sich nicht aus seiner Stadt hinaus bewegt hat, es sei denn zu Reisen Richtung Osten, also nach Europa oder seinem Geburtsland Israel. So ist er neugierig, in diese für ihn fremde Welt gen Westen zu reisen. Eine allgemeine Vorstellung von der amerikanischen Bevölkerung hat er zwar, aber die muss er gründlich revidieren. Seine Gesprächspartner sind oft die Leute auf die er zufällig trifft – in Gaststätten, in Kirchen, in Museen. Er verabredet sich aber auch zu Interviews mit für ihn interessanten Menschen dort wo er gerade ist, mir Politikern, mit Bürgermeistern. Sein besonderes Augenmerk legt er darauf, wie sich die Menschen in der Gesellschaft fühlen und unweigerlich nimmt das Thema Rassenunterschiede einen großen Raum ein. Für ihn unerwartet spielt der Konflikt Israel-Palästina, den er aus dieser großen Entfernung für nicht besonders relevant hielt, eine große Rolle im Denken der Menschen sowie der Klimawandel.

Zusammengehalten werden die Ansichten der Menschen zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten der großen Community USA, die wiederum in viele kleine Communities aufgespalten ist, durch den Oberbegriff: „political Correctness“. Tuvia bemerkt, wie die Menschen geradezu besessen von der Sorge sind, etwas politisch Falsches zu sagen, und er bemerkt auch große Unterschiede in dem was sie öffentlich sagen und dem was sie ihm - oft unter vier Augen – anvertrauen. Die „Spaltung der Gesellschaft“, von der nach den Wahlen im November 2016 oft die Rede ist, kam schon damals, 2015 sehr deutlich zum Vorschein.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 7. Januar 2017

Lesen nach Weihnachten: Wolf Biermann „Warte nicht auf bessre Zeiten“

Das Buch, 524 Seiten stark, lag zwischen den Weihnachtsgeschenken. „Viel zu dick, um es zu lesen, und außerdem lese ich keine Bücher, die das Foto des Autors groß auf dem Cover haben. Sie sollen schreiben, was sie erlebt haben, und nicht darstellten, wer sie sind! Und Biermann ist wirklich ein großer Selbstdarsteller.“ Einen Blick warf ich aber hinein und noch einen Blick. Alles erschien mir bekannt und vertraut. Ja, das ist die DDR in der ich aufgewachsen bin, so war es, so haben die Leute gesprochen und sich verhalten. Mir wurde bewusst, dass Biermann ein integraler Bestandteil meines Lebens war. Wenn ich in Berlin die Friedrichstraße hinunter ging, warf ich einen Blick auf das Haus Ecke Chausseestraße: „Ach ja, da wohnt Biermann“. Seine Lieder waren bekannt. Immerzu traf ich auf Leute, die Biermann kannten, die etwas mit ihm zu tun gehabt hatten. Einige sind in dem Buch erwähnt. Aber ich geriet auch in Kreise, wo niemand mit dem Namen Wolf Biermann etwas anzufangen wusste, wo die Jugendlichen mit 18 Jahren aus eigenem Entschluss in die Partei eintragen, wo man erschüttert war, als 1971 Walter Ulbricht „abgesetzt“ wurde („das hat er nicht verdient!“, sagten viele meiner Mitschüler). Auch das war die DDR.

Wer etwas vom Lebensgefühl in der DDR in den 60-ger und 70-ger und auch den 80-ger Jahren wissen möchte, der kann in diesem Buch sehr viel erfahren. Die einzelnen Kapitel, schon beginnend bei der Familiengeschichte und den Schrecken des Krieges, sind zeitlich geordnet und kennzeichnen gut die einzelnen Phasen der DDR. Man kann sich klar machen, dass Biermann und die DDR eine Symbiose waren. Er ist von ihr geprägt wie kaum ein anderer DDR-Künstler, und er prägte die DDR dadurch, dass er eine Antwort auf sie war, auf die sie immer wieder reagieren musste. Trotzdem schaffte er es als einer der wenigen DDR-Künstler, die DDR von sich abzuschütteln, als Mensch lebendig auf die Veränderungen der Zeit zu reagieren nach seinem Motto: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“.

Freitag, 30. Dezember 2016

Zwei Episoden aus der DDR (Teil II)

Man kann diese eigentlich unbedeutenden Episoden aus der DDR heute gar nicht mehr nachvollziehen oder verstehen. Aber wenn man versucht, sie sich zu vergegenwärtigen kann man vielleicht manches aus der heutigen Zeit verstehen. So sehe ich mich als junge Frau, mit meinem Kind spielend und einem Gespräch zuhörend. Ich war nicht involviert und hatte auch keine Lust mich einzumischen.

Bis zum Ende der DDR und auch darüber hinaus war es üblich, dass Mitglieder westlicher Kirchengemeinden in die DDR reisten und sich um östliche Kirchengemeinden kümmerten. In vieler Hinsicht waren diese Begegnungen wertvoll: Menschen aus Ost und West, die sich sonst nie begegnet wären, lernten sich kennen, veranstalteten und erlebten etwas miteinander und (wie man später so schön sagte): erzählten sich ihre Biografien. Wenn es dabei auch manches Missverständnis gegeben haben mag, so lag doch ein Wert in diesen Beziehungen die eine stabile Grundlage bildeten, als sich später die beiden Teile Deutschlands vereinigten.

Ich hörte also zu, wie eine junge kirchliche Mitarbeiterin aus dem Osten einer gut situierten Frau aus dem Westen erzählte, welchen Schwierigkeiten und welcher Willkür man ausgesetzt ist, wenn man hier seine Kinder kirchlich erzieht und sogar nicht in die staatlich verordneten Kinderorganisationen schickt. Die Westfrau belehrte die Ostfrau: das wäre bei ihnen nicht anders. Denn ihre Tochter würde als Sympathisantin (oder Mitglied ?) der Kommunistischen Partei keinen Beamtenstatus als Lehrerin erlangen können. Obwohl die Ostfrau mit der Bezeichnung Beamtenstatus nicht viel anfangen konnte, hatte sie wohl doch den Eindruck, dass beider Erfahrungen nicht ganz kompatibel seien. Sie war nicht wortgewandt genug, der Frau eine treffende Antwort darauf zu geben, aber befriedigt hatte sie das Gespräch nicht.

Und ich habe den Eindruck, dass die Denkweise einer Frau, die persönlich nie die Gelegenheit gehabt hatte, mit einer totalitären Ideologie in Berührung zu kommen, bis heute ihre Blüten trägt, z.B. im Ausklammern und Umdeuten von Dingen, die nicht genehm sind, vorausgesetzt man muss keine persönlichen Konsequenzen tragen (außer einem erst später erlangten Beamtenstatus).

Sonntag, 18. Dezember 2016

Zwei Episoden aus der DDR (Teil 1)

Unsere Familie hatte es als einzige einer großen Familie in die DDR verschlagen. Wie beneidete ich meine zahlreichen Cousins und Cousinen aus der BRD, dass sie im Westen aufwachsen durften Ich lebte hinter einer Mauer versteckt, während für meine Cousins und Cousinen die Welt offen stand. Es zog mich nicht unbedingt in die weite Welt, wie es bei DDR-Jugendlichen der Fall gewesen sein soll. Aber was konnten sie alles lesen, erfahren, sich Bildung aneignen! Es war die Zeit der „68-ger“. Sie konnten fortschrittlich und revolutionär sein, sie konnten die Vergangenheit bewältigen (ein damals oft benutzter Ausdruck), sie konnten die Welt aufbauen! Bei kirchlichen Jugendtreffen begegnete ich Jugendlichen jener Art, wie ich sie beneidete: eloquent diskutierende Jugendliche, die von sich überzeugt waren, die alles wussten, die politisch informiert waren. (Nur ihr ununterbrochenes Rauchen störte mich). Zwar war ich mit der Literatur von Alexander Solschenizyn, Lew Kopelew, Boris Pasternak und anderen aufgewachsen. Max Frisch war damals aktuell und wurde diskutiert, aber das sah ich nicht als die echte Bildung an, das waren sozusagen die Brocken, die ich abbekommen hatte. (Die Westbücher hatten oft einen Waschmittelgeruch an sich, denn es war üblich, Bücher in Geschenksendungen in Waschmittelpackungen zu verstecken, was in der Regel gut klappte).

Ja, und dann hielt ich eines Tages eine besondere literarische Kostbarkeit in der Hand: die Mao Bibel. Auf welchen Wegen sie hierher geraten war, weiß ich nicht mehr. Meine vage Erinnerung ist, dass sie rot und etwa die Hälfte einer DIN A 5-seite stark war. Etwas ganz Besonderes sollte sie sein. Fast so etwas wie eine Leitschnur, eine Art Talisman für denjenigen, der sie bei sich hatte.

Nur ein Blick hinein genügte um zu erkennen, dass der Inhalt kompletter Unsinn war, nicht Wert, überhaupt angesehen zu werden. (Durch meine verschiedene Lektüre wusste ich allerdings, dass auch kompletter geistiger Unsinn ungeheure Schäden anrichten kann). Ich nahm diese Mao Bibel nicht ernst, ich hielt sie für einen Scherzartikel. Es dauerte Jahrzehnte bis ich begriff, dass es im Westen tatsächlich Jugendliche gab, die diese Mao Bibel als etwas sehr Wichtiges und als eine Art Richtschnur zum Handeln ansahen. Es gibt auch Leute, die damals mit der Maobibel in der Hand umher zogen und sich heute nicht davon distanzieren! Vielleicht war das der erste Baustein zu erkennen, dass es nicht nötig ist, sich mit Dingen zu befassen, weil sie gerade von einer bestimmten Zeit hervor gebracht und weil sie modisch sind, sondern sich seine eigenen Gedanken über die Dinge zu machen.

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