Freitag, 11. August 2017

Die einen retten das Klima so, die anderen retten es so:

Das Buch „Farm der Tiere“ von Georg Orwell war in den 70/80-ger Jahren ein Kultbuch. Wer in der DDR das Glück hatte, an das Buch heran zu kommen, las es, als hätte er seine eigene Wirklichkeit vor Augen. ´Ja, genauso ist es. Orwell hat unsere Zukunft voraus gesehen´. „Alle sind gleich, aber einige sind gleicher“, das war ein Slogan, der in Witzen und privaten Unterhaltungen gern angewendet wurde.

Wenn Orwell die Idee zu seiner Parabel zweifellos in der Wirklichkeit des Kommunismus in der Sowjetunion abgeschaut hatte, so hat sie in mancher Beziehung Allgemeingültigkeit. Immer denke ich an „Farm der Tiere“, wenn ein gewaltiger Hubschrauber über unser Haus donnert. Dieses Ereignis findet etwa alle zwei Jahre statt, wenn Angela Merkel, die in dieser Gegend ihren Wahlkreis hat, zum Wahlkampfauftritt herbei eilt. Ihr Hubschrauberlandeplatz liegt nur einige Meter von hier entfernt. Eine Kollegin, die einmal dieses Ereignis miterlebte, sagte ehrfürchtig: „Was, darin sitzt diese Frau?!“ Darauf antwortete ich: „Ja, irgendwo im Hubschrauber sitzt sie doch immer, wie soll sie zu den verschiedenen Auftritten von Ort zu Ort kommen?“

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Wie waren vor kurzem die mahnenden Worte von Angela Merkel, die manchmal als Klimakanzlerin bezeichnet wird?: "Lassen Sie uns gemeinsam den Weg weitergehen, damit wir erfolgreich sind - für unsere Mutter Erde."

Ja, „einige“ sollen ihr Leben so gestalten, dass sie klimaschonend erfolgreich den Weg für unsere Mutter Erde gehen, und „einige“ mahnen vom Hubschrauber aus die Rettung der Mutter Erde an. Die einen retten die Welt „so“, andere retten sie „gleich so, nur etwas gleicher“.

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Anmerkung: Diese Aufnahmen sind von 2016, als der eigentliche Kanzlerhubschrauber bei einer Generalüberholung war. Der aktuelle Kanzlerhubschrauber ist um ein mehrfaches größer und schwerer.

Dienstag, 1. August 2017

Im Land der Kriegerdenkmäler (Teil II)

Wenn das im Voraus geschilderte Kriegerdenkmal nicht so martialisch erscheint, wie ich zu Beginn des vorher gehenden Eintrags ankündigte (25.7. 2017), so übertrifft es in der Subtilität dessen, was es aussagt und was es bedeutet, die mehr martialischen, dafür aber plumperen Kriegerdenkmäler in der Altmark und manch anderem Landesteil.

Ein „normales“ Kriegerdenkmal, wie es vor einer „normalen“ Ortskirche steht, sieht so aus,

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„Ihren gefallenen Helden gewidmet im dankbaren Erinnern ………….“

und trägt so einen Text:
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„Wer den Tod im heilgen Kampfe fand, ruht auch in fremder Erde im Vaterland“

Man sollte sich klar machen, dass Kriegerdenkmäler jener Art und jenes Geistes überall in Deutschland öffentlich herum stehen. Das schlagkräftigste Argument, ob dafür oder dagegen, von einem Pfarrer, das ich in einer Diskussion dazu hörte war: „Ich kuck´ da gar nicht hin!“ In der Regel wird nämlich gar nicht argumentiert, sondern geschwiegen. So wie in dem Fall als ich schriftlich an eine Kirchengemeinde die Frage stellte: ´Wofür ist der Dank, und was waren die Heldentaten?´.

Eine Antwort habe ich nie erhalten, und so ist „Ich kuck da gar nicht hin“ eine aussagekräftige Antwort und der Realität angemessen.

Dienstag, 25. Juli 2017

Im Land der Kriegerdenkmäler (Teil I)

Einige Tage besuchten wir die Altmark, ein schönes ländliches Gebiet inmitten Deutschlands. Als wir bei Wittenberge die Elbe überquerten, sagte ich scherzhaft: „Nun kommen wir in die Altmark, das Land der martialischen Kriegerdenkmäler“. Wir nutzen unseren Besuch auch, um uns die drittgrößte Stadt Deutschlands anzuschauen. Auf dem Weg dorthin sagte unsere Gastgeberin: „Kommt, hier ist ein schönes Zisterzienserkloster, das müssen wir uns noch anschauen!“ Im wirklich sehr schönen Kirchlein fiel mein Blick auf eines der von mir im Voraus angekündigten Denkmäler:

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1939 -1945 „Ich gebe ihnen das ewige Leben und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“

Entsetzt rief ich aus: „Wie kann ein Pastor hier vor diesem Spruch predigen, hast du dir überlegt, was dieser Spruch bedeutet?........ Sie stehen hier nicht als private Tote, sie stehen hier für den Krieg….. “ Es entspann sich die altbekannte Diskussion: „DIE können doch nichts dafür. DIE sind Opfer….“

In nur 5 km Entfernung von diesem tiefsinnig und künstlerisch gestalteten Kriegerdenkmal im Zisterzienserkirchlein kann man auf einem großen Gelände die Umrisse einer riesigen Scheune finden. Diese Scheune stand noch im April 1945. Am 13. April 1945 trieb man mehr als 1000 geschundene entkräftete KZ-Häftlinge in diese Scheune, verrammelte die Tore und ließ die Scheune in Flammen aufgehen. 1016 Menschen verbrannten. Wenn in den letzten Kriegstagen einer der daran beteiligten SS-Männer oder ihrer Helfer noch umgekommen ist, kann sein Name hier auf dieser Ehrentafel oder in einer beliebigen anderen Kirche für das ewige Leben vorgesehen sein.

Etwas betrübt wurde mir gesagt: „Du kuckst immer nur auf so was. Warum fotografierst du nicht unseren schönen Klostergarten?


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Selbstverständlich wurde auch der fotografiert. Die Diskrepanz zwischen dem Gärtchen, dem Geschehen in der Scheune in Gardelegen und der Kriegertafel – wenn man sich den Inhalt in aller Konsequenz durchdenkt - kann ich nicht überbrücken. Kurz zuvor hatte ich noch den Ausspruch gehört: „Unsere evangelische Kirche ist einfach zu verkopft!“ Das mag sein, aber was in den Köpfen vor sich geht, kann ich mir nicht vorstellen.

Meine Freundin wollte mich trösten: „Ich bin auch nicht dafür, dass diese Tafeln in den Kirchen hängen, man sollte sie draußen anbringen“. Die Antwort: „Dann hätten die Leute etwas davon, hier drin sieht sie ja keiner!“, habe ich dann lieber unterlassen.

Dienstag, 18. Juli 2017

Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 7/Ende)

Letzte Veranstaltungen

Der nächste Vortrag war „antisemitischen Kommentaren in sozialen Medien“ gewidmet, wobei besonders die Verquickung von Antisemitismus und Israelfeindlichkeit heraus gestellt wurde. Ähnlich wie zuvor seine Kollegen vermittelte ein junger Wissenschaftler vom „Institut für Sprache und Kommunikation“ der Technischen Universität Berlin Denkmuster, Aussprüche, Stereotypen, die diese Ressentiments bedienten. Ebenfalls wie bei seinen Kollegen war Kompetenz zu erkennen, aber nicht die Fähigkeit, den Zuhörern etwas zu vermitteln, was bei ihnen selbst einen Erkenntnis- oder sogar einen Handlungsprozess in Gang hätte setzen können. So kam es zu kuriosen Situationen, wo der Verfassungsrichter in seinem Drang, seine Mitseminaristen über die Unrechtmäßigkeit des Staates Israels aufzuklären, teilweise genau die Sätze sagte, die unser Vortragender zuvor als „dämonisierende Stereotype“ bezeichnet hatte. Man hätte also einen hervorragenden Ansatzpunkt zur Veranschaulichung dieser Denkweisen gehabt, was aber wohlweislich vermieden wurde. Ob die Kongruenz in der Gruppe bemerkt wurde, war nicht zu erkennen. An Bemerkungen anderer Seminarteilnehmer erkannte man eher Hilf- und Ratlosigkeit. Man war bemüht, sich mit dem Antisemitismus, der „doch überwunden werden müsse, aber wie?“, auseinander zu setzen. Trotzdem sagte ein Mann, der sich als Therapeut vorgestellt hatte: er möchte nicht auf die antisemitische Schiene geraten, aber einige Sätze von Jakob Augstein hätte er (selbst) ebenso sagen können. Und das nach drei wissenschaftlichen Vorträgen über Antisemitismus, an denen wenig zu beanstanden war!

Vielleicht um eine vorauszusehende aufgeheizte Stimmung etwas zu neutralisieren und weil wir uns eben in dem schönen Städtchen Güstrow befanden, wo Uwe Johnson in die Schule gegangen war, hielt der Leiter des Seminars einen Vortrag über die Thematisierung des 9. Novembers in dem berühmten Roman „Jahrestage“. Wenn dieser Vortrag auch nicht ganz auf das Seminarthema zugeschnitten war, so gab es Berührungspunkte und auch Ansätze zum Nachdenken. So spielten Schuld, sogar Schuldbesessenheit, Rassenunruhen in New York, die Nachkriegsexistenzen von Nazimördern und das Reflektieren über die deutsche Vergangenheit in den 60-ger Jahren eine Rolle.

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Juri Rosow, K-D. Kaiser, Michael Wuliger beim Seminar „Antisemitismus in den Medien“

Der Sonntagvormittag brachte die Begegnung mit zwei jüdischen Persönlichkeiten: Juri Rosow, Leiter der jüdischen Gemeinde Rostock und Michael Wuliger, Redakteur der „Jüdischen Allgemeinen“. Hier trafen Männer mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen aufeinander, die durch das „Jüdische“ verbunden waren. Juri Rosow hatte seine Jugend in der Sowjetunion verbracht. Michael Wuliger berichtete über seine Jugendzeit als Spartakist in der deutschen Studentenbewegung. Beide hatten genügend Erfahrungen in Deutschland mit Antisemitismus gemacht. Sie sagten, diese Erscheinung träte in „Wellen“ auf und sei stark mit Konflikten in und um Israel verbunden. Und berichteten von „Hassmails“, die sie regelmäßig erhalten und deren Zahl rasant in die Höhe steige, wenn in oder um Israel eine Eskalation eintrete. Sie selbst kannten kein Mittel dagegen, als dass sie ihren e-Mail Verkehr vorprüfen lassen, um ein bisschen besser schlafen zu können. Meine Interpretation der Fragestunde und vielleicht des gesamten Seminars war: Man hört es immer wieder, die Antworten sind immer wieder die gleichen. Nutzen bringt es nicht, aber man muss es doch immer wieder tun.

Zum Abschluss nutzte der Verfassungsrichter noch die Gelegenheit, um auf ein Buch: „Das zionistische Israel“ hinzuweisen. Da fand ich, dass der Toleranz gegenüber Teilnehmern doch hätten Grenzen gesetzt werden sollen. Denn es war eine Konterkarierung des gesamten Seminars. Aber im Getümmel des Abschieds ging es unter, und die Freude aufs gesponserte Mittagessen war schon groß.

Mein letzter Gedanke bevor ich mich auf den Heimweg machte war: In diesem Haus bin ich vorher einmal im Leben gewesen, etwa 15 Jahre sind es her. Genau in diesem Raum, in dem ich jetzt die Vorträge, Diskussionen, Fragestunden erlebt hatte, war ich Zeugin davon, wie eine junge mecklenburgische Pastorin ohne die geringste Hemmung und zum Entsetzen anderer Anwesender zur jüdischen Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide sagte: „Die Juden haben Jesus umgebracht“. Frau Lapide war um eine treffende Antwort nicht verlegen. So fürchte ich, werden noch viele Seminare und Tagungen abgehalten werden, oft mehr Verschwommenheit als Klärung gestiftet, viele Symptome für eine Krankheit entdeckt, die man doch nicht diagnostizieren kann. Was jeder im Einzelnen mit seinen gewonnenen Eindrücken anfängt, muss er sowieso selbst entscheiden, und so sehe ich in den Veranstaltungen auf jeden Fall einen Wert an sich.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 6)

Ein Vortrag über die Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach

Den Vortrag „Judenfeindschaft in den Passionsmusiken?“ von Professor Dr. Johann Michael Schmidt, einem Bibelwissenschaftler und Alttestamentler aus Köln, kann man als Höhepunkt des Seminars bezeichnen. Er ragte heraus, weil er ein in sich geschlossenes Ganzes bildete, im Gegensatz zu den anderen Vorträgen, die eher eine Ansammlung von Fakten waren, zum Teil ohne inneren Zusammenhang, und bei denen dem Zuhörer überlassen blieb, was er damit anfangen konnte.

Professor Schmidt betonte die ungeheure emotionale Wirkung, die die Matthäuspassion hervorruft. Dass das Textbuch bzw. die Texte der Evangelien, auf die es sich bezieht, eine starke judenfeindliche Einstellung und Wirkung haben, daran ließ er keinen Zweifel. Er sprach über Texte aus dem Neuen Testament, die darauf angelegt waren, anfangs die Judenchristen, später die Christen allgemein gegen die Juden auszuspielen und die Juden in ein möglichst schlechtes Licht zu stellen. Das führte zur Entwicklung der religiösen Judenfeindschaft und zog eine Blutspur durch die Geschichte.

Viele interessante Details rund um die Passionen erzählte er, sowohl von der Stimmung bei der Wieder-Aufführung der Matthäuspassion durch Mendelssohn als auch darüber, wie nach dem 2. Weltkrieg die Passionsmusiken, ähnlich wie die Wagnermusiken, einen neuen Höhepunkt im deutschen Musikgeschmack erlebten. Aus den Ausführungen entstand der Eindruck, dass die Judenfeindschaft der deutschen Kirchen durch den Holocaust nicht beendet, sondern dass sie sozusagen kulturell transmittiert wurde.

Wie Zahlen- und Wortsymbolik in die Musik umgesetzt wurden, schilderte der Professor eindrücklich. Er erwähnte, wie Bach in unmittelbarer Tradition zu Luther stand und sprach darüber, dass die Choräle die Theologie des 17. Jahrhunderts widerspiegelten. Im gesamten Vortrag schimmerte durch, dass Professor Schmidt eine innige Beziehung sowohl zur Musik Bachs hat als auch zu der Thematik, die den Passionen zugrunde liegt. Das bewies er eindrucksvoll, als er auf dem Flügel eine Passage zu: „…sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ spielte. Er sagte, dass er durch seinen Beruf viele jüdische Freunde gewonnen habe, und er hätte sich angewohnt, die Musik auch „durch ihre Ohren“ zu hören.

Der Beifall nach diesem Vortrag war ungewöhnlich lang, obwohl ich mir vorstellen kann, dass nicht jeder Zuhörer glücklich damit war, - die Aussage meines Bekannten bestätigt es -. Doch die Art des Vortrags und die eindrückliche persönliche Beziehung, die der Vortragende sowohl zu seiner Thematik als auch zu seinen Zuhörern ausstrahlte, beeindruckten wahrscheinlich jeden im Raum.


Als Ergänzung zur Schilderung des Vortrags füge ich einen Text an, den ich am 20.4.2014 über einen Besuch der Matthäuspassion in der Merseburger Stadtkirche in diesem Blog geschrieben habe:
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20.4.14
Der Dirigent erschien mir nicht als der über allen Dingen stehende Orchesterleiter, sondern als Teil des Geschehens. Fast könnte man sagen: Er war die Matthäuspassion. Aber auch der Chor und die Interpreten waren das, was sie sangen. Die blutrünstige Menge, die zart und tief empfindende Christenheit. Der Evangelist erschien mir wie ein Einpeitscher. Er stand nicht vor dem Chor, wie es meistens üblich ist. Vielleicht war es den räumlichen Gegebenheiten geschuldet, vielleicht war es ein regieartiger Einfall. Er sang aus der Mitte, aus dem Chor heraus. Hart und böse kommentierte und erzählte er. Insgesamt war es eine hoch musikalische und zugleich ausdrucksvolle Aufführung. Gerade weil der Inhalt so überzeugend dargebracht wurde, kann man sie auch als erschreckend bezeichnen. "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" - schrie die Menge, und der Zuhörer weiß, dass es eine jüdische Menge sein soll. Ich habe tatsächlich schon einmal die Aussage gehört, der Holocaust wäre die Erfüllung jener Ansage, jedenfalls könnte man ihn so interpretieren. Also, die Juden hätten bei der Forderung nach der Kreuzigung Jesu ihre Vernichtung selbst prophezeit und sozusagen billigend in Kauf genommen. Derjenige, der das sagte, war entsetzt über den Holocaust, aber er konnte in dieser "schlüssigen" Feststellung eine Erklärung finden.
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(Fortsetzung folgt)

Sonntag, 9. Juli 2017

Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 5)

Renitente

sind ein fast untrennbarer Bestandteil einer Veranstaltung über Themen, die mit Juden im Zusammenhang sind. Warum auch nicht? Sie bringen ein wenig frischen Wind in eine trockene Veranstaltung und äußern Meinungen, über die andere nachdenken können. In unserer Runde kristallisierten sich zwei Renitente heraus, wenn auch von gegensätzlichen Standpunkten aus.

Nach den Vorträgen war es üblich, dass der Referent auf Fragen antwortete. So wurde u.a. gefragt, wie es mit dem Antisemitismus in der DDR gewesen sei oder wie man vermeiden kann, dass europäische Juden mit dem Nahostkonflikt identifiziert werden. Ein Seminarteilnehmer, der sich als pensionierter Verfassungsrichter vorgestellt hatte, legte am meisten Emotionen in seine Fragen und ließ keine Ruhe. Seine Fragen zeigten kein Interesse am Antisemitismus, sondern er sah seine Berufung darin, über den israelisch-palästinensischen Konflikt aufzuklären. Da der Referent des ersten Abends diese Verwicklung auch für einen bedenkenswerten Fakt hielt, fragte ich, welchen Grund denn Iran und arabische Länder hätten, nachweislich und immer wieder die Vernichtung Israels zu propagieren. Weiter fragte ich, welchen Konflikt und welches „Körnchen Wahrheit“ es in der Nazizeit gegeben hätte, worauf man sich berufen hat um Juden „fälschlicherweise“ zu verdächtigten und umzubringen. Darauf erhielt ich keine Antwort.

Am nächsten Tag wurde die Erbitterung des Verfassungsrichters noch konkreter. Seine Einstellung erklärte er folgendermaßen: Nichts hätte ihn sei Leben lang so umgetrieben wie der Holocaust, und nach langem Nachdenken wäre er zu dem Schluss gekommen, dass man niemanden unterdrücken, erniedrigen, umbringen darf. Auch die Juden dürfen das nicht, und darum kann er sich mit dem Unrecht, das in Israel geschieht, nicht abfinden. Dafür erhielt er Applaus. Er setzte zu einem Vortrag über das Unrecht der Entstehung des jüdischen Staates an, was unterbunden wurde, weil es nicht Thema der Veranstaltung war. Eine Teilnehmerin mischte sich ein und erzählte, dass sie sowohl in Israel als auch in Gaza gewesen sei und dass die tatsächlichen Zustände dort nicht das Geringste mit den Schilderungen des Richters zu tun haben. Ich fragte ihn, ob er je dort gewesen sei, was er verneinte. Er hätte sich aber genau informiert und weiß wie die Straßenverläufe, Mauerverläufe, Wasser in der Westbank …. seien. Als er wieder einmal sagte: „Israel ist ein Unrechtsstaat!“, herrschte ich ihn an: „Israel ist ein Rechtsstaat!“. „Ja, aber im palästinensischen Staat…!“ Ich sagte: „Den Staat Palästina gibt es nicht, der hat sich nie gegründet und im Übrigen, herrscht dort fast überall die Autonomiebehörde“.

Der Richter hatte aber noch ein größeres Problem als den Staat Israel, nämlich, dass er wegen seiner Ansichten für einen Antisemiten gehalten werde. „Bitte erzählen sie uns eine drastische Begebenheit, wo ihnen das je geschehen ist“, bat ich ihn. Da antwortete er: „Ich weiß, dass die Leute so denken!“. Da ich Antworten von dieser Qualität schon öfter irgendwo gehört habe, setzte mich seine Erklärung nicht in Erstaunen, sie ließ aber Zweifel an der Verfasstheit unseres Rechtswesens aufkommen. Interessanterweise wurde ich vom Richter nie direkt wegen meiner renitenten Ansichten angesprochen. Auch sonst nahm mich in den Pausen niemand zur Seite, weder anerkennend noch belehrend. Resolute Pfarrfrauen aus den 90-ger Jahren, wie sie mir auf einer Israelreise begegneten und die mir nach einem ähnlichen Auftritt den Rat gaben: „Ja, gerade wir als Deutsche dürfen uns bei diesem Konflikt auf keine Seite stellen. WIR haben gleich gemerkt, dass SIE auf der anderen Seite stehen!“, scheinen inzwischen ausgestorben zu sein. Auf der Tagung gab es aber doch einige Teilnehmer, die Aussagen tätigten, die denen des Verfassungsrichters sehr entgegenstanden.

Beim Abschlussgespräch äußerte der Richter seine große Enttäuschung über die Tagung, er wäre überfallen und beleidigt worden. Das schien er nicht mir persönlich anzulasten, sondern den Tagungsteilnehmern insgesamt, die ihm nicht in gebührender Weise zur Seite gestanden haben.
(Fortsetzung folgt)

Freitag, 7. Juli 2017

Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 4)

Das zweite Referat

am Samstag Morgen stand der Titel „Antisemitismus mit gutem Gewissen - Debatten über Judentum und Israel in den deutschen Printmedien" auf dem Programm. Der junge Referent, ein Philologe, hat dieses ausufernde Thema recht gut behandelt.

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Wieder wurden verschiedene Diskussionen und Figuren, die sich in der letzten Zeit um den Antisemitismus verdient gemacht hatten, angerissen. Im Gegensatz zu seinem Kollegen vom Vortag, der in antisemitischen Aussagen hier und da ein „Körnchen Wahrheit“ entdecken konnte, sprach er ziemlich eindeutig darüber, dass eine Gegenüberstellung, ja sogar eine Gleichstellung von Israel und dem Geschehen in der Nazizeit eine Geste der Schuldabwehr sei. Er referierte über Leugnung, Relativierung, das Reden über „jüdische Rachsucht“ und führte überzeugende Beispiele an. Ob Jakob Augstein ein Antisemit wäre, darüber wurde zum Glück nicht geurteilt, dafür wurden aber einige seiner drastischsten Aussagen zitiert. Im Vortrag, ebenso wie im Vortrag vom Abend zuvor, wurden die „drei Ds“ thematisiert, die Antisemitismus kennzeichnen: Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards in der Beurteilung. Von der verbreiteten Täter-Opfer-Umkehr war die Rede. Wegen der zeitlichen Beschränkung konnte auch hier vieles nur in Kürze angerissen werden. Einige heftige Debatten aus den Medien hätten vielleicht etwas näher beleuchtet werden können, weil Beispiele oft überzeugender sind als Theorie.

Fast alle Referenten waren bei der gesamten Tagung anwesend und hörten ihren Kollegen zu. So äußerte sich der Referent vom gestrigen Abend lobend über den Kollegen, hatte aber den Einwand, dass der „Zentralrat“ (nämlich: der Zentralrat der Juden, der bei aufklärenden Veranstaltungen über Juden manchmal wie ein leicht dämonischer Geist über allem schwebt) oft überzogen reagiere und immer bereit sei, etwas zu skandalisieren. Offensichtlich hatte der Antisemitismusforscher die „drei Ds“ außer Acht gelassen und war seinem inneren Impuls gefolgt, denn sowohl mit dem „Körnchen Wahrheit“, als auch mit der Diffamierung des „Zentralrats“ folgte er dem bekannten Muster. Eine Frau fragte, ob er denn ein Beispiel dafür hätte. Zu einer Antwort kam es nicht, und sein Kollege, also der heutige Referent, war sogar der Ansicht, dass der Zentralrat durch den ständigen Druck unter dem er lebe, manches sehr nachsichtig behandele, z. B. hat er Antisemitismus bei Augstein abgestritten.

Bedauerlich war die Tatsache, dass kein konkreter antisemitischer Vorgang in Medien ausführlich erörtert wurde. Der Tagesschaubeitrag vom 14.8.2016 über den „Wasserentzug von Israel in Palästinensergebieten“ wäre beispielsweise ein anschauliches Diskussionsthema gewesen. Dass es antisemitische Aufsätze in kirchlichen Medien, wie z. B. im deutschen Pfarrerblatt: „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker“ gibt, wurde vorsichtshalber nicht thematisiert. Oft hatte ich den Eindruck, dass es ein Anliegen der Tagung war: So ganz genau wollen wir es nun auch nicht wissen!
(Fortsetzung folgt)

Dienstag, 4. Juli 2017

Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 3)

Episoden am Rande

Eine freudige Überraschung war, dass ich auf eine Frau traf, mit der ich vor 20 Jahren in einem Elternkreis zusammen arbeitete, und mit der ich seitdem kaum Kontakt hatte. So hielten wir zueinander. Nicht ohne Kontroversen. Sie hatte kein schlechtes Verhältnis zu Juden, aber auf ihren Luther ließ sie nichts kommen. „Stellen sie sich vor, gerade habe ich zu Hause einen Vortrag von einem Juden über Luther gehört, und der ließ kein gutes Haar an Luther, das gehört sich nicht!“ Ich entgegnete: „Die Juden mussten aber die Folgen von Luthers feindseligen Einstellung zu ihnen tragen.“ „Aber das ist doch 500 Jahre her, das hat doch heute nichts mehr zu sagen!“ „Dann spielen die 95 Thesen heute auch keine Rolle mehr“. „Nein, so sehe ich das nicht, ich finde nur, wenn jemand etwas Negatives zu sagen hat, dann muss er bei sich anfangen.“ „Wollen sie damit sagen, dass die Juden bei sich selbst die Schuld suchen sollen, dass sie gehasst und getötet werden?“ „Nein, um Gottes Willen! Ich meine nur, man muss grundsätzlich immer erst einmal sich selbst hinterfragen, wenn man Negatives sagt“. Ich antwortete: „Dann müssen sie jetzt erst mal sich selbst hinterfragen bei dem, was sie gesagt haben“ Mit einem entnervten: „Ach sie, mit ihrer Wortklauberei!“ endete die Unterhaltung bis zum Ende der Mahlzeit, später waren wir einander wieder freundlich zugetan.

Ebenfalls zu meiner Freude traf ich einen mir seit Jahren bekannten Musikfreund. Er hatte einen beträchtlichen Weg zurückgelegt, um den Vortrag „Judenfeindschaft in den Passionsmusiken von J.S. Bach?“ zu hören. Als ich ihn zufällig einige Tage später bei einem Konzert wieder traf, fragte ich ihn nach seinem Eindruck. Er bestritt die rhetorische Qualität des Vortragenden nicht, aber mit dem Inhalt war er nicht zufrieden. Ähnlich wie meine Bekannte nichts auf ihren Luther kommen lassen wollte, so wollte er seinen Bach nicht diskreditiert sehen. „In den Textbüchern sind doch nur die Juden gemeint, die damals gerade da waren, doch nicht alle Juden“. „Ja, aber alle Juden mussten es ausbaden“. Mit: „Ja, da haben sie wohl Recht“, wurde dieser kurze Dialog beendet.
(Fortsetzung folgt)

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