Mittwoch, 18. Januar 2017

Überall ist Tuvia (Fortsetzung von 13.1.2017)

Insgesamt fühlen weder Tuvia noch die Leser sich besonders wohl in den einzelnen Staaten der USA. Man könnte das Verhalten der Menschen, und zwar in weiten Kreisen, als „verdruckst“ bezeichnen. Ihre Lebensweise und das was sie reden, stimmen nicht überein. Ihm fällt auf, wie penibel auf die Einhaltung einer korrekten Sprache gegenüber Minderheiten Wert gelegt wird, was nicht mit den Zuständen in den Stadtvierteln der schwarzen Bevöl-kerung in den Großstädten und den Obdachlosensiedlungen in Einklang zu bringen ist. Er wird immer wieder gewarnt, ja fast angefleht: in dieses Stadtviertel, mit dieser Buslinie dürfe er nicht fahren. Wenn er fragt warum, so erhält er keine plausible Antwort. Er fährt trotzdem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin und erlebt diese Stadtviertel so unwirtlich wie seine „Warner“ es angedeutet hatten. Diese Viertel sind von schwarzen Einwohnern bewohnt, die von sich selbst keine gute Meinung haben und längst nicht so eine korrekte Sprache anwenden, wie ihre weißen Mitbürger, die sich wiederum manchmal als „Kaukasier“ bezeichnen. Warum Kaukasier? Das weiß niemand, dieser Begriff hat sich aus irgendeinem Grund als politisch korrekt etabliert.

Beim Lesen fiel mir mein Besuch vor 18 Jahren in den USA, in Philadelphia ein, als ich erlebte, wie zwei junge Deutsche sich über allerhand „Primitives“ in den USA mokierten und die auch genau wussten, in welchen Stadtvierteln man mit dem Auto nicht anhalten darf. Auch heutzutage höre ich über manche Stadt in Europa und in Deutschland, wo es Viertel geben soll, in die man lieber nicht geht. Es muss die Tendenz geben, statt gegen Elend und Verrohung in Stadtvierteln anzugehen, die Viertel zu ignorieren und sich gegen sie abzusichern. Wichtig ist es, dieses nicht öffentlich zu benennen.

Dann dachte ich daran, wie ich im letzten Jahr im Greifswalder Theater (13.11.2016) erlebte, wie einheimische Studenten Flüchtlinge zu einem arabischen Theaterstück eingeladen hatten (dass es gegen Israel gerichtet war, steht auf einem anderen Blatt, passt aber dazu), und ihre Schützlinge beim Zusammentreffen innig umarmten, wonach sich jeder, sowohl die Studenten als auch die Flüchtlinge, wieder seinen eigenen Angelegenheiten zuwandte, meist waren es Smartphones. Das hätte eine Szene von Tuvia sein können.

Gegen Israel Gerichtetes bemerkt Tuvia des Öfteren auf seinen Reisen. Damals war die Unterzeichnung des Iran-Atomabkommens aktuell, und er erlebte ziemlich fassungslos die völlige Ignoranz von jüdischen Angehörigen der Obama-Administration, die das bevorstehende Abkommen über alles lobten und bei jüdischen Organisationen dafür warben. Gleichzeitig bat der israelische Botschafter, dessen Land vom Iran unmittelbar bedroht ist - durch schlimmste Drohungen vom Iran glaubhaft belegt - sehr darum, die Unterzeichnung des Abkommens zu verhindern. Überhaupt fand Tuvia es befremdlich, wie auch in den USA weite Kreise der Bevölkerung von dem Gedanken besessen sind, die Welt wäre in Ordnung, wenn es nur den Staat Israel nicht gäbe. Diese Einstellung kann ich auch hier erleben, z..B. als ein evangelischer Bischof eine Vortragstournee ansetzte, die zum Anliegen hatte, der christlichen Öffentlichkeit klar zu machen (wenn auch auf verschwommene Art und Weise), dass der Staat Israel nicht unbedingt existieren müsse (denn Gott bindet sich nicht an ein Territorium, wie er verkündete - 27.7., 1.8., 6.8.)

Abschließend ein Satz aus einer Rezension, die auf Deutschlandradio Kultur über das Buch „Allein unter Amerikanern“ zu hören war:
»Von Tuvia Tenenboms drei Büchern ist dies das Beste: differenziert und erschreckend zugleich … ein ebenso unterhaltsames wie authentisches Buch«.

Auch wenn so eine Beurteilung mehr über den Rezensenten als über das Buch aussagt, so hat er nicht Recht. Alle drei Bücher sind gleicherweise „differenziert, erschreckend, unterhaltsam und authentisch“, jeweils für die Umgebung in der diese Reportagen gemacht waren.

Freitag, 13. Januar 2017

Tuvia Tenenbom „Allein unter Amerkikanern“

…..ist auch eines der Bücher, die ich nach Weihnachten lese. Diesmal war ich skeptisch: Nach „Allein unter Deutschen“ und „Allein unter Juden“ nun das dritte „allein“-Buch. Das ist eine Masche, das kann nicht gut gehen. Ich hatte bei dieser meiner Meinung übersehen, dass Tuvia kein Schriftsteller ist, der die Erfolgsmasche eines ersten gut verkauften Romans kopiert, sondern dass er in Wirklichkeit ein Journalist ist, der es wissen will…. Was will er wissen? In erster Linie will er wissen, wie die Leute „ticken“. Welche politische Einstellung sie haben, welche Einstellung zum Leben und zu der Gesellschaft. Er vergleicht die Antworten, die er auf seine naiven, fast kindlichen Fragen erhält, mit der Realität und den Lebensumständen, die er rundherum wahrnimmt.

- Einschub: In gewisser Weise fühle ich mich Tuvia verwandt, was vielleicht eine Anmaßung ist, aber der Titel dieses Blogs „Im Luftreich des Traums“ soll genau darauf anspielen. Vielleicht ist das auch ein Grund, dass ich auch Tuvias neues Buch wieder als sehr lesenswert empfinde.

Tuvia zieht also durch ein Land, das in Wirklichkeit aus 50 Bundesstaaten besteht, und von denen hat er einen großen Teil besucht, sogar Alaska und Hawai. Manchmal legte er größere Strecken mit dem Flugzeug zurück, in der Regel durchfuhr er die Staaten mit gemieteten Autos, zu denen er eine innige Beziehung hatte und ihnen Namen gab. Seine Vorliebe für gutes Essen (in USA außerordentlich rar), sein Unmut über striktes Rauchverbot fast überall, seine untersetzte rosige Gestalt, die kindliche Gutmütigkeit mit der er auf die Menschen zugeht, sind der äußerer Rahmen für seine Recherchen, so dass man ihn fast für eine Kunstfigur halten könnte. Dass er es nicht ist, erlebte ich im Februar 2013 in Berlin bei einer Buchvorstellung (samt Diskussionsrunde), wo er genau so da saß, wie man ihn in seinen Büchern wieder findet.

Obwohl Tuvia selbst Einwohner von New York ist, erklärt er, dass er vom Rest der USA nur eine sehr allgemeine Vorstellung hat, denn er ist ein New Yorker, der sich nicht aus seiner Stadt hinaus bewegt hat, es sei denn zu Reisen Richtung Osten, also nach Europa oder seinem Geburtsland Israel. So ist er neugierig, in diese für ihn fremde Welt gen Westen zu reisen. Eine allgemeine Vorstellung von der amerikanischen Bevölkerung hat er zwar, aber die muss er gründlich revidieren. Seine Gesprächspartner sind oft die Leute auf die er zufällig trifft – in Gaststätten, in Kirchen, in Museen. Er verabredet sich aber auch zu Interviews mit für ihn interessanten Menschen dort wo er gerade ist, mir Politikern, mit Bürgermeistern. Sein besonderes Augenmerk legt er darauf, wie sich die Menschen in der Gesellschaft fühlen und unweigerlich nimmt das Thema Rassenunterschiede einen großen Raum ein. Für ihn unerwartet spielt der Konflikt Israel-Palästina, den er aus dieser großen Entfernung für nicht besonders relevant hielt, eine große Rolle im Denken der Menschen sowie der Klimawandel.

Zusammengehalten werden die Ansichten der Menschen zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten der großen Community USA, die wiederum in viele kleine Communities aufgespalten ist, durch den Oberbegriff: „political Correctness“. Tuvia bemerkt, wie die Menschen geradezu besessen von der Sorge sind, etwas politisch Falsches zu sagen, und er bemerkt auch große Unterschiede in dem was sie öffentlich sagen und dem was sie ihm - oft unter vier Augen – anvertrauen. Die „Spaltung der Gesellschaft“, von der nach den Wahlen im November 2016 oft die Rede ist, kam schon damals, 2015 sehr deutlich zum Vorschein.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 7. Januar 2017

Lesen nach Weihnachten: Wolf Biermann „Warte nicht auf bessre Zeiten“

Das Buch, 524 Seiten stark, lag zwischen den Weihnachtsgeschenken. „Viel zu dick, um es zu lesen, und außerdem lese ich keine Bücher, die das Foto des Autors groß auf dem Cover haben. Sie sollen schreiben, was sie erlebt haben, und nicht darstellten, wer sie sind! Und Biermann ist wirklich ein großer Selbstdarsteller.“ Einen Blick warf ich aber hinein und noch einen Blick. Alles erschien mir bekannt und vertraut. Ja, das ist die DDR in der ich aufgewachsen bin, so war es, so haben die Leute gesprochen und sich verhalten. Mir wurde bewusst, dass Biermann ein integraler Bestandteil meines Lebens war. Wenn ich in Berlin die Friedrichstraße hinunter ging, warf ich einen Blick auf das Haus Ecke Chausseestraße: „Ach ja, da wohnt Biermann“. Seine Lieder waren bekannt. Immerzu traf ich auf Leute, die Biermann kannten, die etwas mit ihm zu tun gehabt hatten. Einige sind in dem Buch erwähnt. Aber ich geriet auch in Kreise, wo niemand mit dem Namen Wolf Biermann etwas anzufangen wusste, wo die Jugendlichen mit 18 Jahren aus eigenem Entschluss in die Partei eintragen, wo man erschüttert war, als 1971 Walter Ulbricht „abgesetzt“ wurde („das hat er nicht verdient!“, sagten viele meiner Mitschüler). Auch das war die DDR.

Wer etwas vom Lebensgefühl in der DDR in den 60-ger und 70-ger und auch den 80-ger Jahren wissen möchte, der kann in diesem Buch sehr viel erfahren. Die einzelnen Kapitel, schon beginnend bei der Familiengeschichte und den Schrecken des Krieges, sind zeitlich geordnet und kennzeichnen gut die einzelnen Phasen der DDR. Man kann sich klar machen, dass Biermann und die DDR eine Symbiose waren. Er ist von ihr geprägt wie kaum ein anderer DDR-Künstler, und er prägte die DDR dadurch, dass er eine Antwort auf sie war, auf die sie immer wieder reagieren musste. Trotzdem schaffte er es als einer der wenigen DDR-Künstler, die DDR von sich abzuschütteln, als Mensch lebendig auf die Veränderungen der Zeit zu reagieren nach seinem Motto: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“.

Freitag, 30. Dezember 2016

Zwei Episoden aus der DDR (Teil II)

Man kann diese eigentlich unbedeutenden Episoden aus der DDR heute gar nicht mehr nachvollziehen oder verstehen. Aber wenn man versucht, sie sich zu vergegenwärtigen kann man vielleicht manches aus der heutigen Zeit verstehen. So sehe ich mich als junge Frau, mit meinem Kind spielend und einem Gespräch zuhörend. Ich war nicht involviert und hatte auch keine Lust mich einzumischen.

Bis zum Ende der DDR und auch darüber hinaus war es üblich, dass Mitglieder westlicher Kirchengemeinden in die DDR reisten und sich um östliche Kirchengemeinden kümmerten. In vieler Hinsicht waren diese Begegnungen wertvoll: Menschen aus Ost und West, die sich sonst nie begegnet wären, lernten sich kennen, veranstalteten und erlebten etwas miteinander und (wie man später so schön sagte): erzählten sich ihre Biografien. Wenn es dabei auch manches Missverständnis gegeben haben mag, so lag doch ein Wert in diesen Beziehungen die eine stabile Grundlage bildeten, als sich später die beiden Teile Deutschlands vereinigten.

Ich hörte also zu, wie eine junge kirchliche Mitarbeiterin aus dem Osten einer gut situierten Frau aus dem Westen erzählte, welchen Schwierigkeiten und welcher Willkür man ausgesetzt ist, wenn man hier seine Kinder kirchlich erzieht und sogar nicht in die staatlich verordneten Kinderorganisationen schickt. Die Westfrau belehrte die Ostfrau: das wäre bei ihnen nicht anders. Denn ihre Tochter würde als Sympathisantin (oder Mitglied ?) der Kommunistischen Partei keinen Beamtenstatus als Lehrerin erlangen können. Obwohl die Ostfrau mit der Bezeichnung Beamtenstatus nicht viel anfangen konnte, hatte sie wohl doch den Eindruck, dass beider Erfahrungen nicht ganz kompatibel seien. Sie war nicht wortgewandt genug, der Frau eine treffende Antwort darauf zu geben, aber befriedigt hatte sie das Gespräch nicht.

Und ich habe den Eindruck, dass die Denkweise einer Frau, die persönlich nie die Gelegenheit gehabt hatte, mit einer totalitären Ideologie in Berührung zu kommen, bis heute ihre Blüten trägt, z.B. im Ausklammern und Umdeuten von Dingen, die nicht genehm sind, vorausgesetzt man muss keine persönlichen Konsequenzen tragen (außer einem erst später erlangten Beamtenstatus).

Sonntag, 18. Dezember 2016

Zwei Episoden aus der DDR (Teil 1)

Unsere Familie hatte es als einzige einer großen Familie in die DDR verschlagen. Wie beneidete ich meine zahlreichen Cousins und Cousinen aus der BRD, dass sie im Westen aufwachsen durften Ich lebte hinter einer Mauer versteckt, während für meine Cousins und Cousinen die Welt offen stand. Es zog mich nicht unbedingt in die weite Welt, wie es bei DDR-Jugendlichen der Fall gewesen sein soll. Aber was konnten sie alles lesen, erfahren, sich Bildung aneignen! Es war die Zeit der „68-ger“. Sie konnten fortschrittlich und revolutionär sein, sie konnten die Vergangenheit bewältigen (ein damals oft benutzter Ausdruck), sie konnten die Welt aufbauen! Bei kirchlichen Jugendtreffen begegnete ich Jugendlichen jener Art, wie ich sie beneidete: eloquent diskutierende Jugendliche, die von sich überzeugt waren, die alles wussten, die politisch informiert waren. (Nur ihr ununterbrochenes Rauchen störte mich). Zwar war ich mit der Literatur von Alexander Solschenizyn, Lew Kopelew, Boris Pasternak und anderen aufgewachsen. Max Frisch war damals aktuell und wurde diskutiert, aber das sah ich nicht als die echte Bildung an, das waren sozusagen die Brocken, die ich abbekommen hatte. (Die Westbücher hatten oft einen Waschmittelgeruch an sich, denn es war üblich, Bücher in Geschenksendungen in Waschmittelpackungen zu verstecken, was in der Regel gut klappte).

Ja, und dann hielt ich eines Tages eine besondere literarische Kostbarkeit in der Hand: die Mao Bibel. Auf welchen Wegen sie hierher geraten war, weiß ich nicht mehr. Meine vage Erinnerung ist, dass sie rot und etwa die Hälfte einer DIN A 5-seite stark war. Etwas ganz Besonderes sollte sie sein. Fast so etwas wie eine Leitschnur, eine Art Talisman für denjenigen, der sie bei sich hatte.

Nur ein Blick hinein genügte um zu erkennen, dass der Inhalt kompletter Unsinn war, nicht Wert, überhaupt angesehen zu werden. (Durch meine verschiedene Lektüre wusste ich allerdings, dass auch kompletter geistiger Unsinn ungeheure Schäden anrichten kann). Ich nahm diese Mao Bibel nicht ernst, ich hielt sie für einen Scherzartikel. Es dauerte Jahrzehnte bis ich begriff, dass es im Westen tatsächlich Jugendliche gab, die diese Mao Bibel als etwas sehr Wichtiges und als eine Art Richtschnur zum Handeln ansahen. Es gibt auch Leute, die damals mit der Maobibel in der Hand umher zogen und sich heute nicht davon distanzieren! Vielleicht war das der erste Baustein zu erkennen, dass es nicht nötig ist, sich mit Dingen zu befassen, weil sie gerade von einer bestimmten Zeit hervor gebracht und weil sie modisch sind, sondern sich seine eigenen Gedanken über die Dinge zu machen.

Dienstag, 13. Dezember 2016

Perpetuum mobile

Mit zwei Frauen saß ich bei einem Vortrag zusammen. In der Pause plauderten wir, und da ich weiß, dass beide in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind, fragte ich, wie es ihnen damit so ginge. Sie waren etwas reserviert. „Ach, wir haben uns ein wenig zurückgezogen“. Der Grund für dieses Zurückziehen war, dass es inzwischen viele professionelle Angebote für die Flüchtlinge gibt, so dass sie zu der Erkenntnis gelangt waren, dass ihre Arbeit nur noch als zusätzliches Angebot wahrgenommen wird. Mehrmals fiel der Begriff „Dekra“, worüber ich mich wunderte, weil ich mir darunter ein Unternehmen vorgestellt hatte, das für Sicherheit von Fahrzeugen und Anlagen zuständig ist. So wurde ich über die Mechanismen der Marktwirtschaft aufgeklärt: „Du denkst wohl auch, Dr. Oetker wäre ein Lebensmittelproduzent, aber der betreibt auch Reedereien! (?) Jeder sieht zu, dass er etwas bekommt, wo etwas zu holen ist.“ Dekra, die gleiche Dekra die für technische Sicherheit zuständig ist, kümmert sich um Flüchtlinge und betreibt Sprachschulen. „Und die Flüchtlinge“, so wurde mir erzählt, „die sind ja so, das würde jeder andere auch so machen, dass sie alles nehmen, was sie bekommen können“. Und so nutzen viele Flüchtlinge (die man inzwischen Geflüchtete nennt), sowohl die Angebote der Dekra, als auch die der freiwilligen Helfer. Darum sind manche freiwilligen Helfer inzwischen ein wenig auf Distanz gegangen.

Im Stillen fragte ich mich, ob es vielleicht einmal so weit kommen wird, dass die Schulung für die Überwachung technischer Anlagen einmal auf Volkshochschulen und Sprachschulen unterrichtet werden wird. Auch verstand ich eine Notiz, die ich in Zeitung oder im Internet kürzlich las, besser: Die Flüchtlinge hätten zur Steigerung des Bruttosozialprodukts (wo auch immer) beigetragen. In meiner Kindheit hatte mich ein Buch fasziniert, wo ein Vater seine kinderreiche Familie ruiniert hatte, weil er, statt diese zu ernähren, am Perpetuum mobile bastelte. In der Schule, in Physik, lernte ich dann, dass so ein Perpetuum mobile ein Ding der Unmöglichkeit sei. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass es Perpertum mobile durchaus geben mag, man muss sie nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt betrachten. Aus der Sicht dessen, der nur sein eigenes BSP im Auge hat und dem die Energie oder das Geld, das von Außen zugeführt wird, egal sein kann, der kann die Einwanderung der Flüchtlinge schon als Perpetuum mobile betrachten.

Mittwoch, 30. November 2016

Verschiedene Welten

Im Sommer saß ich mit einer freundlichen, netten Kollegin im Garten zusammen. Über uns ratterte mit ohrenbetäubendem Lärm ein großer Militärhubschrauber, und wir schauten in den Himmel. Da sagte ich: „Ja, wenn sie Wahlkampf macht, landet sie immer bei uns nebenan auf dem Sportplatz“ „Wer?“ „Na, Angela Merkel“. Meine Kollegin - sie ist im Westen aufgewachsen - war außer sich vor Ehrfurcht. „Was, Angela Merkel sitzt in diesem Hubschrauber?! Ich bewundere diese Frau!“ Darauf antwortete ich nicht weiter, es gibt genug angenehme Themen, die uns miteinander verbinden.

Mir fiel ein, wie ich das erste Mal - lange ist es her - eine Neujahrsansprache Angela Merkels gehört hatte. Spontan rief ich aus: „Die spricht ja wie eine Pionierleiterin zu den Kindern am Beginn des Schuljahres!“. Wahrscheinlich muss man mit Propaganda aufgewachsen sein um Propaganda erkennen zu können. Vor einigen Tagen gingen Bilder und Videos von einer CDU-Regionalkonferenz durch die Presse. Ein afghanischer Flüchtlingsjunge dankte Angela Merkel unter Tränen. Er erzählte, dass er vor vielen Jahren, als er noch in einem Flüchtlingslager lebte, ein Bild von Angela Merkel gesehen und von danach keinen anderen Wunsch gehabt habe, als zu ihr, in ihr Land zu kommen, was inzwischen gelungen war. Vor fünf Jahren, also noch vor der Selfiehype, hat der damals schätzungsweise höchstens siebenjährige Junge ( angeblich soll er 9 Jahre gewesen sein, das Verändern von Kinderalter gehört auch zur Propaganda ) anhand eines Fotos von ihr die Eingebung gehabt, dass diese Frau die Rettung für ihn bedeuten würde. Er hatte seinen Vater – selbstverständlich nur den Vater, in dessen Begleitung er nun auch da war, nicht etwa die Mutter -, daraufhin so lange bearbeitet, bis er es geschafft hat, nach Deutschland zu kommen. Wie, das wurde nicht erwähnt, ob Schleuser bezahlt wurden oder etwa Pässe vernichtet. Das Propagandavideo dazu, auf einem Spielplatz in der Herbstsonne gedreht, war eindeutig in Vorbereitung auf diese Huldigung hergestellt, also inszeniert worden.

Das Parteivolk jubelte. Angela Merkel kanzelte gleichzeitig noch einen anderen Parteigenossen ab, der vorher eine kritische Ansage gemacht hatte und machte ihm klar, dass nicht nur er unter die Bezeichnung Volk fiele, sondern dass alle (also sie selbst) das Volk wären. Führer, die Kinder liebkosen, das ist doch ein uraltes Propagandamittel. Sah man nicht sowohl Hitler als auch Stalin öffentlich Kinder liebkosen? Ulbricht und Honecker im Kreis von jungen Pionieren, das waren die Bilder mit denen ich aufgewachsen bin, übrigens ebenso wie Angela Merkel. Und das dazu frenetisch klatschende Parteivolk sowieso.

Mit der Zeit bin ich nicht mehr so erbittert darüber, dass nach dem Krieg Ost- und Südosteuropa dank der deutschen Invasion unter kommunistische Knute geraten sind. Und vom Westen behandelt wurden, als wären sie zurückgebliebene Hinterwäldler. Der technologische Vorsprung wird ausgeglichen, der Mangel an Reichtum muss nicht immer schlecht sein, aber dass diese Länder leidend erfahren mussten, was Ideologie ist, das kann ein großer Vorteil für sie sein - ich denke, in einem ehemaligen Ostblockland kann man über eine solche Propaganda nur lachen.

Freitag, 25. November 2016

Gibt es einen postfaktischen Arbeitslltag?

Das Mädchen, mit dem ich mich vor kurzem unterhielt, war 11 Jahre – ich spürte etwas Wichtiges in ihrer Überlegung. Wir bastelten zusammen, die Situation war entspannt, und bei solchen Gelegenheiten fangen Kinder oft an zu erzählen, was ihnen durch den Kopf geht. Das Mädchen sagte zu mir: „Wissen sie, was meine Mutter mir erzählt hat?“. In ihrem Gesicht spiegelten sich das Entsetzen ihrer Mutter und auch das ihrige wieder. „Die Reinemachefrau, die unser Zimmer sauber macht, muss um 3 Uhr nachts aufstehen, damit sie hier sauber machen kann!“ Ich musste mir diese Tatsache erst einmal durch den Kopf gehen lassen: Ja, sie steht um 3 Uhr auf, fährt eine Stunde mit dem Auto und muss um 5 Uhr mit der Arbeit in dieser medizinischen Einrichtung beginnen, damit die öffentlichen Räume um 7 Uhr benutzt werden können. Ich sehe, dass die Reinigungskräfte sich immer gegen 14 Uhr auf den Weg nach Hause machen. Es wird wohl so sein.

Über die Reinemachefrau weiß ich nichts. Vielleicht ist sie froh, dass sie überhaupt Arbeit hat. Ihre familiäre Bindung wird so sein, dass sie in ihrer Gegend wohnen bleibt und nicht näher hierher zieht. Wahrscheinlich kann sie sich nicht einmal die Miete hier leisten. Vielleicht hat sie sich daran gewöhnt und findet ihren Arbeitsalltag normal. Garantieren kann ich dafür, dass ihr Verdienst so sein wird, dass sie später eine äußerst geringe Rente bekommen wird.

Was sagte diese kurze Aussage des Mädchens? Sie sagte, dass Kinder mitfühlend sein und einen Blick für Wesentliches haben können. Gefreut hat es mich, dass das Mädchen nicht „das Elend der Welt“, sondern das eines konkreten Menschen in ihrer Umgebung wahrgenommen hat. Weiter hatte ich das diffuse Gefühl, dass an der Gesellschaft etwas falsch ist, wenn Reinemachefrauen um 3 Uhr Nachts aufstehen müssen, um an der Ostsee für wenig Geld Häuser säubern zu dürfen. Es erinnert mich an Berichte über Kreuzfahrtschiffe, wo Menschen in mehr oder weniger Luxus von einer Art Sklavenvolk bedient werden, das vielleicht froh ist, dass es Arbeit hat und die Familie ernähren kann. Ich dachte daran, dass diejenigen, die hier die öffentliche Meinung tragen, steuern und beeinflussen oft und gern moralische und soziale Statements von sich geben. Weniger als Mitgefühl für Menschen, die es schwer haben, höre und lese ich von Verachtung für die AfD. (Vom Wahlverhalten der Reinemachefrauen habe ich selbstverständlich keine Ahnung). Ich stelle mir vor, dass so eine Frau, die um 4 Uhr bei jeder Wetterlage übers Land fährt um Zimmer zu reinigen, zu denen gehört, die „abgehängt“ ist und denen „wir“ versäumt haben, die Dinge nur richtig zu erklären. Postfaktisch kann man so einen Arbeitsalltag nicht bezeichnen, der ist harte Realität.

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