Freitag, 26. August 2016

Eine Wahlprognose für die Landtagswahlen in M/V

kann man anhand der Wahlplakatierung nicht stellen. Doch eine 75 km lange Autofahrt quer durch Vorpommern kann, wenn man kriminalistisches Gespür einsetzt, Interessantes zutage fördern. Vorausgesetzt man entschließt sich ungern dazu, den Blick von der Landschaft und den Dörflein zu lösen.

Tief im Land, das ist nicht zu übersehen, muss die NPD eine treue Anhängerschaft haben, vital, kletterfreudig, mit hohen Leitern ausgestattet, denn ihre Plakate hängen seit eh und je ganz oben auf den Masten. Anhand der Prognosen und starker Konkurrenz nebenan im Parteienspektrum scheint es so etwas wie das letzte Aufgebot zu sein. Aber aktiv sind sie. Die SPD spart mit Plakaten, die CDU ist ein wenig potenter. In Stadtnähe sind beide, wenngleich zaghaft, häufiger vorhanden. An großen Kreuzungen lächelt der Landesvater von der SPD milde von übergroßen Billboards herunter. Sein CDU-Mitregent ebenso. Leicht verschämt ist auf den Plakaten der jeweilige Parteienname vermerkt. Die FDP gibt sich nicht allzu große Mühe oder sie kann es nicht. Nur zwei Typen von ihren Plakaten bemerkte ich, und sie verlangt auf ihnen nicht etwa Bildung, sondern Bildungsbeschleunigung. In Dörfern mischen sich eindeutig NPD und Grün. Oft kann man im Voraus am Aussehen des Dörfchens schon erahnen, wie die Wahlplakate gemischt sein werden. Einträchtig sah ich sie nebeneinander zu Beginn eines Grundstücks und an dessen Ende. Die NPD wünscht sich Kinderreichtum der Urbevölkerung im Lande. An Werktagen sind Kinder in Dörfern kaum zu entdecken, auch nicht in den Ferien. Spielplätze auf Grundstücken weisen darauf hin, dass sie wohl irgendwo doch verborgen sind. Die meisten Parteien halten sich mit Programmatischem zurück. Andererseits gibt es unbekannte Parteien, die sich umso mehr abmühen. In M/V nennt sich eine davon ALFA (anscheinend der intellektuelle Ableger der AfD). Als Kuriosum sah ich, dass die DKP hier und da auch plakatiert hat. Ihre schwesterliche Partei „Die Linke“ wirbt flächendeckend, verlässlich und solide. Aber wo bleibt die große und unbekannte Neue? Fast nicht vorhanden. Lange hielt ich sie für ein Phantom, bis ich bemerkte, dass die AfD recht gezielt an markanten Stellen präsent ist. Allerdings in fast mausgrauem Plakat-Gewand bzw. blaugrau. Kein parteieneigenes Gesicht konnte ich entdecken, die Wahlwerbung war einfallslos und unauffällig. Durch die Effektivität ihrer Postwurfsendungen scheint eine ausufernde Plakatwerbung überflüssig zu sein. Vielleicht verweigern sich aber auch Gestaltungs- und Plakatierungsfirmen „mit Haltung“. Wer weiß?

Weitere Betrachtungen ersparte ich mir. Die Landschaft war viel zu schön, die spärlich vorhandenen Menschen viel zu angenehm und interessant, als dass ich allzu lange meine Aufmerksamkeit der Wahlwerbung widmen wollte.

Samstag, 20. August 2016

Bemerkenswert

Dieses Wort benutze ich nicht allzu oft. Doch die Stunde mit dem 8-jährigen Nachbarsenkel Kalle könnte ich mit diesem Begriff bezeichnen. Schon im vorigen Jahr war dieser Junge zu mir gekommen und webte auf einem Kinderwebstuhl „das längste zusammenhängende Stück“, das je ein Kind bei mir gewebt hat, nämlich 4,20 m lang. Ich hatte ihn als kindlich, hoch intelligent und humorvoll in Erinnerung und willigte gern ein, als er sich wünschte, in diesen Ferien nun in gleicher Breite in gleichen Schussfarben eine Verlängerung die möglichst nicht erkennbar ans erste Stück genäht werden soll, zu weben. Die Umstände drum herum wären eine Geschichte für sich, ich beschränke mich auf das, was ich als „atemberaubend“ empfand.

Wir hatten uns auf „täglich eine Stunde“ geeinigt, was er gewissenhaft einhielt. Er sprach wie viele Jungen in diesem Alter fast ununterbrochen und konnte sich dabei recht gut auf seine Arbeit konzentrieren. Er erzählte unter anderem, dass sein Großvati gesagt hätte, Fernsehen mache dumm, aber das stimmte nach Auffasung des Jungen nicht. Denn er und seine Brüder schauen immer „Galileo“ und daraus wird man schlau. Abgesehen davon, dass er sehr intelligente „Nebenbemerkungen“ machte - ich bekomme sie kaum noch zusammen -, fing er dann zu erzählen an, wie er: "Fritz gestern mit Erlaubnis von dessen Vater über Hitler und Stalin aufgeklärt hat". Es begann damit, dass diese kleinen Burschen sich darüber unterhielten, dass es noch viel Schlimmeres geben könne, als das was im „Herz“ möglich ist (ich fragte ungläubig: Wie meinst du das?, und er zeigte auf seine Brust), und dann hatte Kalle dem Cousin erklärt: Das Schlimmste, was es je auf der Welt gegeben hätte, sei ´Hitler´ gewesen, aber seit vorvorgestern (er war gerade mit seinen Eltern aus Lettland zurück gekommen) weiß er, dass es noch einen gegeben habe, der fast ebenso schlimm gewesen sei, nämlich Stalin. Ich befürchtete, dass er sich Wissen auf „Galileo“ angeeignet hätte - was auch immer das sein möge - und fragte ihn danach, aber er sagte, er habe das von verschiedenen Seiten erfahren. Und dann äußerte er seine Verbitterung darüber, dass Stalin wohl an Altersschwäche gestorben sei, Hitler dagegen habe sich eine Kugel in den Kopf gejagt. Diese Vorstellung fand er noch einigermaßen erträglich. Danach ging es zum Glück mit eifrigen Betrachtungen über Web-Dauer pro cm und Minute usw. weiter. Pünktlich um 7 Uhr als ich ihm anbot noch einige Minuten weiter zu machen, weil wir uns zu sehr verplaudert hatten und nicht alles geschafft war, was er sich vorgenommen hatte, eilte er davon, weil sein Cousin auf ihn wartet. Ich war zu nichts mehr fähig, außer um das aufzuschreiben.

Und ich dachte. ´Auf dass so viel „Herz“ und Intelligenz nicht in die falschen Hände geraten und er bitte eine gute Grundlage dafür finden möge!´. Und ich war beeindruckt davon, wie das Denken "daran" noch über Generationen die Menschen - so oder so – in Atem hält.

Geschrieben am 19.8.2016
Gewidmet Henryk Broder zum 70. Geburtstag am 20.8.2016

Nach kurzer Diskussion habe ich meine ursprüngliche Überschrift berichtigt. Dass Jungen in diesem Alter Gesprächsthemen und -inhalte haben, von denen wir Erwachsenen nichts ahnen, weiß ich aus langjähriger Arbeit mit Kindern. Man sollte sie bemerken, und bemerkenswert sind sie auf jeden Fall.

Mittwoch, 17. August 2016

Reaktionen zum Thema „Lügenpresse“

In diesem Blog schrieb ich zwei Berichte über NDR-Beiträge, die sich damit auseinander setzen, dass Medien hierzulande als „Lügenpresse“ geschmäht werden. (07.5. und 17.7.) Dass der NDR gleich zwei verschiedene lange Beiträge zu diesem Thema gesendet hat, spricht für sich. Nun schickte ich meinen zweiten Beitrag vom 17.07. – spaßenshalber – an den NDR. Ich traute meinen Augen nicht, als ich am 01.08. ein längeres Antwortschreiben erhielt, auf dem systematisch Antwortpunkte aufgelistet waren: Das kann doch nicht sein, dass jemand beim NDR sich so viel Mühe wegen mir macht! Schnell war zu erkennen, dass es eine allgemeine Antwort auf alle diesbezüglichen Zusendungen war, in der der NDR säuberlich auf Kritiken auf den Film einging, indem er sich auf Nebenschauplätze begab, die Zuschauer als ein wenig dumm darstellte und unbedarfte oder drastische Zuschauerzitate anführte, die als Beweis wofür auch immer gelten sollten. Im Übrigen könnte man nicht in 45 Minuten dieses komplexe Thema abarbeiten und es hätte auch viel Lob gegeben. Gedankt wurde allen, die teilnahmsvoll durch ihre Reaktion an dieser Sendung teilgenommen haben.

Die wirkliche Überraschung kam drei Tage später, am 04.08., denn ich erhielt ein echt an mich gerichtetes Antwortschreiben von einem namhaften NDR-Redakteur persönlich. Aus verschiedenen Gründen möchte ich es nicht einfügen, es lohnt sich auch nicht. Eine Überlegung darüber, warum er das „Binnen I“ mal verwandte, bei „Hartz IV-Empfängern“ jedoch nicht, ersparte ich mir. Den sinngemäßen Hinweis des Redakteurs an mich, dass sogar im gesamten Land Hinterwäldler leben, die Groteskes über Flüchtlinge weiter tragen, und die ich wohl wegen des Films nur auf der schwäbischen Alb vermuten würde, könnte man in Nichtigkeit dem zuvor Genannten gleich setzen. Und Anja Reschke und Dunja Hayali, die ich als „wackere Kämpferinnen aus dem Fernsehen“ bezeichnet hatte, wären in Wirklichkeit Journalistinnen mit Haltung. Und so weiter….. Das Schreiben brach mit folgendem Satz ab: „Kritik an Medien muss und sollte sein. Hass und Hetze allerdings sollten nicht zum Regelfall werden. Und dies sollte man doch noch fordern dürfen“.

Die Botschaft wurde verstanden, und ich werde die gesamte Angelegenheit mit einer kurzen Antwort an den Redakteur abschließen in der ich ihn auf meine entsprechenden Blogbeiträge hinweise. So hat er die Möglichkeit, sich noch einmal damit zu befassen oder auch nicht.

Montag, 15. August 2016

Brunnenvergifter

Der Vorwand des Brunnenvergiftens, der Juden in früheren Zeiten angehängt wurde, um sie mit gutem Gewissen ermorden und vernichten zu können, hat heutzutage einen antisemitischen Klang und den hört man in der Gesellschaft, zumindest öffentlich, nicht gern. Da man aber vom Liebgewordenen nicht lassen kann, hat sich das „Brunnenvergiften“ mit der Zeit ins „Wasserentziehen“ gewandelt, was von der Natur her das Gleiche ist: Das Entziehen der Lebensgrundlagen anderer. Auch stellt man in Europa den ungeheuren Vorwurf des Wasserentziehens aus Sorge, des Antisemitismus bezichtigt werden zu können, nicht gern wie früher an Juden direkt, sondern man verlagert ihn nach Israel-Palästina. So wie es die Rede des Deutschen und Vorsitzenden des Europäische Parlaments Martin Schulz einfach illustriert, der im israelischen Parlament, der Knesseth, am 12.2. 2014 anhand von absurd falschen Zahlen den Israeli vorwarf, sie entzögen Palästinensern das Wasser. Weniger verschlüsselt sprach der schon längst nicht mehr demokratisch legitimierte Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmoud Abbas am 23. Juni 2016 vor dem Europäischen Parlament, als er behauptete: „Bestimmte Rabbis in Israel haben ihre Regierung sehr klar dazu aufgefordert, dass unser Wasser vergiftet werden sollte, um Palästinenser zu töten.“ Worauf er für seine Rede großen Beifall erhielt. Martin Schulz, uneingedenk der Aufregung um seine widerlegte Behauptung von vor zwei Jahren, äußerte seine Begeisterung über Abbas Rede. Dass der Vorwurf der Brunnenvergiftung später „zurückgenommen“ werden musste, ändert nichts an dem Vorgang.

Eigentlich muss man sich nicht darüber wundern, wenn am Sonntag, dem 14. August, in der deutschen Hauptnachrichtensendung, der „Tagesschau“, einfach mal so, ohne einen erdenklichen Anlass, nicht einmal aus einem herbei konstruierten, ein Beitrag dazu gesendet wurde, wie Israeli den Palästinensern Wasser entziehen, welches ihnen selbst laut Tagesschau mehr als genügend zur Verfügung steht.

Ob die Nachrichtenredaktion an so einem Sonntag, an dem es sicher viel anderes aus der Welt zu berichten gäbe, tagt und zu der Feststellung kommt: „Nun wird es Zeit, mal wieder „Israelkritik“ zu üben?“ Oder was sich diese Leute sonst so denken mögen, kann ich mir gar nicht vorstellen. Manchmal denke ich, dass Antisemitismus ein Art Geist ist, der einfach seinen Selbstlauf zu nehmen pflegt. Die Vorbereitung der Tagesschau mit einer solchen Nachricht erfordert aber, dass zuständige Redakteure entsprechende Entscheidungen zur Verbreitung dieses Geistes treffen müssen. In letzter Konsequenz müsste es im Interesse jedes Einzelnen sein, sich diesem Geist entgegen zu stellen, denn Antisemitismus verdirbt jede Gesellschaft, was schließlich alle ihre Mitglieder schädigt.

Donnerstag, 11. August 2016

Einschub

Als Einschub ein Hörerbrief (nicht von mir) an den Deutschlandfunk:

" für judenfeindliche Entgleisungen ist Ihr Sender leider hinlänglich bekannt, aber die Selbstverständlichkeit, mit der diese heute von Philine Sauvageot ausgerechnet in „Kultur heute“ in der Glosse „Keine Verbindung - Wie antisemitisch ist ein Berliner Hoteltelefonverzeichnis? Micha Brumlik im Gespräch“ fortgesetzt wurden, ist schon erstaunlich.

Frau Sauvageot untersuchte dabei den heutigen FAZ-Artikel von Claude Lanzmann, der im Hotel Kempinski erleben musste, dass auf Wunsch arabischer Gäste die Vorwahl von Israel aus dem Telefonhandbuch entfernt wurde. Und nun fragt Sauvageot dazu Micha Brumlik unbedarft und allen Ernstes, ob denn Lanzmann zu recht zürne und schließlich, ob Brumlik Lanzmann seine Stellungnahme verzeihe.

In welcher Bananenrepublik leben wir denn eigentlich, wenn Ihre Redakteurin ungeniert und ihr nicht einmal bewusst via DLF derart verquere antisemitische Statements verbreiten darf? MfG "

Die Geschichte scheint eher banal zu sein, aber die Frage der Deutschlandfunkredakteurin (am 11.8. in ´kultur heute´) an den Publizisten Micha Brumlik, der – wie sie betonte – jüdische Wurzeln hat: ob er Herrn Lanzmann verzeihe, dass dieser aus Verärgerung wegen des Fehlens der israelischen Vorwahlnummer im Hoteltelefonservice und der Umstände drum herum einen Artikel in der FAZ geschrieben hat, die muss man sich schon auf der Zunge zergehen lassen. Ich nenne es: ´eine unauffällige Begebenheit, die Kennzeichen einer komplexen Realität ist´.

Nachtrag: Nach einer längeren Diskussion bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass dieser Vorfall gerade nicht banal ist, denn es handelt sich nicht um eine Vorwahl im Telefonservice eines Hotels, sondern eben um: eine unauffällige Begebenheit, die Kennzeichen einer komplexen Realität, nämlich des Antisemitismus, ist.

Samstag, 6. August 2016

Wem gehört das Heilige Land (Teil 3)

Ein Bericht in drei Teilen

Einige Aussagen fand ich über der Grenze des Vertretbaren. Der Abzug von Gaza erfolgte 2005, und bis heute ginge die Abriegelung weiter! Kein Wort von Raketenbeschuss, kein Wort von der blutrünstigen Herrschaft der Hamas, von den Tunneln. Dann fiel der Ausspruch von den Bewohnern des Westjordanlandes, die nun schon 49 (!) Jahre unter Besatzung leben. Hatten sie vorher einen Staat, der ihnen vor 49 Jahren genommen wurde? Wer hat diesen Staat regiert, wer hat ihn ihnen genommen?

Dann folgte ein Überblick über die drei wichtigen Religionen der Region und ihre Geschichte. Der Islam gelte als antijüdisch, das wäre aber pauschal, denn der Islam hätte allerhand aus dem Judentum übernommen. Später wäre der Islam „kritisch“ gegen die Juden geworden. Ich weiß nicht ob er mit „kritisch“ das Abschlachten der gut 700 Juden durch Mohamed meinte oder die Passagen im Koran, dass man jeden Juden, dessen man habhaft werden kann, töten soll, denn davon wurde nichts gesagt. Dass im Alten Testament Verse stehen, die besagen, man solle alles Nichtisraelische ausrotten, das erwähnte er dagegen ausgiebig, las diese Verse vor und meinte, das Blut bliebe einem dabei stehen. Er sagte, dass später, bei den Propheten überhaupt nicht mehr so gesprochen wurde und dass das Judentum Fremdlinge als gleichberechtigt angesehen hatte. Es war also eine umgekehrte Entwicklung wie im Islam, aber das musste sich jeder selbst denken. Über die Christen im Heiligen Land gab er Auskunft, dass sie vor allen Dingen für ihre Gewaltlosigkeit bekannt wären.

Der Vortrag endete ziemlich abrupt. Der gastgebende Pfarrer dankte und lobte die Zuhörer für ihr stilles Zuhören. Die Zuhörer nahmen es sich zu Herzen und blieben weiterhin still, auch nachdem sie zu Fragen aufgefordert wurden. Ich hatte den Eindruck, die vielen Fakten haben sie erschlagen. So meldete ich mich zu Wort, fragte nach der Meinung zu den Gerüchten, dass bei palästinensischen Christen die Bestrebung bestehe, Jesus als einen Palästinenser für sich zu reklamieren. Das verneinte der Bischof kategorisch, er wusste nur, dass Jesus für einen Juden aus Palästina angesehen wird. Als die Zuhörerschaft weiter stumm blieb, fragte ich ob es wahr sei, dass christliche Palästinenser das Westjordanland verlassen und ob das auf Druck der israelischen Regierung geschehe. Der Bischof – immer lavierend – bestätigte die Fluktuation und meinte, dass die Christen starkem Druck von beiden Seiten, der jüdischen und der muslimischen ausgesetzt wären. Die übrigen Zuhörer waren weiterhin nicht zu Fragen animiert, und da ich kein Zwiegespräch halten wollte, enthielt ich mich weiterer Fragen.

Das Publikum klatschte brav und spendete ebenso brav für den Jerusalemverein.

Montag, 1. August 2016

Wem gehört das Heilige Land (Teil 2)

Ein Bericht in drei Teilen

Obwohl der Bischof seinen Vortrag systematisch mit Punkten und Untergliederungen aufbaute, herrschte innerhalb der Punkte wenig Logik, ja sogar Missverständliches. So erzählte er einfach mal zwischendurch, dass sich die jordanische Königin und Frau Netanjahu auf dem Nahostgipfel 1996 unterhielten, und die Königin meinte, die Israeli würden die Araber nicht anerkennen, worauf Frau Netanjahu antwortete: Wir brauchen doch die Araber als Arbeiter! Das sollte vielleicht eine Begründung dafür sein, dass viele Araber in Israel leben oder eine Begründung für etwaige Missachtung der Araber, uneingedenk der Tatsache, dass viele Araber in Israel freier leben als in jedem arabischen Land, und dort ihren Wohlstand und ihre Lebensgrundlage haben.

Die Gründung des Staates Israel wäre aus drei Säulen hervorgegangen, er bezeichnete sie als Sekundärfolge der Shoa: Die starken Einwanderungswellen während der Nazizeit und nach dem Krieg. Weiterhin dem schlechten Gewissen der Welt und einer „Überidentifikation“ mit dem Leiden der Juden. Was er unter Überidentifikation verstand, konnte ich mir nur so auslegen, dass es etwas übertrieben war, den Juden wegen des Holocaust einen Staat zu gewähren. Dass die Shoa (wie er es sagte) etwas ganz Schreckliches war, dieser Meinung war er, allerdings begrüßte er die Gründung Israels nicht. Denn die war mit einer Vertreibung der Palästinenser verbunden, nämlich der Nakba. Dass die Palästinenser überwiegend vertrieben wurden und nicht etwa von arabischen Führern zur Flucht aufgerufen worden waren, das würde der israelische Historiker Ilan Pappe belegen, auf andere wissenschaftliche Erkenntnisse stützte er sich nicht. Warum 20 % der israelischen Einwohner Araber sind, ging daraus nicht hervor. Den Juden die aus den Gebieten vertrieben wurden, die vorher in dem Teil des Landes wohnten, das nicht zu Israel gehören sollte und die dort bedeutende Kulturleistungen erbracht hatten, wurde kein Begriff wie Nakba zugestanden – vielleicht weil sie schon den Holocaust für sich reklamieren konnten. Er war der Meinung, dass es ein Skandal sei, dass die palästinensischen „Flüchtlinge“ bis heute in Lagern leben und von ihren arabischen Brüdern nicht integriert wurden.

Der Bischof vermied es, allzu konkret auf geschichtliche Details einzugehen. Man bekam aber mit, dass dieser Teil der Erde vor dem 1. WK zum Osmanischen Reich gehörte und danach von den Engländern als „britisches Mandat“ verwaltet und beherrscht wurde. Die Engländer hätten nach ihrem Abzug 1948 die Grenzen der Staaten, die neu entstanden, sehr willkürlich gezogen ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der dortigen Volksgruppen. Das kollidiert meiner Meinung nach etwas mit seiner Aussage, dass Land sowieso keine Erlösung bringt. (In dieser Beziehung wundere ich mich – ebenso wie bei Vorträgen und Aufsätzen anderer -, dass die Gründung anderer Staaten wie z.B. Jordanien (am 25. Mai 1946) als selbstverständlich und nicht der Rede Wert angesehen, während die Gründung Israels (am 14. Mai 1948) mit dem Nimbus von etwas, was sich nicht gehöre umgeben ist. Das hat der Bischof allerdings nicht wörtlich gesagt).

Mittwoch, 27. Juli 2016

Wem gehört das Heilige Land? (Teil 1)

(Ein Bericht in drei Teilen)

Diese Frage stellte sich ein norddeutscher Bischof, und da er anderen Menschen seine Gedanken mitteilen wollte, hielt er in verschiedenen Kirchengemeinden Vorträge darüber. Dank meiner vielfältigen Erfahrungen über die zwiespältige Haltung deutscher Christen zum „Heiligen Land“ – ich berichtete mehrfach in diesem Blog – hatte ich den Verdacht, bei so einem Vortrag Interessantes zu erfahren und fuhr in den Nachbarort um ihn mir anzuhören.

Die Veranstaltung fand in einem kleinen Kirchlein statt. Es war gut gefüllt, überwiegend mit Urlaubern. Ein Gastpfarrer aus Chemnitz hielt die Begrüßung und erzählte, dass er zu Hause den Vorsteher der jüdischen Gemeinde gebeten hatte, einen Vortrag über Israel zu halten, und dieser hätte abgelehnt, denn er wäre als Chemnitzer Jude nicht für Israel zuständig. Der Bischof, obwohl ein deutscher Christ, hielt sich durchaus berufen, in Deutschland die Geschichte Israels zu beleuchten.

Sein Vortrag war rhetorisch gekonnt, systematisch aufgebaut und vermied jede emotionale Aussage zum „Heiligen Land“. Der Vortrag strotzte von Zahlen und Daten, was die Besucher etwas verwirrte und ermüdete. Ein Fazit, wem nun dieses Land gehören würde, gab es nicht, und das Publikum blieb mit der Erkenntnis zurück: Es gibt keine einfachen Lösungen.

Kontinuierlich schimmerte durch den Vortrag der Eindruck, dass der Vortragende es nicht für gut befindet, dass Juden in Israel leben und ihren eigenen Staat haben, denn „Land bringt keine Erlösung“ und „Gott bindet sich nicht an ein Territorium“, so war seine Aussage. Viele nebenher ausgesprochene Bemerkungen ließen den Eindruck entstehen, dass Juden in dieser Gegend nicht unbedingt zu Hause sein sollten, denn im 19. Jahrhundert lebten dort nur 17 000 Juden, dagegen 400 000 Araber. Nach mehreren Einwanderungswellen lebten bei der Staatsgründung 1948 600 000 Juden auf dem Gebiet. Dass zu Ende des 19. Jahrhunderts die Idee des Zionismus, den er offensichtlich missbilligte, aufkam, sah er in der Entfremdung zwischen Juden und Christen, in der Entfremdung der Ost- und Westkirche und in dem Aufkommen der Nationalstaaten. Ganz logisch waren der Inhalt des Vortrags und die Begründungen nicht. Der Begriff Antisemitismus wurde vermieden.

Der Bischof meinte, der Zionismus hätte einen Geburtsfehler, denn dieser strebe eine jüdische Parallelgesellschaft an in der nur Juden lebten, während in alter jüdischer Zeit, zur Zeit des alten Testaments, viele Völkerschaften auf dem Gebiet gelebt hätten. Wie viele Araber und andere Völkerschaften auch heute in Israel leben, wurde vorsichtshalber nicht erwähnt. Mehrmals fiel der Begriff: „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“, er sagte aber nicht, dass dieser Satz von christlichen Autoren (höchstwahrscheinlich Lord Shaftesbury) geprägt wurde und nicht die Richtschnur für jüdische Einwanderer war.

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