Mittwoch, 21. Juni 2017

Früher trugen die Frauen auf dem Land auch Kopftücher,

wird manchmal entgegen gesetzt, wenn man Unverständnis über verhüllte Frauen äußert. Aber die Männer trugen schwere Jacketts, lange Hosen, und sie bedeckten ihr Haupt mit einem Hut, der je nach der Region verschiedenartig aussah. Männer trugen auch an heißen Tagen vollständige Anzüge, oft einen Schlips dazu.

Das ist der Unterschied zu dem Bild, das sich mir in der Berliner S-Bahn an einem heißen Frühsommertag bot: Eine junge Familie. Zwei kleine Mädchen sprangen fröhlich herum. Dazu eine schwangere Frau. Die Arme, der ganze Körper bis auf das Gesicht war in dickes schwarzes Tuch gehüllt. Daneben ein Mann mit einem luftigen kurzärmligen weißen T-Shirt. Der Mann war der Frau in keiner Weise zugewandt, fast mürrisch und mit unbewegten Gesichtszügen ließ er das Familienleben neben sich ergehen. Letzteren Umstand kann man manchmal auch bei nichtmuslimischen Familien sehen, aber viel seltener. In jungen Familien sind fast immer Mann und Frau gleichsam den Kindern zugewandt. Wenn jemand sagt, es wäre Glaube oder Tradition, dass man sich in muslimischen Familien so verhält wie beobachtet, dann kann ich nur sagen, dass es keine schöne Tradition ist.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Geschichte: In einer kleinen Stadt in Mähren (Teil 5 / Ende)

Im Gymnasium

Auch dem Gymnasium, einem schönen barocken Bau inmitten der Stadt, statteten wir einen Besuch ab. Vor dem Eingang waren Tafeln angebracht, die an Helden des zweiten Weltkriegs, die dieses Gymnasium absolviert haben, erinnern: an den Fallschirmspringer Oldrich Pechal, Unteroffizier der tschechischen Auslandsarmee, der nach seinem Fallschirmabsprung über der Slowakei verraten wurde und nach seiner Festnahme gefoltert und im KZ Mauthausen hingerichtet wurde

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und an Vladimir Nedved, Offizier der Royal Air Force, der in der tschechischer Auslandsarmee in vielen Luftschlachten mitgekämpft hatte. Nach dem Krieg begann er die neue tschechische Armee mit aufzubauen, wurde dabei jäh durch den kommunistischen Umsturz 1948 unterbrochen und dieses Ereignis zwang ihn, wie so viele tschehchische Kämpfer der britischen Auslandsarmee, zu einer erneuten Emigration. Er starb hoch geehrt in Australien.

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Im Inneren des Gebäudes stieß man direkt wenn man die Treppe herauf ging, auf eine Gedenktafel, die an die Opfer aus dieser Stadt in den Jahren 1939 - 1945, erinnerte. Wir waren erstaunt über die konzentrierte Atmosphäre, in der die Schüler sich ruhig durch das Gebäude bewegten. Die Tafeln wurden von den Schülern natürlich nicht beachtet. Es muss auf sie aber eine Wirkung haben, wenn sie täglich an Tafeln vorbei gehen, die daran erinnern, dass Menschen aus ihrer Stadt einst ihr Leben lassen mussten oder sogar freiwillig ihr Leben für die Befreiung ihres Volkes gelassen haben.

So überlegte ich, wie es wäre, wenn an einem unserer Gymnasien Tafeln in dieser Art angebracht wären: General soundso hat Heldenhaftes beim Versuch, Stalingrad einzunehmen geleistet oder gar SS-Sturmbannführer so und so hat ….. Das wäre wohl in einem deutschen Gymnasium nicht möglich, und man verlegt die Ehrung von deutschen Heldentaten in Bundeswehrkasernen, Kriegerfriedhöfe oder in oder an Kirchen, wie z.B. ans Autobahnkirchlein Duben („1939-1945 ihren gefallenen Helden…“).

Der Unterschied zwischen den beiden verschiedenen Arten von Helden liegt darin, dass die tschechischen Helden ihren Tod bei der Verteidigung des eigenen Landes fanden, den deutschen Helden muss man den Vorwurf machen, dass ihr Tod in der großen Mehrheit im Ausland bei der Unterdrückung besetzter Völker geschah.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Geschichte: In einer kleinen Stadt in Mähren (Teil 4)

Kapitalisten

nannte man in der Zeit des Sozialismus die Menschen, die über Produktionsmittel verfügen. Diese kleine Stadt in Mähren musste sich wie die gesamte Tschechoslowakei ab 1948 dem Diktat des Kommunismus beugen, obwohl niemand sich ihn herbei gewünscht hatte. Der Vater von Herrn Tichý wurde alsbald als Kapitalist bezeichnet, weil er ein Schneider war und seine Nähmaschine ein Produktionsmittel. Ebenso erging es der jungen Frau M. Sie war eine allein erziehende Mutter, in dieser Zeit etwas sehr Seltenes. Sie hatte sich entschlossen, ihre kleine Tochter allein groß zu ziehen. In ihrer Wohnküche nähte sie für die Frauen der Stadt elegante und extravagante Kleider. Das Mädchen - jetzt eine Großmutter - beschreibt in ihren Erinnerungen, wie schön es in ihrer großen Stube war, die Wohn- Schlaf- und Schneiderzimmer und Küche zugleich war, wenn die Mutter mit den Kundinnen im munteren Gespräch war und das Mädchen dabei mit den Schneiderutensilien spielte. Diese schöne Kindheit wurde 1948 jäh unterbrochen - das Kind war 5 Jahre -, denn die Mutter wurde als Kapitalistin identifiziert, mit Privateigentum an Produktionsmitteln, nämlich ihrer Nähmaschine. Dasmusste schnellstens unterbunden werden. Die Frau wurde in eine Konfektionsfabrik gesteckt, wo sie wie am Fließband an der Fabrik-Nähmaschine saß und die Weisungen ihrer Brigadierin zu befolgen hatte. Was das für eine selbständige Frau ihres Formats bedeutete, kann man nur erahnen. In der Stadt gab es nun keine vernünftige Schneiderin mehr und die Frauen mussten sich mit der Kleidung aus der Konfektionsfabrik begnügen. Organisierte Kinderbetreuung gab es damals noch nicht, und das kleine Mädchen wurde zu fremden Menschen gebracht, wo sie etwas zu Essen bekam, aber wo ansonsten sie sich selbst überlassen war.

So sieht es aus, wenn man eine Doktrin über das Leben stellt, und das sind nur kleine Fälle. Ganze Generationen von Menschen haben sich damit auseinander setzen müssen.

Montag, 5. Juni 2017

Geschichte: In einer kleinen Stadt in Mähren (Teil 3)

Der bedeutendste Sohn der Stadt

aus dem letzten Jahrhundert war der Maler Miroslav Tichý. Lange war er nur ein in dieser Stadt bekannter Einzelgänger, ein „Stadtstreicher“, ein „schwarzer Mann“, der manchmal den Kindern, die sich nicht waschen wollten, von Müttern als abschreckendes Beispiel gezeigt wurde. Die Geschichte ist wahrlich nicht spurlos an ihm vorbei gegangen, ja sie hat ihn wohl zu dem gemacht, der er dann geworden ist. Ein akademisch ausgebildeter Maler, der abrupt aufgehört hatte zu malen, und der wegen seines Einzelgängertums sowohl im kommunistischen Gefängnis als auch wiederholt in der Psychiatrie gelandet war.

Als ich ihn kennen lernte, vor mehr als 40 Jahren, war er bereits in einer Phase, wo er sich nie wusch und immer die gleiche, vor Schmutz starrende, mit Draht geflickte Kleidung trug und in einem Schuppen auf dem Hof seines Elternhauses wohnte. Er war dafür bekannt, dass er aus Materialien aus dem Müll selbst Kameras bastelte und damit Frauen im Schwimmbad oder auf dem Sportplatz fotografierte. Er hatte ein sehr angenehmes Wesen und freundliche, intelligente Gesichtszüge. Seine Zeit verbrachte er außer mit Fotografieren damit, dass er in der Stadt mit einigen ihm gut bekannten Menschen philosophierte. Ich habe ihn oft besucht. Seine Mutter servierte in der blitzsauberen Küche schwarzen, süßen Kaffee und Herr Tichý saß wie ein Wesen aus einer anderen Welt, aber nicht wie ein Fremdkörper dabei, und wir plauderten meist über die aktuelle Weltlage.

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Vor jedem staatlichen Feiertag wurde Herr Tichý in die Psychiatrie eingeliefert, damit etwa verirrte Österreicher nicht bei einer 1. Mai-Feier entdecken, was für „verwahrloste“ Menschen es in der Tschechoslowakei gibt. Immer bangte ich, ob er nicht nach dem Tod der Mutter aus seinem Haus vertrieben und für immer eingesperrt werden wird. Die Mutter hielt durch bis zum Jahr 1989, und danach wurde Herr Tichý nicht mehr behelligt.

Ja, und im Jahr 2004 schlug ich eines Tages die „Zeit“ auf und stieß einen Schrei aus: Ein ganzes Dossier war Herrn Tichý gewidmet, er war „entdeckt“ und über Nacht weltberühmt geworden! Nicht seine Gemälde, sondern seine originellen, verschwommenen Fotografien hatten ihn berühmt gemacht, und es gab Ausstellungen in New York, Mailand, Paris, Berlin, Peking, Tokyo, um nur einige zu nennen..

Den späten Ruhm hat er kaum noch genießen können. In den letzten Jahren war durch Krankheit und durch seine Lebensweise geschwächt. Und so ist Herr Tichý, einst ein Stadtoriginal, nun ein Mensch der Stadtgeschichte, über den Bücher in der Stadtinformation angeboten werden.

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Seine Betreuerin möchte, dass Herr Tichý ein würdiges Denkmal hat

Sein Förderer, der für seine Entdeckung gesorgt hat, ein Schweizer, der seine Wurzeln in dieser Kleinstadt hatte, und die Frau, die ihn in seinen letzten Jahren betreute und zu seiner Erbin wurde, kümmern sich um seinen Nachruhm – jeder auf seine Weise.

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Der Schweitzer unterhält in seinem ehemaligen Großelternhaus ein schon etwas verwahrlostes Schaufenster, das Herrn Tichý authentisch repräsentieren soll.

Beide Würdigungen werden ihm nicht gerecht.

Sonntag, 28. Mai 2017

Geschichte: In einer kleinen Stadt in Mähren (Teil 2)

Lenin auf dem Gerümpelhaufen der Geschichte

Auf dem Marktplatz steht eine barocke Mariensäule, die ein Kardinal im Jahre 1620 der Stadt widmete als Dank dafür, dass diese treu katholisch am Anfang des 30-jährigen Krieges nach der „Schlacht am weißen Berge“ zu Kaiser Ferdinand gehalten hat.

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In den langen Jahren des Kommunismus war man bestrebt, im gesamten sowjetischen Herrschaftsbereich jegliche Spuren von unliebsamer Geschichte zu tilgen. Wenn man es genau nimmt, sollte es gar keine Geschichte geben, der Mensch sollte in ein funktionierendes Rädchen in einem Getriebe gemäß der Marx´schen Theorien umgewandelt werden. Alles, was nicht in dieses Bild passte, wurde beseitigt.

Ein Krieg zwischen Religionen und nicht etwa zwischen Klassen, passte überhaupt nicht ins Geschichtsbild, und so verschwand die Mariensäule, sozusagen das Herz der Stadt, in den 70-ger Jahren auf dem Gelände eines augehobenen Friedhofs. Die Menschen der Stadt hatten aber noch nicht die Entwicklungsstufe erreicht, die für die kommunistische Gesellschaft angestrebt war, und so traute man sich nicht, die Statue zu zertrümmern.

Und Maria musste aus gutem Grund weg - an ihrer Stelle wurde auf den Marktplatz ein Lenindenkmal aufgestellt. Genau gesagt war es ein halber Lenin, denn dem mährlisch-pragmatischen Stadrat war eine ganz Staute zu teuer und so soll der Bildhauer gesagt haben, dann mache ich euch eben eine halbe. Verbürgt ist, dass Lenin für einige Minuten lang kein kommunistisches Monster war, sondern eine individuelle Note bekam: ein Rucksack hing auf seinem Rücken, als bei der Enthüllung die Verdeckung fiel, und der Übeltäter wurde nie ermittelt!

Nichts verschwand nach der „samtenen Revolution“ so schnell vom Marktplatz wie die Leninstatue. Wir haben sein Versteck in einer städtischen Werkstatt entdeckt, wo er mit erhobenem Arm versucht, seiner Auferstehung entgegen zu harren. Viele Lenindenkmäler dieses Landes sollen nach Russland zu einem günstigen Preis verkauft worden sein, denn dort besteht immer noch Bedarf nach diesem glorreichen Führer.

Die Mariensäule steht selbstverständlich seit Langem wieder vor dem Rathaus.

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Dienstag, 23. Mai 2017

Geschichte: In einer kleinen Stadt in Mähren (Teil 1)

Das Loch in der Stadt

Diese Kleinstadt in Mähren, die ich seit über 40 Jahren kenne, ist schön gegliedert. Die Straßen laufen auf den Marktplatz zu. Um diese Straßen gruppieren sich weitere Gassen, es gibt einen Stadtpark, Gewerbegebiete, Sportanlagen. Die Anlage aller Straßen und Plätze kann man sich durch ihre Funktion erklären. Nur das unbebaute, brache Gebiet direkt hinter dem Rathaus gibt Rätsel auf. Warum ist diese Stelle leer, nur von einigen kleinen Bäumen bestanden? Inzwischen hat sich wegen des erhöhten Verkehrsaufkommens dort ein Parkplatz etabliert.

Ich vermute, unerklärliche „Löcher“ im Stadtbild ergeben sich in vielen Städten Osteuropas. Es sind die Orte, in denen früher Juden gewohnt haben. In dieser Stadt wurde das jüdische Viertel nicht liquidiert, es verfiel nach dem Krieg, weil keine Bewohner mehr vorhanden waren. Über 500 Juden aus einer Stadt von 10 000 Einwohnern sind in den Konzentrationslagern verschwunden. Dass das jüdische Viertel zwar nicht dem Erdboden gleich gemacht wurde, aber dass die Gebäude mit Gewalt beschädigt wurden, zeigt ein Foto, auf dem deutsche Soldaten dabei sind, die Türen und Fenster der Synagoge einzuschlagen.

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In der Zeit des Kommunismus hat man schließlich das verfallenen Viertel abgerissen und auf einem Teil des gewonnenen Raumes ein Kulturhaus errichtet. Erst nach Ende der kommunistischen Ära war es möglich mit einer Gedenkstele an das jahrhunderte lange Vorhandensein einer jüdischen Gemeinde in diesem Ort zu erinnern.

Dienstag, 9. Mai 2017

Die Vertriebenen

Es gibt Momente, die Auslöser sind für eine sich immer weiter ziehende Gedankenkette. Bis dahin nahm man die Dinge eben so wie sie sind oder wie man sie gehört hat. Für mich so ein auslösender Moment war, als ich mit zwei sudetendeutschen Frauen während einer Israel-Reise an einem Tisch saß. Unsere israelische Reiseleiterin – damals eine Frau von etwa 60 Jahren -, war dem Holocaust entkommen, weil ihre Eltern rechtzeitig aus der damaligen Tschechoslowakei nach Palästina geflohen sind. Die Reisegruppe war von einer Pfarrerin organisiert, demzufolge waren die Teilnehmer größtenteils christlich. Einige Pfarrerehepaare waren dabei, denn die Reise fand in den 90-ger Jahren statt, als es tatsächlich noch Pfarrer gab, die Interesse am „Heiligen Land“ hatten. Mag es auch ein recht zweifelhaftes Interesse gewesen sein.

Die erste sudetendeutsche Frau war also die Reiseleiterin, die andere eine Pfarrfrau, mit der ich gut bekannt bin. Ihr ansonsten glückliches und erfülltes Leben war von dem Trauma der Vertreibung aus den Sudetengebieten 1946 überschattet, und sie ließ keine Gelegenheit aus, darüber zu klagen. Sie war anderen Menschen zugeneigt, und so unterhielt sie sich mit der Reiseleiterin und sprach den für mich legendären Satz aus: „Da haben sie aber Glück gehabt, dass sie rechtzeitig geflohen sind“.

Zuerst dachte ich erst einmal gar nichts, aber ich hatte das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Beide haben doch das gleiche Schicksal erlitten, im Abstand von 8 Jahren. Warum soll es für die eine ein Glück gewesen sein, für die andere die Tragik ihres Lebens? Welches Recht hatte die nichtjüdische Vertriebene der jüdischen Vertriebenen zu sagen, sie hätte Glück gehabt mit ihrem Schicksal. Wollte sie ihr damit gnädig zugestehen, dass sie dadurch vor dem Unglück, in einer Gaskammer erstickt worden zu sein, verschont wurde?

Die gleiche vertriebene Pfarrfrau hat im Lamentieren über ihr Schicksal auch den Satz gesagt: „1946 hätte sie erfahren, dass es nicht nur gute Menschen auf der Welt gibt“. Damals, etwas geübter im Argumentieren, antwortete ich, "was denn wohl andere Menschen hätten sagen sollen, die schon vor 1946 erfuhren, dass es nicht nur gute Menschen auf der Welt gibt?" Solche unbotmäßigen Fragen lösten nie etwa eine erbitterte Diskussion aus, sondern nur betretenes Schweigen. Und ich hütete mich, weiter zu bohren, waren es doch immer Menschen, die ich gern hatte und von denen ich im Leben Gutes erfahren habe.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Dunkle Schatten in der Nachkriegszeit: Verzeihung auf dem Totenbett

Manch einer sagt, die Nachkriegszeit wäre 1990 zu Ende gegangen, manch einer sagt sogar, der 2. Weltkrieg wäre 1990 zu Ende gegangen. Man kann es so sehen oder man kann es so sehen. Fest steht, dass der Weltkrieg weiter in den Köpfen der Menschen spukt, und es gibt sogar Leute, die noch nicht zur Kenntnis genommen haben, dass er überhaupt zu Ende ist.

Wenn man in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgewachsen ist, macht man sich keine Gedanken um solche Definitionen, man wächst einfach auf und befasst sich nicht mit den Dingen der Vergangenheit. Erst wenn man erwachsen ist, ja lange nachdem man erwachsen geworden ist, wird einem bewusst, welche Schatten die Vergangenheit geworfen hat.

In meiner Kindheit gab es ein unheimliches Ereignis, über das ich mit niemanden sprach, das mich sehr beschäftigte. Der Opa meiner Freundin verließ eines morgens das Haus um in den Garten zu gehen und wurde nie wieder gesehen. Keine Spur, keine Leiche, nichts. Viele Jahre später fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ach: 1960! Das sind ja nur 15 Jahre nach Kriegsende, das hing sicher damit zusammen.

Weitere Jahrzehnte später fragte ich die Freundin, ob man jemals noch etwas über den Opa gehört hätte. Sie sagte, dass es nicht die geringste Spur gegeben hätte bis auf eine seltsame Begebenheit: Bald nach Verschwinden des Opas lag im Briefkasten der Familie ein Umschlag mit nichts anderem als einem Foto des Opas aus den 30-ger Jahren, wie er beim Besuch Hitlers in seiner Heimatstadt die Hand zum Hitlergruß hebt.

Außerdem erzählte die Freundin mir eine lustige Geschichte. Bald nachdem sie ihren Mann, einen Slowaken, geheiratet hatte, besuchte meine Freundin die alte Großtante, für die sie nie Sympathie hegte. Bei der Gelegenheit stellte sie ihren Mann vor. Die Tante, schon kurz vor ihrem Tod, war kaum noch in der Lage zu sprechen, aber so weit brachte sie es noch: „Ich hab´ gehört, es ist kein Deutscher.“ „Ja“. Du hast wohl keinen Deutschen gefunden?“, „Nein“. Die Tante rollte mit den Augen. Die Nichte war schon dabei, das Zimmer zu verlassen, da rief die Tante ihr hinterher: „Aber ich verzeih´ dir!“

Diese Großtante war die Schwester des verschwunden Opas.

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