„7. Oktober - Stimmen aus Israel“

Der Almanach „7. Oktober – Stimmen aus Israel“ wurde zum ersten Jahrestag des Überfalls der Hamas zusammengestellt und von der Professorin am Europäischen Forum der Hebräischen Universität Jerusalem Gisela Dachs herausgegeben. Die Publizisten des Almanachs bieten ein breites Spektrum an Berufen: Journalisten, Professoren, Schriftsteller, Religionswissenschaftler und andere geben ihre Gedanken zu den Geschehnissen des 7. Oktobers und des darauffolgenden Kriegs Israels gegen die Hamas wieder.

Stimmen

Die Themen, die sie anreißen und ihre Einstellung zu diesen geschichtlich brisanten Ereignissen sind ebenfalls breit gefächert. Gleich ist allen, dass sie den 7. Oktober als eine Zäsur für den Staat Israel und seine Bewohner ansehen, der schwerwiegende Folgen für die Zukunft hat. Viele schildern als erstes, wie sie selbst diesen Schreckenstag erlebt haben, ob zu Hause in Israel, oder z.B. in Dänemark bei einer Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Rettung der dänischen Juden oder sogar in einem Bunker in einem Kibbuz. Manche befassen sich mit der Einstellung der UNO-Organisationen, mit den antisemitischen Ausschreitungen im Ausland.
Bei manchen spielt das Verhältnis der Israeli zu Arabern und zu Einwohnern von Gaza eine Rolle.

Daniel Mahla untersucht, wie das innerisraelische Verhältnis zwischen den Volksgruppen gelitten hat und stellt mit Erleichterung fest, dass es nach den ersten Irritationen keine Ausschreitungen an der Universität Haifa und auch sonst im Land gegeben hat. Gideon Reuveni macht sich Gedanken, ob es trotz der Schrecklichkeit des Geschehens nicht vielleicht eine Annäherung zwischen den Völkern geben könnte, analog wie sich das deutsch-israelische Verhältnis nach dem 2. WK entwickelt hat. Ghilad Shenhav setzt sich mit einer Rede eines radikalen Rabbiners auseinander, der ein „Groß Israel“ gefordert hatte, die Shenhav ablehnt, aber der Meinung ist, mit radikalen Vorstellungen muss man sich auseinandersetzen. Assaf Uni schildert, wie er sich als Korrespondent nach dem Massaker den Kibbuz Be´eri angesehen hat, seine Eindrücke und seine Erschütterung.

Einige Publizisten machten sich Gedanken, ob Israel auch genug Empathie für die Gaza-Einwohner habe. Es wurde angemerkt, dass israelische Medien – in Umkehrung der Weltmedien – den Krieg einseitig darstellen und unangenehme Bilder nicht senden. Arad Nir übertreibt es meiner Meinung nach, denn er hat den Verdacht, nein er behauptet sogar, dass nicht etwa Politiker auf die Medien einwirken, sondern dass reine Geldgier die Medien in Israel dazu bringt, genau das zu zeigen, was das Publikum sehen will, damit die israelischen Konsumenten sich als Opfer empfinden können. Wenn man bedenkt, wie viele Israeli tatsächliche Leiden in vieler Hinsicht durch den Krieg hatten, ist diese Behauptung schon eine Frechheit.

Gershon Baskin ist ein Friedensaktivist, der schon immer Kontakt mit Palästinensern hatte. So hatte er nach dem 7.10. private Verhandlungen über die Befreiung von Geiseln geführt, erfolglos wie bekannt ist. Die Schilderung seiner Telefonate mit seinem palästinensischen Bekannten zeigt ein recht gutes Bild von der Denk- und Handlungsweise von Palästinensern.

Ein wenig unfair kam mir die Meinung von Ayelet Gundar-Goshen vor, die der israelischen Regierung unterstellte, dass sie die Bevölkerung bewusst in einem Zustand der Hysterie, Wut und Rachgier halten wollte, um einer nüchternen Debatte über die Kriegsziele aus dem Wege zu gehen. Musste jemand nach diesem Massaker und diesen Verwerfungen künstlich Gefühle schüren?

David Grossmann zeigt eine ambivalente Haltung, er ist praktisch hin und hergerissen. Er ist erschüttert über das Ausmaß der Grausamkeiten, das die Opfer des 7.10. erlitten haben, er bewundert die jungen Leute, die aus aller Welt nach Israel zurück strömten, um für ihr Land zu kämpfen, er beklagt, dass man es in vielen Teilen der Welt für legitim hält, zur Vernichtung Israels aufzurufen. Aber er beklagt auch das Leiden der Menschen in Gaza, empfindet Schuld angesichts des Sterbens unschuldiger Gaza-Bewohner, und kann sich nicht vorstellen, dass es keine Zweistaatenlösung geben sollte, wenn auch nach Verzweiflung und Erschöpfung.

Insgesamt sind es 20 Schriftsteller, die in dem Almanach zu Wort kommen. Mir erscheint die Sprache und die Denkweise einiger Publizisten etwas zu gewollt intellektuell. Die Schilderung von Amir Tibon, wie er 9 Stunden im Kibbuz im Bunker eingeschlossen mit seiner Familie auf die Befreiung wartete ist dem direkten Erleben geschuldet und deshalb am meisten authentisch. Es ist auf jeden Fall interessant, ein breites Spektrum von Ansichten und Denkweisen aus Israel zu erfahren.

Im Luftreich des Traums

gegen Ideologien

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Familie Bibas
Auch mich,so wie unzählige Menschen berühren und erschrecken...
anne.c - 22. Feb, 19:03
„Gerade wir als Deutsche...
Ein oft gehörter Satzanfang, meistens eine Plattitüde,...
anne.c - 16. Feb, 19:15
„7. Oktober - Stimmen...
Der Almanach „7. Oktober – Stimmen aus Israel“ wurde...
anne.c - 7. Feb, 22:40
Buchbesprechung „Stimmen...
Im Internet fand ich den Hinweis auf eine Veranstaltung...
anne.c - 4. Feb, 19:04
Zitate aus dem "Spiegel"
-------------------------- -------------------------- --------...
anne.c - 29. Jan, 19:58
"Geschichtsbewältigung"
In der jüdischen Rundschau war ein Artikel über die...
anne.c - 17. Jan, 12:13
Wem gehört das Heilige...
Die Gründung des Staates Israel wäre aus drei Säulen...
anne.c - 8. Jan, 09:45
Wem gehört das Heilige...
Da im letzten Beitrag die Links nicht funktionierten,...
anne.c - 4. Jan, 19:39
Anne - bei den Links...
Anne - bei den Links in deinem Beitrag hast du das...
NeonWilderness - 1. Jan, 13:28
Schade, ich bekomme es...
Schade, ich bekomme es selbst nicht auf. Ich muss mal...
anne.c - 31. Dez, 20:49

Links

Suche

 

Status

Online seit 4943 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 22. Feb, 19:03

Disclaimer

Entsprechend dem Urteil des Landgerichts Hamburg vom 12.05.1998 gilt für alle Links und Kommentare auf diesem Blog: Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller verlinkten Seitenadressen und aller Kommentare, mache mir diese Inhalte nicht zu eigen und übernehme für sie keinerlei Haftung.

Impressum

Anne Cejp
Birkenstr. 13
18374 Zingst