Mittwoch, 12. Juli 2017

Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 6)

Ein Vortrag über die Passionsmusiken von Johann Sebastian Bach

Den Vortrag „Judenfeindschaft in den Passionsmusiken?“ von Professor Dr. Johann Michael Schmidt, einem Bibelwissenschaftler und Alttestamentler aus Köln, kann man als Höhepunkt des Seminars bezeichnen. Er ragte heraus, weil er ein in sich geschlossenes Ganzes bildete, im Gegensatz zu den anderen Vorträgen, die eher eine Ansammlung von Fakten waren, zum Teil ohne inneren Zusammenhang, und bei denen dem Zuhörer überlassen blieb, was er damit anfangen konnte.

Professor Schmidt betonte die ungeheure emotionale Wirkung, die die Matthäuspassion hervorruft. Dass das Textbuch bzw. die Texte der Evangelien, auf die es sich bezieht, eine starke judenfeindliche Einstellung und Wirkung haben, daran ließ er keinen Zweifel. Er sprach über Texte aus dem Neuen Testament, die darauf angelegt waren, anfangs die Judenchristen, später die Christen allgemein gegen die Juden auszuspielen und die Juden in ein möglichst schlechtes Licht zu stellen. Das führte zur Entwicklung der religiösen Judenfeindschaft und zog eine Blutspur durch die Geschichte.

Viele interessante Details rund um die Passionen erzählte er, sowohl von der Stimmung bei der Wieder-Aufführung der Matthäuspassion durch Mendelssohn als auch darüber, wie nach dem 2. Weltkrieg die Passionsmusiken, ähnlich wie die Wagnermusiken, einen neuen Höhepunkt im deutschen Musikgeschmack erlebten. Aus den Ausführungen entstand der Eindruck, dass die Judenfeindschaft der deutschen Kirchen durch den Holocaust nicht beendet, sondern dass sie sozusagen kulturell transmittiert wurde.

Wie Zahlen- und Wortsymbolik in die Musik umgesetzt wurden, schilderte der Professor eindrücklich. Er erwähnte, wie Bach in unmittelbarer Tradition zu Luther stand und sprach darüber, dass die Choräle die Theologie des 17. Jahrhunderts widerspiegelten. Im gesamten Vortrag schimmerte durch, dass Professor Schmidt eine innige Beziehung sowohl zur Musik Bachs hat als auch zu der Thematik, die den Passionen zugrunde liegt. Das bewies er eindrucksvoll, als er auf dem Flügel eine Passage zu: „…sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ spielte. Er sagte, dass er durch seinen Beruf viele jüdische Freunde gewonnen habe, und er hätte sich angewohnt, die Musik auch „durch ihre Ohren“ zu hören.

Der Beifall nach diesem Vortrag war ungewöhnlich lang, obwohl ich mir vorstellen kann, dass nicht jeder Zuhörer glücklich damit war, - die Aussage meines Bekannten bestätigt es -. Doch die Art des Vortrags und die eindrückliche persönliche Beziehung, die der Vortragende sowohl zu seiner Thematik als auch zu seinen Zuhörern ausstrahlte, beeindruckten wahrscheinlich jeden im Raum.


Als Ergänzung zur Schilderung des Vortrags füge ich einen Text an, den ich am 20.4.2014 über einen Besuch der Matthäuspassion in der Merseburger Stadtkirche in diesem Blog geschrieben habe:
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20.4.14
Der Dirigent erschien mir nicht als der über allen Dingen stehende Orchesterleiter, sondern als Teil des Geschehens. Fast könnte man sagen: Er war die Matthäuspassion. Aber auch der Chor und die Interpreten waren das, was sie sangen. Die blutrünstige Menge, die zart und tief empfindende Christenheit. Der Evangelist erschien mir wie ein Einpeitscher. Er stand nicht vor dem Chor, wie es meistens üblich ist. Vielleicht war es den räumlichen Gegebenheiten geschuldet, vielleicht war es ein regieartiger Einfall. Er sang aus der Mitte, aus dem Chor heraus. Hart und böse kommentierte und erzählte er. Insgesamt war es eine hoch musikalische und zugleich ausdrucksvolle Aufführung. Gerade weil der Inhalt so überzeugend dargebracht wurde, kann man sie auch als erschreckend bezeichnen. "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" - schrie die Menge, und der Zuhörer weiß, dass es eine jüdische Menge sein soll. Ich habe tatsächlich schon einmal die Aussage gehört, der Holocaust wäre die Erfüllung jener Ansage, jedenfalls könnte man ihn so interpretieren. Also, die Juden hätten bei der Forderung nach der Kreuzigung Jesu ihre Vernichtung selbst prophezeit und sozusagen billigend in Kauf genommen. Derjenige, der das sagte, war entsetzt über den Holocaust, aber er konnte in dieser "schlüssigen" Feststellung eine Erklärung finden.
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(Fortsetzung folgt)

Im Luftreich des Traums

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