Freitag, 7. Juli 2017

Bericht über eine Tagung: „Antisemitismus in den Medien“ (Teil 4)

Das zweite Referat

am Samstag Morgen stand der Titel „Antisemitismus mit gutem Gewissen - Debatten über Judentum und Israel in den deutschen Printmedien" auf dem Programm. Der junge Referent, ein Philologe, hat dieses ausufernde Thema recht gut behandelt.

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Wieder wurden verschiedene Diskussionen und Figuren, die sich in der letzten Zeit um den Antisemitismus verdient gemacht hatten, angerissen. Im Gegensatz zu seinem Kollegen vom Vortag, der in antisemitischen Aussagen hier und da ein „Körnchen Wahrheit“ entdecken konnte, sprach er ziemlich eindeutig darüber, dass eine Gegenüberstellung, ja sogar eine Gleichstellung von Israel und dem Geschehen in der Nazizeit eine Geste der Schuldabwehr sei. Er referierte über Leugnung, Relativierung, das Reden über „jüdische Rachsucht“ und führte überzeugende Beispiele an. Ob Jakob Augstein ein Antisemit wäre, darüber wurde zum Glück nicht geurteilt, dafür wurden aber einige seiner drastischsten Aussagen zitiert. Im Vortrag, ebenso wie im Vortrag vom Abend zuvor, wurden die „drei Ds“ thematisiert, die Antisemitismus kennzeichnen: Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards in der Beurteilung. Von der verbreiteten Täter-Opfer-Umkehr war die Rede. Wegen der zeitlichen Beschränkung konnte auch hier vieles nur in Kürze angerissen werden. Einige heftige Debatten aus den Medien hätten vielleicht etwas näher beleuchtet werden können, weil Beispiele oft überzeugender sind als Theorie.

Fast alle Referenten waren bei der gesamten Tagung anwesend und hörten ihren Kollegen zu. So äußerte sich der Referent vom gestrigen Abend lobend über den Kollegen, hatte aber den Einwand, dass der „Zentralrat“ (nämlich: der Zentralrat der Juden, der bei aufklärenden Veranstaltungen über Juden manchmal wie ein leicht dämonischer Geist über allem schwebt) oft überzogen reagiere und immer bereit sei, etwas zu skandalisieren. Offensichtlich hatte der Antisemitismusforscher die „drei Ds“ außer Acht gelassen und war seinem inneren Impuls gefolgt, denn sowohl mit dem „Körnchen Wahrheit“, als auch mit der Diffamierung des „Zentralrats“ folgte er dem bekannten Muster. Eine Frau fragte, ob er denn ein Beispiel dafür hätte. Zu einer Antwort kam es nicht, und sein Kollege, also der heutige Referent, war sogar der Ansicht, dass der Zentralrat durch den ständigen Druck unter dem er lebe, manches sehr nachsichtig behandele, z. B. hat er Antisemitismus bei Augstein abgestritten.

Bedauerlich war die Tatsache, dass kein konkreter antisemitischer Vorgang in Medien ausführlich erörtert wurde. Der Tagesschaubeitrag vom 14.8.2016 über den „Wasserentzug von Israel in Palästinensergebieten“ wäre beispielsweise ein anschauliches Diskussionsthema gewesen. Dass es antisemitische Aufsätze in kirchlichen Medien, wie z. B. im deutschen Pfarrerblatt: „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker“ gibt, wurde vorsichtshalber nicht thematisiert. Oft hatte ich den Eindruck, dass es ein Anliegen der Tagung war: So ganz genau wollen wir es nun auch nicht wissen!
(Fortsetzung folgt)

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