Mittwoch, 19. April 2017

Ein Tag in Berlin

(Ein Bericht in 6 Teilen - 6/6)

Am Donnerstag, dem 6. April 2017, war ich zusammen mit meinem Mann in Berlin und es war ein erlebnisreicher Tag. Weil er viele gesellschaftliche Bezüge hatte, möchte ich einige Eindrücke davon schildern.


Der Abend: Ein Abend mit Tuvia Tenenbom

Die Abendveranstaltung - eine Lesung mit Tuvia Tenenbom aus seinem Buch „Allein unter Flüchtlingen“ - fand im „Roten Salon“ der „Volksbühne“ am Rosa-Luxemburg Platz statt. Vor vier Jahren erlebte ich ihn im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin, wo sich die äußere Atmosphäre sehr von der jetzigen im „Roten Salon“ unterschied, hier herrschte DDR-Flair. Aber Tuvia war derselbe!

Der Redakteur der „Jüdischen Rundschau“ Simon Akstinat begrüßte das Publikum und stellte Tuvia Tenenbom als eine Art modernen Till Eulenspiegel vor und erinnerte daran, dass ihm Ende 2016 der Preis für den ehrlichen Journalismus der „Jüdischen Rundschau“ verliehen wurde.

Wie damals las ein Rezitator den Text aus dem Buch und Tuvia Tenenbom konferierte anschließend mit dem Publikum. Die Studenten, die vor vier Jahren lasen, hatten die Lesung nüchterner gestaltet und waren hinter dem Text zurück getreten. Jetzt las der Schauspieler Mex Schlüpfer von der Volksbühne und brachte einige rhetorische Effekte in seine Lesung, was ihr dadurch einen etwas anderen Charakter verlieh.

Mit dem Sujet des Buches, der so genannten Flüchtlingsproblematik, sind wir aus Erfahrung vertraut, den Inhalt des Buches kannten wir. Beim anschließenden persönlichen Auftritt war es interessant mitzuerleben, wie Tuvia Tenenbom in seiner Erinnerung an das, was er in deutschen Flüchtlingsunterkünften - speziell auch hier in Tempelhof - erlebt und erfahren hatte, fast noch einmal emotional ergriffen war. Zu Angela Merkel, die er „Mutti“ nannte, hatte er eine vernichtende Meinung. Dass sie für vieles, was hier geschah und auch für vieles, was schief läuft, direkt mitverantwortlich ist, davon war er überzeugt. Das Publikum ließ sich ein wenig einschüchtern von dieser markigen und zugleich charismatischen Persönlichkeit, so dass die Fragen eher verhalten und kaum aggressiv kamen, wie ich es schon manchmal bei Veranstaltungen dieser Art erlebte. Er wurde gefragt, wie er selbst dieses Problem lösen möchte, worauf er antwortete, dass das nicht „sein Job“ sei, das sei vielmehr Sache der Politiker. Ein Mann äußerte die Vermutung, dass Tuvia in der gleichen Weise, nur eben andersherum geschrieben hätte, wenn die Massenaufnahme der Flüchtlinge verweigert worden wäre, denn dann hätte er vielleicht an der Grenze darbende, abgewiesene Flüchtlinge interviewt, und wieder würde Deutschland als„schlecht“ davon kommen. Tuvia hatte überhaupt kein Problem, diese dialektische Frage zu kontern: Warum hätte in solch einem Fall „schlecht“ über Deutschland geschrieben werden sollen? Andere Länder, die weit weniger Flüchtlinge aufnahmen, wie zum Beispiel England, werden doch nicht als „schlecht“ bezeichnet. Ihm ginge es in keiner Weise darum, über jemanden „schlecht“ zu schreiben. Er beschreibt das, was er sieht. Dazu stellte er die These auf, dass umgekehrt Deutschland sich dieses Problem aufgehalst hätte, um als „gut“ dazu stehen. Er meinte, dass das gesamte Geschehen rund um die Flüchtlinge in Deutschland komplexe innere Ursachen habe. Die erwähnten Diskussionspunkte sind nur kurze Schlaglichter aus dem umfangreichen, über eine Stunde andauernden Austausch zwischen Tuvia und seinem Publikum.

tuvia

Uns gefiel, dass Tuvia nicht im Konjunktiv sprach, sondern direkt und unverblümt seine Meinung sagte. Nach der Lesung hatten wir unsere Freude daran, wie sich der Schauspieler Mex Schlüpfer, der seinem Habitus nach als ein „Linker“ auftrat und Tuvia Tenenbom, der wahrscheinlich von manchen, die ähnlich wie Mex Schlüpfer auftreten, als ein „Schlimmer“ angesehen wird, herzlich umarmten.

Tuvia Tenenbom ist eine einmalige Individualität mit großer menschlicher Ausstrahlung und zugleich in seiner Arbeit ein genauer Beobachter vor Ort und danach ein kompromissloser journalistischer Berichterstatter. Es lohnt sich, einen Blick in seine Bücher zu werfen, weil der Leser durch neue unerwartete und sehr originell dargebotene Erkenntnisse belohnt wird.

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